Sabotage einer Journalistin in Frankreich »Ich habe Angst. Angst um mich und meine Familie«

Morgan Large kritisiert die Agrarindustrie in der Bretagne. Eine mächtige Lobby sieht sie deshalb als Gegnerin. Die Folge: Ihr Hund wurde vergiftet, Radbolzen am Auto gelockert, bei ihrer Arbeit eingebrochen.
Journalistin Morgan Large mit Unterstützerinnen und Unterstützern bei Demonstration Anfang April: Drohanrufe und ein manipuliertes Auto

Journalistin Morgan Large mit Unterstützerinnen und Unterstützern bei Demonstration Anfang April: Drohanrufe und ein manipuliertes Auto

Foto: DAMIEN MEYER / AFP

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Der Weg zu Morgan Large führt über geschwungene Alleen entlang gelb blühender Rapsfelder. Die Adresse ihres Hauses in Glomel im Département Côtes-d'Armor im Landesinneren der Bretagne ist nicht im GPS verzeichnet. Doch dann kommt Bob, ein Nachbar, mit einem Bier in der Hand: »Willst Du zu Morgan?« fragt er. »Das ist dort unten, wo die Straße endet.«

In letzter Zeit hat er öfter den Wegweiser gespielt. Die Journalistin des lokalen Radiosenders »Kreiz Breizh« wird seit Wochen selbst von Kolleginnen und Kollegen französischer Zeitungen, Radio- und Fernsehsender interviewt.

Morgan Larges Fall bewegt Medien und Öffentlichkeit, seit Ende März bekannt wurde, dass ihr Auto sabotiert worden war. Sie hatte es tagelang nicht bemerkt, bis sie auf dem Weg zu ihrem Haus eine Schraube am Boden fand. Ihre Autowerkstätte schließt aus, dass Abnutzung der Grund für die herausgelöste Schraube sein könnte. Jemand muss daran gedreht haben.

Large selbst ist sich sicher, dass der Anschlag mit ihrer Arbeit als Journalistin zu tun hat. Seit sie in einer TV-Dokumentation 2020 die Landwirtschaft in der Region kritisiert hatte, wurde ihr gedroht. Reporter ohne Grenzen fordert Polizeischutz für Morgan Large. 800 Menschen gingen aus Solidarität mit ihr am 6. April trotz Corona-Restriktionen in Rostrenen auf die Straße und demonstrierten für den Schutz der Pressefreiheit.

Morgen Large, 49, Journalistin in Glomel

Morgen Large, 49, Journalistin in Glomel

Foto: Petra Truckendanner / DER SPIEGEL

Morgan Large sitzt auf ihrer Terrasse. Ein zotteliger Hund begrüßt Fremde freundlich, wedelt mit dem Schwanz. Sie sei eine kleine Lokaljournalistin und habe nicht vorgehabt, im Zentrum der landesweiten Aufmerksamkeit zu stehen, erzählt sie. Dennoch habe sie sich entschieden, öffentlich zu machen und zu erzählen, was ihr passiert ist – schließlich sei es wichtig, die Pressefreiheit zu verteidigen.

Seit zwanzig Jahren arbeitet Large als Journalistin in Glomel. Sie sei keine militante Umweltaktivistin und lasse in ihren Radiosendungen immer alle Seiten zu Wort kommen, sagt sie über sich selbst. Ihre kritischen Berichte würden offenbar stören, das habe sie immer mal wieder zu spüren bekommen.

Doch nie war es so schlimm, wie nach der Fernsehdokumentation »Bretagne. Une terre sacrifiée« (»Bretagne. Die geopferte Erde«) auf France 5 im vergangenen November. Der Film setzte sich kritisch mit der intensiven Landwirtschaft in der Region auseinander. Morgan Large war eine von vielen Zeugen, die für die Sendung interviewt wurden. Der Film verärgerte viele Landwirte.

Kurz nach der Ausstrahlung begannen die anonymen Anrufe, meist klingelte das Telefon nachts. Es häuften sich ungewöhnliche Ereignisse: Ihr Hund verendete fast an einer Vergiftung, das Gatter ihrer Pferdekoppel stand plötzlich offen, in den Radiosender wurde eingebrochen.

Eine große Bauerngewerkschaft veröffentlichte kurz nach der Ausstrahlung ein Foto von Large auf Twitter. Der Beitrag ist mittlerweile gelöscht. »Sie haben mich damit zur Zielscheibe gemacht«, sagt Large. Es sah so aus, als sei sie allein für den gesamten Film verantwortlich. Man warf Large vor, sie beschmutze das Bild der Bretagne.

Dann kam der 31. März, der Tag, an dem sie vor ihrem Haus den Radbolzen fand und feststellen musste, dass er an ihrem eigenen Auto fehlte. Ein Nachbar hatte fünf Tage zuvor bereits eine andere Radschraube auf der Straße gefunden. Nichtsahnend war sie in der Zwischenzeit noch mit ihrem Auto unterwegs gewesen, einmal mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde mit ihrer 17-jährigen Tochter auf einer Schnellstraße gefahren.

Sie habe zunächst so tun wollen, als ob ihr die Drohungen nichts anhaben könnten. Dann entschied sie sich für die Wahrheit: »Ich habe Angst. Angst um mich und um meine Familie.«

Eine Frage lässt sie seit dem 31. März nicht mehr los: »Wem bin ich im Wege?«.

Bretagne: Bilderbuchlandschaft und Massentierhaltung

Die Bretagne, mit ihren rund drei Millionen Einwohnern, ist die größte Landwirtschaftsregion Frankreichs. Seit Jahrzehnten schwelt ein Konflikt zwischen verschiedenen Bauernverbänden und Betrieben mit Massentierhaltung auf der einen Seite, sowie Bio-Landwirtschaft und Umweltschutzgruppen auf der anderen. Die Auffassungen könnten oft kaum unterschiedlicher sein. Journalistinnen und Journalisten wie Morgen Large, die die Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf die Natur oder die Gefahren von Pestiziden aufzeigen, provozieren eine mächtige Lobby und werden als »Öko-Dschihadisten« oder »Grüne Ajatollahs« beschimpft.

Trügt der schöne Schein? Die Landwirtschaft schadet der Natur, die Nitratbelastung in den bretonischen Flüssen ist seit 1960 von fünf Milligramm auf 30 Milligramm pro Liter angestiegen.

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Foto: D. Maehrmann / blickwinkel / imago images

Wie angespannt die Stimmung gegenüber Journalistinnen und Journalisten ist, musste kürzlich auch eine deutsche Journalistin feststellen, die in der Gegend um Glomel recherchierte. Sie musste die Aufzeichnung eines Gesprächs mit einem Landwirt auf Betreiben der Gendarmarie löschen. Die Journalistin will anonym bleiben und äußert sich nicht in den Medien.

Die Pressestelle der Gendarmarie hat den Fall auf Nachfrage des SPIEGEL bestätigt: Ein Gendarm habe am 30. März einen Landwirt zu einer Pension begleitet, wo eine deutsche Journalistin gewohnt habe. Der Gendarm diente dabei, so die Pressestelle, lediglich als »Vermittler«. Es galt zu verhindern, dass der Landwirt Anzeige erstattet, weil er nicht vorab über die Aufnahme informiert worden war. Die Journalistin habe das Gespräch »völlig freiwillig« gelöscht.

Tourismusregion Bretagne: Die Nitratbelastung fördert die Bildung von Grünalgen an den Stränden, die bei ihrer Verwesung giftigen Schwefelwasserstoff bilden

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Foto: Andia / Universal Images Group / Getty Images

Jean-Marc Thomas, Bio-Landwirt in Rosporden und Sprecher des Bauernverbandes Confédération Paysanne, zeigt sich wenig überrascht. Im Fall der deutschen Journalistin habe die Einschüchterung offenbar perfekt funktioniert. Hinter der Sabotage am Auto von Morgan Large stehen seiner Meinung nach Leute, die sich der Konsequenzen ihrer Tat nicht einmal bewusst sind. Die Stimmung unter den Landwirten war in letzter Zeit aufgeheizt, nachdem Umweltaktivisten in Farmen mit Massentierhaltung eingedrungen waren und Videos davon veröffentlicht hatten. Es sei schwer für Journalisten, Missstände aufzuzeigen, wie etwa die Gefahr durch Pestizide. Dabei sei belegt, dass bestimmte Krebsarten bei Landwirten mit diesen Produkten zusammenhängen.

Pierre Chesnot, 46, aus Saint-Laurent bei Guingamp ist so ein Fall. Er hatte Lymphdrüsenkrebs und gilt heute als geheilt. Die Krankenkasse erkannte seinen Krebs als Berufskrankheit an. Jahrelang hatte er in seinem Betrieb krebserregende Produkte verwendet. Heute ist er Bio-Bauer und warnt seine Kollegen vor den Gesundheitsgefahren durch Pestizide. »Ich mache mich damit bei manchen unbeliebt. Aber ich sage es ihnen trotzdem.«

»Journalisten sprechen Wahrheiten aus, die die Leute nicht wissen wollen«

Pierre Chesnot, 46, Landwirt in Saint-Laurent

Er glaubt, dass Journalisten angefeindet werden, weil sie die Wahrheit sagten, die zwar alle kennen, die aber niemand gerne hören würde. Pestizide seien nun einmal eine schnelle und einfache Lösung, so Chesnot. Viele Kollegen, die oft hoch verschuldet seien, würden diese Methode trotz der Risiken weiterhin nutzen.

Der Bauernverband, der Larges Foto auf Twitter veröffentlichte, ist sich keiner Schuld bewusst. Er verurteilte den Anschlag auf die Journalistin öffentlich. Die Bauern in der Region hätten es aber satt, ständig als die Bösen dazustehen, sagt ein Sprecher. Sie hätten in den vergangenen Jahren viel investiert, um Umweltauflagen zu erfüllen. Und es sei zudem doch gar nicht gesagt, dass der Täter ein Landwirt war. Es könne genauso gut ein Nachbar gewesen sein, mit dem sie Streit hatte.

Das muss nun die Justiz klären. Die Staatsanwaltschaft in Saint-Brieuc hat einen Untersuchungsrichter beauftragt, ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Die Journalistin hofft, dass so die Verantwortlichen gefunden werden.

An sich selbst hat sie erlebt, wie wirkungsvoll diese Einschüchterungsversuche sein können. Wochenlang habe sie sich wie gelähmt gefühlt, sei zu Hause geblieben und habe nicht gearbeitet. Dann habe sie sich selbst einen Ruck gegeben und sich wieder auf den Weg zur Arbeit gemacht. Vergessen aber hat sie den Vorfall nicht. Manchmal kommt die Angst zurück. »Dann gehe ich mehrmals um mein Auto, bevor ich mich traue, einzusteigen.«

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