Putins kalte Macht vs. Teamplay im Westen Jetzt ist der Tisch noch größer

Lachen, Umarmungen und Gemeinschaft auf der einen Seite, versteinerte Mienen und Distanz auf der anderen. Bilder der Staatenlenker bei G7 und Nato im Vergleich mit denen aus Aschgabat.
Beim Treffen der Kaspischen Fünf in Aschgabat wäre noch genug Platz für viele weitere Stühle gewesen

Beim Treffen der Kaspischen Fünf in Aschgabat wäre noch genug Platz für viele weitere Stühle gewesen

Foto: Grigory Sysoev / Sputnik / IMAGO

Bilder lösen Emotionen aus und können eine Wirkungskraft entwickeln, die Jahrzehnte überdauert. Willy Brandts Kniefall in Warschau oder der ehemalige US-Präsident George W. Bush, der auf einem Flugzeugträger den Krieg gegen den Irak für beendet erklärt, gehören zu den bekanntesten Beispielen. Und auch wenn die Fotos, die in den vergangenen Tagen von den Gipfeltreffen in Elmau, Madrid und Aschgabat um die Welt gingen, wahrscheinlich einen weniger prominenten Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen werden, lohnt sich trotzdem ein Blick auf die unterschiedliche Symbolik, die von den Aufnahmen ausgeht.

Die Bilder vom G7- und Nato-Gipfel symbolisierten oftmals Einigkeit, ein Treffen unter Gleichen: Staatenlenker, die eng beieinander sitzen, sich umarmen oder gemeinsam lachen.

Bei der Zusammenkunft der sogenannten Kaspischen Fünf ist die Symbolik eine andere. Beim Treffen in der Hauptstadt der autoritär geführten Ex-Sowjetrepublik Turkmenistan kommt die Runde an einem Monstrum von Tisch zusammen, die Staatenlenker sitzen weit voneinander entfernt. Wladimir Putins berühmter Tisch daheim im Kreml wirkt dagegen fast winzig. Und das Möbel, an dem der Präsident gern hochrangige Gäste empfängt, ist immerhin sechs Meter lang und 2,60 Meter breit, wie der Erbauer Renato Pologna der »Corriere della sera « erzählte.

Die Staatenlenker von Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan, Iran und Russland saßen aber offenbar nicht nur in der großen Runde weit voneinander entfernt, sondern auch bei Zwiegesprächen.

Wladimir Putin und Gurbanguly Berdimuhamedow, Vorsitzender des Volksrates von Turkmenistan

Wladimir Putin und Gurbanguly Berdimuhamedow, Vorsitzender des Volksrates von Turkmenistan

Foto: Dmitry Azarov / Kremlin / Sputnik / EPA

Herzliche Gemeinsamkeit in Garmisch-Partenkirchen, kalte Distanz in Aschgabat – diese Interpretation der Bilder bietet sich zumindest an.

Und auch der Ton der Verlautbarungen unterscheidet sich. Während es in Bayern unter anderem um Hilfen gegen den Hunger, gemeinsame Erklärungen, in der das Bekenntnis zu einer »regelbasierten internationalen Ordnung« erneut wurde, und die Gründung eines Klimaklubs ging, kam aus Turkmenistan viel Abwertendes.

DER SPIEGEL

Inhaltlich ging es in Aschgabat offiziell vornehmlich darum, unter dem Eindruck der westlichen Sanktionen die Zusammenarbeit unter anderem mit zentralasiatischen Partnern auszubauen. Russland betrachte den Aufbau regionaler Handels- und Investitionsbeziehungen sowie die Vertiefung von industrieller und technologischer Zusammenarbeit als Hauptaufgabe für die Zukunft, sagte Putin. Der Kremlchef nutzte das Treffen aber auch, um gegen den Westen auszuteilen.

Dass die G7-Staatschefs über Fotos von Putin mit freiem Oberkörper scherzten, nahm Putin zum Anlass für eine geschmacklose Replik. Hätten die G7-Spitzen sich entblößt, wäre dies ein »widerlicher Anblick« gewesen.

Die Unterhaltung, auf die Putin einging, ereignete sich auf Schloss Elmau. Der britische Regierungschef Boris Johnson fragte angesichts der hohen Temperaturen, ob man die Jacketts wohl ausziehe oder nicht, und fügte hinzu: »Wir alle müssen zeigen, dass wir härter sind als Putin.« Der kanadische Premier Justin Trudeau erwiderte unter anderem: Reiten mit nacktem Oberkörper, das müsse man machen. Er spielte damit auf ein bekanntes Foto Putins in solcher Pose an.

Im Jahr 2009 ließ Wladimir Putin sich oberkörperfrei ablichten

Im Jahr 2009 ließ Wladimir Putin sich oberkörperfrei ablichten

Foto: Alexei Druzhinin/ AP

»Ich weiß nicht, wie sie sich ausziehen wollten, oberhalb oder unterhalb der Gürtellinie. Ich denke, es wäre in jedem Fall ein widerlicher Anblick gewesen«, wurde Putin von der russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert. Für die Harmonie zwischen Körper und Seele müsse man Sport machen, nicht zu viel Alkohol trinken und andere schlechte Angewohnheiten aufgeben, belehrte Putin die Staats- und Regierungschefs der führenden demokratischen Industrieländer.

Der Westen habe versucht, die Ukraine zu einem »Anti-Russland« zu machen, von wo aus sein Land habe destabilisiert werden sollen und wo russische Kultur bekämpft worden sei, behauptete Putin. Die Nato habe die Ukraine in einen »antirussischen Brückenkopf« verwandeln wollen, bekräftigte Putin frühere Rechtfertigungen des Angriffs.

Gute Laune in Elmau

Gute Laune in Elmau

Foto: Stefan Rousseau / REUTERS

Der Nato-Gipfel in Madrid endet am Donnerstag. Das vielleicht wichtigste Signal Richtung Russland gab es bereits vor dem offiziellen Start. Die Türkei hat ihre Vorbehalte gegen eine Norderweiterung des Bündnisses aufgegeben. Ein wichtiger Schritt im Beitrittsprozess von Schweden und Finnland, auch wenn noch nicht absehbar ist, wie hoch der Preis dafür sein wird.

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