Die 260-Milliarden-Dollar-Industrie Chinas Trawler fischen Afrikas Küsten leer – für unseren Lachs aus Norwegen

Es ist ein absurder Kreislauf und ein Milliardengeschäft: Vor Westafrika werden gigantische Mengen Fisch für chinesische Fischmehlfabriken gefangen – das Futter für unsere Lachse aus norwegischen Aquakulturfarmen.
Aus Gambia berichtet Ian Urbina
Chinesischer Trawler in den Gewässern von Gambia

Chinesischer Trawler in den Gewässern von Gambia

Foto:

Fábio Nascimento / The Outlaw Ocean Project

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Tagsüber ist einiges los an den weißen Sandstränden Gunjurs, einer 15.000-Einwohner-Stadt an der Atlantikküste im Süden Gambias. Fischer steuern lange, bunt bemalte Holzkanus, sogenannte Pirogen, zum Ufer, wo sie ihren noch flatternden Fang an Frauen übergeben, die dort schon warten. Kleine Jungen spielen Fußball, Touristen schauen von ihren Liegestühlen aus zu.

Abends, wenn es dunkel wird, flackern unzählige Lagerfeuer am Strand, es wird getrommelt, Männer mit eingeölter Brust liefern sich traditionelle Ringkämpfe.

Lokales Fischerboot an Gambias Küste

Lokales Fischerboot an Gambias Küste

Foto: Peter Schickert / imago images

Doch die Idylle trügt. Wenige Hundert Meter vom Strand entfernt schlägt mir ein beißender Gestank entgegen, der an verrottetes Fleisch erinnert. Hinter einer drei Meter hohen Wand aus weißem Wellblech verbirgt sich die chinesische Fischmehlfabrik Golden Lead, eine Anlage aus mehreren fußballfeldgroßen Betongebäuden und sechzehn Silos, in denen getrocknetes Fischmehl und Chemikalien gelagert werden.

Videoaufnahmen, die heimlich von einem Arbeiter im Inneren von Golden Lead gemacht wurden, zeigen, dass die Anlage höhlenartig, staubig, heiß und dunkel ist. Stark schwitzend schaufeln mehrere Männer glänzende Haufen von Bonga in einen Stahltrichter. Ein Förderband transportiert den heringsartigen Fisch in einen Bottich, in dem er zu einem klebrigen Brei zermahlen wird, bevor in einem langen zylindrischen Ofen das Öl extrahiert wird. Die verbleibende Substanz wird zu einem feinen Pulver zermahlen und auf den Boden in der Mitte der Lagerhalle gekippt, wo es sich zu einem meterhohen goldenen Hügel auftürmt.

Die chinesische Golden-Lead-Fischmehlfabrik an der gambischen Küste: 800.000 Kilo Fischmehl pro Tag

Die chinesische Golden-Lead-Fischmehlfabrik an der gambischen Küste: 800.000 Kilo Fischmehl pro Tag

Foto: Xaume Olleros

Nachdem das Pulver abgekühlt ist, schaufeln Arbeiter es in 50 Kilogramm schwere Plastiksäcke, die vom Boden bis zur Decke gestapelt werden. Ein Versandcontainer fasst 400 Säcke, und die Männer der drei Fabriken in Gambia füllen etwa 20 bis 40 Container pro Tag, berichtet der Umweltaktivist Mustapha Manneh. 800.000 Kilo Fischmehl pro Tag.

Täglich werden hier aus Gunjur in Gambia, dem kleinsten Land des afrikanischen Festlandes, Schiffscontainer voller Fischmehl vor allem nach China und Norwegen geschafft, wo es in der boomenden Industrie der Aquakulturfarmen an Lachse und andere Fische verfüttert wird, die dann in europäischen und amerikanischen Supermärkten und auf unseren Tellern landen.

Der globale Pro-Kopf-Konsum von Fisch und Meeresfrüchten hat sich seit den Sechzigerjahren verdoppelt, und der Appetit der wachsenden Weltbevölkerung auf Fisch ist größer als das, was wir nachhaltig fangen können: Wildfischbestände brechen zusammen oder können einer weiteren Befischung nicht standhalten. Die Lösung: Aquakulturen, also Fischzucht statt Fang.

Inzwischen ist die Aquakulturindustrie für etwa die Hälfte des weltweiten Fischkonsums verantwortlich und – mit einem Wert von mehr als 260 Milliarden Dollar – das am schnellsten wachsende Segment der globalen Nahrungsmittelproduktion.

Norwegischer Zuchtlachs wird auf einem Wochenmarkt in Niedersachsen verkauft

Norwegischer Zuchtlachs wird auf einem Wochenmarkt in Niedersachsen verkauft

Foto: Holger Hollemann / picture alliance / dpa

Die größte Herausforderung bei der Fischzucht: die Fütterung der Tiere. Das Futter macht – je nach Fisch – zwischen 50 und 90 Prozent der Betriebskosten der Industrie aus, und bisher ist die einzige kommerziell nutzbare Futterquelle Fischmehl. Dabei verbrauchen die Aquakulturfarmen teilweise mehr Fisch als sie später wiederum an Supermärkte und Restaurants liefern. Bevor er auf den Markt kommt, kann ein gezüchteter Thunfisch mehr als das Fünfzehnfache seines Gewichts an frei lebendem Fisch fressen, der zu Fischmehl verarbeitet wurde.

So enden inzwischen etwa ein Viertel aller weltweit im Meer gefangenen Fische als Fischmehl, das von Fabriken wie der an der gambischen Küste hergestellt wird.

Die Menschen in Gambia profitieren so gut wie nicht von den chinesischen Fischmehlfabriken, im Gegenteil: Sie verlieren ihre Nahrungs- und Lebensgrundlage, ihr Einkommen – und ihre Natur

Die Menschen in Gambia profitieren so gut wie nicht von den chinesischen Fischmehlfabriken, im Gegenteil: Sie verlieren ihre Nahrungs- und Lebensgrundlage, ihr Einkommen – und ihre Natur

Foto: Andrew Woodley / UIG / imago images

Westafrika gehört zu den am schnellsten wachsenden Produzenten von Fischmehl: Mehr als fünfzig Verarbeitungsbetriebe wie Golden Lead wurden entlang der Küsten von Mauretanien, Senegal, Guinea-Bissau und Gambia hochgezogen – und die weltweite Nachfrage nach ihrer Ware explodiert.

Doch die Menschen in Gambia haben davon so gut wie nichts. Im Gegenteil: Sie verlieren ihre Nahrungs- und Lebensgrundlage, ihr Einkommen – und ihre Natur.

Golden Lead ist ein Vorposten einer ehrgeizigen wirtschaftlichen und geopolitischen Agenda Chinas, auch bekannt als »Belt and Road Initiative«. Die chinesische Regierung sagt, sie wolle im Ausland Wohlwollen aufbauen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern und ärmeren Ländern ansonsten unzugängliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

Golden Lead in der gambischen Hauptstadt Banjul: Im Jahr 2017 erließ China Gambia 14 Millionen Dollar an Schulden und investierte 33 Millionen in die Entwicklung von Landwirtschaft und Fischerei in dem Land

Golden Lead in der gambischen Hauptstadt Banjul: Im Jahr 2017 erließ China Gambia 14 Millionen Dollar an Schulden und investierte 33 Millionen in die Entwicklung von Landwirtschaft und Fischerei in dem Land

Foto: Abdoulie John / AP

Als Teil der Initiative ist China zum größten ausländischen Finanzier der Infrastrukturentwicklung in Afrika geworden und beherrscht den Markt für die meisten Straßen-, Pipeline-, Kraftwerk- und Hafenprojekte des Kontinents. Im Jahr 2017 erließ China Gambia 14 Millionen Dollar an Schulden und investierte 33 Millionen in die Entwicklung von Landwirtschaft und Fischerei in dem Land, darunter Golden Lead und zwei weitere Fisch verarbeitende Anlagen entlang der 80 Kilometer langen gambischen Küste.

Den Bewohnern von Gunjur wurde gesagt, dass Golden Lead Arbeitsplätze, einen Fischmarkt und eine neu gepflasterte Straße durch das Herz der Stadt bringen würde.

Ansu Sanyang ist ein lokaler Fischer in Gambia: Weil er wenig Arbeit hatte und kaum etwas für seine Familie verdienen konnte, wollte der junge Mann versuchen, über Libyen in Richtung Europa zu migrieren – so wie viele Gambier (Archivbild)

Ansu Sanyang ist ein lokaler Fischer in Gambia: Weil er wenig Arbeit hatte und kaum etwas für seine Familie verdienen konnte, wollte der junge Mann versuchen, über Libyen in Richtung Europa zu migrieren – so wie viele Gambier (Archivbild)

Foto: SEYLLOU / AFP

Für die einheimischen Fischer, die ihre Netze meist per Hand von Pirogen aus auswerfen, bedeutet der Aufstieg der Aquakultur jedoch vor allem: Hunderte von legalen und illegalen ausländischen Fischfahrzeugen, darunter industrielle Trawler und Ringwadenfänger, die in den Gewässern vor der gambischen Küste kreuzen, die Fischbestände der Region dezimieren und so die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort gefährden.

»Wir können nicht mithalten«, sagt eine Frau, die zwischen der Fabrik und dem Strand ihren Fisch verkauft. Ihr Korb ist nur halb gefüllt. »Es geht alles dorthin«, sie deutet auf die Fabrik.

Traditioneller Fischmarkt in Gambia: Während Bonga-Fisch vor zwei Jahrzehnten laut Anwohnern so reichlich vorhanden war, dass er auf manchen Märkten verschenkt wurde, kostet er jetzt mehr, als sich die meisten Einheimischen leisten können

Traditioneller Fischmarkt in Gambia: Während Bonga-Fisch vor zwei Jahrzehnten laut Anwohnern so reichlich vorhanden war, dass er auf manchen Märkten verschenkt wurde, kostet er jetzt mehr, als sich die meisten Einheimischen leisten können

Foto: Peter Schickert / imago images

Ein paar Hundert Meter weiter steht Dawda Jack Jabang, der 57-jährige Besitzer der Treehouse Lodge, eines verlassenen Hotels und Restaurants am Strand, und starrt auf die brechenden Wellen. »Über Nacht hat Golden Lead mein Leben zerstört«, sagt er. Die Buchungen für das Hotel seien stark zurückgegangen, und der Gestank sei zeitweise so heftig, dass die Gäste sein Restaurant verlassen, bevor sie ihr Essen beendet hätten, erzählt er.

Golden Lead habe der lokalen Wirtschaft mehr geschadet als geholfen, sagt Jabang. Und was ist mit all den jungen Männern, die ihre Körbe mit Fisch zur Fabrik schleppen? Jabang winkt ab: »Das ist nicht die Beschäftigung, die wir wollen. Sie verwandeln uns in Esel und Affen.«

Auch von den Arbeitsplätzen in den Fabriken profitieren nur wenige. Fischmehl ist relativ einfach herzustellen, und der Prozess hochmechanisiert, was bedeutet, dass Anlagen in der Größe von Golden Lead laut Umweltaktivist Manneh nur etwa ein Dutzend Männer pro Schicht benötigen.

Hinzu kommt: Während die Spezies Bonga vor zwei Jahrzehnten laut Anwohnern so reichlich vorhanden war, dass der Fisch auf manchen Märkten verschenkt wurde, kostet er jetzt mehr, als sich die meisten Einheimischen leisten können. Tatsächlich ist der Preis in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Und die Hälfte der gambischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze – und Fisch, vor allem Bonga, deckt die Hälfte des Bedarfs an tierischem Eiweiß im Land.

Im September 2019 versammelten sich die gambischen Gesetzgeber zu einer jährlichen Sitzung, bei der James Gomez, Minister für Fischerei und Wasserressourcen des Landes, darauf bestand, dass »die gambische Fischerei floriert«. Zur Kritik an den drei Fischmehlfabriken, einschließlich ihres unersättlichen Verbrauchs von Bonga, wollte Gomez sich nicht äußern, berichtet Manneh. »Die Boote nehmen nicht mehr als eine nachhaltige Menge«, sagte der Minister demnach und fügte hinzu, dass die gambischen Gewässer sogar genug Fisch hätten, um zwei weitere Fabriken zu versorgen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die gambische Regierung die chinesischen Geldgeber in Schutz nahm.

Am Morgen des 22. Mai 2017 entdeckte die Gunjur-Gemeinde, dass sich die Lagune von Bolong Fenyo über Nacht in ein trübes Purpurrot verwandelt hatte, übersät mit schwimmenden toten Fischen. »Alles ist rot«, schrieb ein lokaler Reporter, »und jedes Lebewesen ist tot.«

Das Wildtierreservat Bolong Fenyo war 2008 von der Gunjur-Gemeinde gegründet worden und diente dem Schutz von mehr als 300 Hektar Strand, Mangrovensumpf, Feuchtgebiet, Savanne und einer länglichen Lagune. Die Lagune, knapp einen Kilometer lang und ein paar Hundert Meter breit, ist ein üppiger Lebensraum für Zugvögel, Buckeldelfine, Fledermäuse, Nilkrokodile und Affen.

Als Wunder der Artenvielfalt ist das Reservat ein wesentlicher Bestandteil der ökologischen Gesundheit der Region – und mit Hunderten von Vogelbeobachtern und anderen Touristen, die es jedes Jahr besuchen, auch der wirtschaftlichen Gesundheit der Region.

Das Wildtierreservat Bolong Fenyo befindet sich neben der Golden-Lead-Fischmehlfabrik

Das Wildtierreservat Bolong Fenyo befindet sich neben der Golden-Lead-Fischmehlfabrik

Foto: Xaume Olleros

Um herauszufinden, was mit ihrer Lagune passiert war, füllten einige Bewohner Flaschen mit Wasser aus der Lagune und brachten sie zu der einen Person in der Stadt, von der sie dachten, dass sie helfen könnte: Ahmed Manjang. Geboren und aufgewachsen in Gunjur, lebt Manjang inzwischen in Saudi-Arabien, wo er als leitender Mikrobiologe arbeitet.

Als er zufällig zu Besuch in der Heimat war, sammelte er selbst Proben zur Analyse und schickte sie an ein Labor in Deutschland. Die Ergebnisse waren alarmierend: Das Wasser enthielt die doppelte Menge an Arsen und eine zigfache Menge an Phosphaten und Nitraten, die als sicher gelten.

Manjang schrieb einen Brief an Gambias Umweltminister und nannte das Sterben der Lagune »eine absolute Katastrophe«. Und der Biologe kam zu dem Schluss, dass die Verschmutzung in diesem Ausmaß nur eine Quelle haben konnte: illegal abgelagerte Abfälle der chinesischen Fischverarbeitungsfabrik Golden Lead, die am Rande des Reservats arbeitet.

Fischmehlproduktion in Gambia

Fischmehlproduktion in Gambia

Foto: Fábio Nascimento / The Outlaw Ocean Project

Nachdem die gambischen Umweltbehörden Golden Lead zu der Geldstrafe verurteilt hatten, deren vergleichsweise geringe Höhe Manjang als »armselig und beleidigend« bezeichnete, hörte das Unternehmen auf, seine giftigen Abwässer direkt in die Lagune zu leiten. Stattdessen wurde ein langes Abwasserrohr unter einem nahegelegenen öffentlichen Strand verlegt – und die Abwässer direkt ins Meer entsorgt.

Schwimmer klagten bald über Hautausschläge, das Meer wuchs mit Algen zu und Tausende von toten Fischen wurden an Land gespült, zusammen mit Aalen, Rochen, Schildkröten und Delfinen. Anwohner zündeten Duftkerzen und Weihrauch an, um den ranzigen Geruch zu bekämpfen, der aus den Fischmehlfabriken kam, und Touristen trugen Masken.

Manjang kontaktierte Umweltschützer und Journalisten sowie gambische Gesetzgeber, wurde aber, so berichtet er, bald vom gambischen Handelsminister gewarnt, dass ein Vorantreiben des Themas nur die ausländischen Investitionen gefährden würde. Auch Bamba Banja, der Staatssekretär des Ministeriums für Fischerei und Wasserressourcen, sagte einem lokalen Reporter, dass der schreckliche Gestank nur »der Geruch von Geld« sei.

Jojo Huang, die Direktorin der Fabrik, hat die Verschmutzung nahegelegener Gewässer öffentlich bestritten und erklärt, die Anlage würde alle Vorschriften für die Abfallentsorgung einhalten. Und Golden Lead teilte mit, die Anlage habe in die lokale Bildung investiert und Ramadan-Spenden an die Gemeinde geleistet – sie habe der Stadt gutgetan.

Ian Urbina ist ein Investigativ-Reporter und Direktor des Outlaw Ocean Project , einer gemeinnützigen Journalistenorganisation mit Sitz in Washington, D.C., die sich auf die Berichterstattung über Umwelt- und Menschenrechtsverbrechen auf See konzentriert.

Übersetzung und Redaktion: Lena Greiner

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: Die tägliche Exportmenge an Fischmehl aus Gambia bezieht sich auf alle drei chinesische Fabriken im Land. Wir haben die entsprechende Stelle konkretisiert.