Eingekesselte Palästinenser Uno fürchtet Hungerkrise in Gaza – Familien schlagen sich um Notrationen
Menschen deuten am Strand von Gaza auf vom Himmel fallende Hilfslieferungen: »Nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt«
Foto: Mohammed Salem / REUTERSSeit mehr als vier Monaten geht Israel gegen islamistische Kämpfer im Gazastreifen vor – und überzieht den schmalen Küstenstreifen mit Bombardements und Bodenoffensiven. Die eingekesselten Zivilisten harren in katastrophalen Bedingungen aus. Vertreter der Vereinten Nationen haben nun im Weltsicherheitsrat vor dem Hungertod Tausender gewarnt. Ein CNN-Video zeigt , wie Familien mit Schlagstöcken und Peitschen um abgeworfene Lebensmittelrationen kämpfen.
576.000 Menschen in der Region – ein Viertel der Bevölkerung – seien »nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt« sagte Ramesh Rajasingham, ranghoher Vertreter des Uno-Nothilfeprogramms Ocha, am Dienstag im mächtigsten Uno-Gremium. Unterdessen hätten die Vereinten Nationen große Probleme, Hilfsgüter in den durch Israel weitgehend abgeriegelten Gazastreifen zu bringen.
Zunehmender Zusammenbruch der zivilen Ordnung
Nach Uno-Angaben harren im Gazastreifen 1,7 von 2,2 Millionen Menschen in Notunterkünften aus. Carl Skau vom Welternährungsprogramm WFP sagte, die Bedingungen im Gazastreifen ließen humanitäre Lieferungen kaum zu. Helfer würden behindert und Konvois geplündert. Das Uno-Nothilfebüros OCHA berichtet zugleich von Anzeichen dafür, dass die öffentliche Ordnung zusammenbricht. Es gebe offenbar »Elemente krimineller Aktivität«, sagte OCHA-Sprecher Jens Laerke am Dienstag in Genf. Er nannte Banden, die sich an Hilfslieferungen bereichern wollten.
Nach seinen Angaben werden Lastwagen mit Hilfsgütern öfter nur wenige Hundert Meter hinter der Grenze angehalten und geleert. »Es gibt Verständnis dafür, dass verzweifelte Menschen sich nehmen, was sie können«, sagte Laerke. Es gebe aber offenbar Banden, die Material von Konvois mitnehmen, das später auf Schwarzmärkten auftauche. »Das sollte natürlich niemals passieren«, sagte er.
Dies stehe im Zusammenhang mit dem zunehmenden Zusammenbruch der zivilen Ordnung im Gazastreifen, wo seit fast fünf Monaten Krieg herrscht. Es gebe praktisch keine Polizeipräsenz mehr. Dass Uno-Konvois mit bewaffneten Wachen fahren, schloss Laerke aus. So funktionierten die Vereinten Nationen nicht.
Ein CNN-Bericht zeigt unterdessen verzweifelte Menschen, die mit selbst gebauten Flößen und Booten aufs offene Meer paddeln, um dort abgeworfene Hilfsrationen zu erreichen. Wieder an den Strand zurückgekehrt, verteidigen sie die Lebensmittel teils mit Schlagstöcken, Hölzern und zu Peitschen umfunktionierten Gürteln. Er sei glücklich, dass er eine Ration für seine Familie ergattert habe, berichtet ein Mann dem US-Sender. »Aber was ist mit all den anderen, die leer ausgingen?«, fragt er.
Im Gazastreifen leiden die Menschen an Hunger und Durst, weil weder gelieferte Lebensmittel noch Trinkwasser für die 2,2 Millionen Menschen in dem Küstengebiet reichen. OCHA und andere Hilfsorganisationen kritisieren, dass Israel nicht genügend Hilfslieferungen zulässt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu treibt trotz laufender Verhandlungen über eine Waffenruhe eine Bodenoffensive im Gazastreifen voran und lässt humanitäre Hilfe beschränken.