Hebamme während der Corona-Pandemie in Indien "Nachbarn meiden mich, weil ich im Krankenhaus arbeite"

Inderjeet Kaur bildet in der Stadt Hyderabad Hebammen aus. Sie fürchtet, dass viele Schwangere aus Angst vor Corona nicht zu Vorsorgeuntersuchungen gehen - was lebensgefährlich sein kann. Hier berichtet sie aus dem Krankenhaus.
Aufgezeichnet von Fiona Weber-Steinhaus
Frauen vor einem Krankenhaus in Amritsar, Indien (Archivbild)

Frauen vor einem Krankenhaus in Amritsar, Indien (Archivbild)

Foto: NARINDER NANU/ AFP
Globale Gesellschaft

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"Ende März wurde in Indien ein strikter Lockdown verhängt. Hunderttausende von Tagelöhnern liefen zu Fuß zurück in ihre Heimatdörfer, weil sie in der Stadt keine Arbeit mehr fanden. Unter ihnen auch Hochschwangere. 

Manche von ihnen, so erzählten es Kollegen, haben aus Angst lieber allein mit traditionellen Geburtshelferinnen entbunden, statt in öffentlichen Krankenhäusern. Doch nicht nur Wanderarbeiterinnen, auch viele andere Frauen fürchten, sich im Krankenhaus zu infizieren. Manche meiden auch die Vorsorgeuntersuchungen, von denen im Vergleich zu Deutschland in Indien ohnehin weniger empfohlen werden

Das ist gefährlich. Bewegt sich das Baby anders? Hat die Frau Kopfschmerzen? Entwickelt sie Bluthochdruck? Diese Hinweise sind überlebenswichtig. Wenn Schwangere nicht zu Check-ups gehen, kann die Zahl der Totgeburten steigen oder auch die Schwangerschaftserkrankung Präeklampsie unbemerkt bleiben. Sie ist in Indien noch immer einer der Haupttodesursachen für Schwangere und Mütter, obwohl sie frühzeitig erkannt gut behandelbar ist. 

Zur Person
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Inderjeet Kaur ist Direktorin der Geburtshilfe der Fernandez-Frauenkliniken in Hyderabad. Die Hebamme arbeitet und bildet seit drei Jahren die Hebammen der Kliniken aus und war daran beteiligt, die Hebammenausbildung für Indien aufzubauen. Davor hat sie 27 Jahre in Großbritannien gearbeitet.

Seit drei Jahren bilde ich Hebammen der privaten Fernandez-Frauenkliniken in der indischen Stadt Hyderabad aus. Ich wollte dort eigentlich nur ein Sabbatical machen. Mehr als 27 Jahre lang habe ich in Großbritannien als Hebamme und Hebammenausbilderin gearbeitet. Dann bin ich geblieben. 

Wir vermuten, dass während der Pandemie viele Frauen aus der Großstadt Hyderabad zu ihren Familien mütterlicherseits gefahren sind. Geburt ist in Indien im Vergleich zum Westen viel mehr eine Familienangelegenheit.

Dennoch hatten wir seitdem rund um die Uhr zu tun. Den Betrieb in der Klinik mussten wir der Pandemie anpassen, die Wartebereiche umbauen, Schutzanzüge und Masken bestellen, uns weiterbilden und so viele Gespräche wie möglich online führen. Zu unserer Arbeit gehört auch, mit Frauen über ihre Sorgen und Fragen zu sprechen - etwa, wie man sich vor Covid-19 schützt - oder um Mythen aufzuklären. Manche Frauen etwa essen wenig, in der Hoffnung, ein zartes Baby zu bekommen. Diese Gespräche können wir gut online führen. Die allermeisten Frauen haben einen PC oder ein Smartphone. So fühlen sich manche Tage an wie eine einzige Zoom-Konferenz.

In der Klinik messen wir die Temperatur aller Besucher, aber wir testen die Frauen nicht. Zum einen ist das Ergebnis erst 48 Stunden später da - viel zu spät, wenn eine Frau bereits Wehen hat. Zum anderen: Wenn Frauen positiv getestet wurden, ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass sie in einem der speziellen Covid-19-Krankenhäuser entbinden müssen. Davor aber fürchten sich viele und verstecken lieber, dass sie sich schwach fühlen oder husten. Deswegen haben wir uns entschieden, dass alle Frauen mit Symptomen in einem abgetrennten isolierten Bereich entbinden. 

Bei uns dürfen die Frauen weiterhin einen Partner zur Geburt mitnehmen. Er muss eine Maske tragen und darf nicht in den Gängen umherlaufen. Ich erinnere mich, wie eine kranke Frau mit Schutzmaske ihr Kind zur Welt brachte. Unsere Hebamme betreute sie stundenlang in voller PPE-Schutzmontur, wie alle im Isolierbereich. Darin zu arbeiten ist heiß und wahnsinnig anstrengend. Man kann nicht trinken, essen oder auf die Toilette gehen. 

Es belastet die Hebammen auch psychisch. Wir arbeiten ja sehr körperbetont - jetzt müssen wir genau das umgehen. Stattdessen versuchen wir, den Frauen in die Augen zu schauen, ihnen die Hand auf die Schulter zu legen. Unsere Erfahrung ist, dass es den Neugeborenen von Frauen mit Symptomen gutgeht. Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Covid-19 und Geburt erweitern sich stetig. 

Andere Krankenhäuser hätten das Kind per Kaiserschnitt geholt. Ich befürchte sowieso, dass in der Pandemie die Zahl der Kaiserschnitte weiter steigt: Es geht ja viel schneller als eine normale Geburt, man kann die Geburten takten, und Pfleger und Ärzte haben natürlich auch Angst, sich zu infizieren. 

Dazu kommt das Stigma. Wenn es in einem Haus eine Covid-19-Infektion gab, klebt die Regierung einen Zettel an die Tür. In meinem Apartmentblock meiden mich manche Nachbarn, weil ich in einem Krankenhaus arbeite.

Doch Covid-19 ist keine Kaiserschnitt-Indikation. Für die Frau bleibt es ein massiver chirurgischer Eingriff, der medizinisch gerechtfertigt sein sollte. Unser Bundesstaat Telangana hat bereits die höchste Rate in ganz Indien. Knapp 60 Prozent der Kinder werden so geboren. Dies ist ein Problem für die öffentliche Gesundheit: Ein Kaiserschnitt kostet für die Familien viel mehr, und das Kind wird nicht wie bei einer natürlichen Geburt Mikrobiomen ausgesetzt, die das Immunsystem stärken. 

Ich finde es wichtig zu betonen: Auch während der Pandemie sollte die Geburt eines Kindes ein freudiges Ereignis sein. Ich fürchte, dass die Vorfreude inzwischen mit Angst überlagert wird."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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