Flucht aus der Ukraine »Winterjacken aus Deutschland helfen eher nicht«

Kerstin Bandsom hat für die Welthungerhilfe Geflüchtete an den Grenzen zur Ukraine versorgt. Hier sagt sie, was die Menschen dort wirklich brauchen – und wie der Krieg weltweit Millionen in den Hunger treiben könnte.
Ein Interview von Maria Stöhr
Freiwillige Helfer im polnischen Budomierz: Essensrationen für die Geflüchteten

Freiwillige Helfer im polnischen Budomierz: Essensrationen für die Geflüchteten

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Markus Schreiber / AP

Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Frau Bandsom, Sie waren gerade acht Tage lang an Grenzübergängen zur Ukraine unterwegs, in der Republik Moldau, in Polen und Rumänien. Dort kommen täglich Tausende Geflüchtete aus der Ukraine an. Was haben Sie erlebt?

Bandsom: Unglaublich erschöpfte Menschen. Blasse, starre Blicke. Man sieht ihren Gesichtern an, dass sie zum Teil 30, 40 Kilometer zu Fuß gelaufen sind, Ängste ausgestanden haben, sich von Verwandten haben trennen müssen. Bei vielen bricht sich, wenn sie es endlich über die Grenze geschafft haben, ein Vulkan an Gefühlen Bahn – ich nenne es eine verzweifelte Freude: über die Hilfen, über eine heiße Tasse Tee. Wenn dieser kurze euphorische Moment vorbei ist, überfällt die Menschen eine große Schwere.

Zur Person

Kerstin Brandsom, geboren 1964, arbeitet im Team Kommunikation bei der Welthungerhilfe. Sie ist weltweit in Krisensituationen im Einsatz, etwa in Mosambik, Uganda und Bangladesch. Am 9. März kehrte sie vom Einsatz in Nachbarstaaten der Ukraine zurück, wo sie an Grenzübergängen in der Republik Moldau, Polen und Rumänien Geflüchtete unterstützt hatte.

SPIEGEL: An welche Begegnung denken Sie dabei vor allem?

Bandsom: Eine junge Frau, Alina, kam an meinem ersten Einsatztag über die Grenze nach Polen. Ihre Augen konnte sie kaum offenhalten. Sie hat immer nur gerufen: »Ich habe meine Familie zurückgelassen.« Sie fühlte sich schuldig, weil sie gegangen war. Sie war erst fünf Stunden, bevor die ersten Bombardierungen losgingen, aus dem Urlaub in Portugal zurückgekommen. Sie war ganz kurz zu Hause, griff ein paar Sachen, dann floh sie. Komplett überstürzt.

Kerstin Bandsom traf die Ukrainerin Alina, die völlig erschöpft in Krakau am Bahnhof ankam

Kerstin Bandsom traf die Ukrainerin Alina, die völlig erschöpft in Krakau am Bahnhof ankam

Foto: welthungerhilfe / Welthungerhilfe

Dann habe ich in Krakau zwei Frauen aus Kiew getroffen. Die sind mit dem Zug geflohen. Unterwegs ist er drei Stunden auf offener Strecke stehen geblieben, wegen drohender Luftangriffe. Stellen Sie sich das vor: 30 Stunden waren die Frauen in dem Zug, stehend. Kein einziger Sitzplatz frei. Kein Zugang zur Toilette. Frauen, Kinder, ältere Menschen. Babys, denen man nicht die Windeln wechseln konnte. Und über allem diese Sirenen und die Angst. Als die Frauen längst in Sicherheit waren, in Polen, sagten sie mir: Wir hören die Sirenen über uns immer noch.

»Psychosoziale Auffälligkeiten, Panikattacken, Magenprobleme, Herzinfarkte, Bluthochdruck – Symptome des Krieges«

Kerstin Bandsom

SPIEGEL: Die Republik Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas, Hunderttausende Menschen kamen dort nun an. Wie kommt das Land zurecht?

Bandsom: An einem Tag kamen innerhalb einer Stunde hundert Autos über die Grenze. Da fragten sich die Helfer vor Ort schon: Wie kriegen wir das alles hin? Allein die Infrastruktur, Straßen, Züge, Busse, das ist dort alles nicht so üppig. Und irgendwie müssen die Geflüchteten ja weiter verteilt werden. Dazu ist es extrem kalt, es hat geschneit. Aber es gibt eine riesige Hilfsbereitschaft. Ein Kaufhausbesitzer hat zwei Etagen freigeräumt, alles tipptopp organisiert, auch Ärzte sind da. Eine Ärztin sagte mir: psychosoziale Auffälligkeiten, Panikattacken, Magenprobleme, Herzinfarkte, Bluthochdruck, diese Dinge bringen die Menschen mit. Symptome der Flucht und des Krieges.

SPIEGEL: Waren Sie auch in der Ukraine, auf der anderen Seite der Grenze?

Bandsom: Nein. Aber von der Grenze in Larga in Moldau konnte ich gut rüberschauen. Das war für mich fast das Traurigste von allem: Da sind Autos an die Grenze gefahren, haben Frauen und Kinder rausgelassen und sind dann wieder umgedreht. Da weiß man einfach, hinter dem Steuer sitzen Partner, Väter, Opas, Onkel, die zurückbleiben müssen. Die Frauen, die aussteigen, haben nicht nur die Last des Krieges auf ihren Schultern und die Trennung von einem geliebten Mann. Sie haben ihre Kinder zu versorgen, sie müssen für die Kinder stark bleiben. So viel Schmerz. Werden sie die Männer wiedersehen? Das können sich nur Menschen wirklich vorstellen, die selbst Krieg oder Vertreibung erlebt haben, oder vielleicht eine gewaltige Naturkatastrophe.

Freiwillige haben auf moldawischer Seite der Grenze eine erste Anlaufstelle für Geflüchtete eingerichtet

Freiwillige haben auf moldawischer Seite der Grenze eine erste Anlaufstelle für Geflüchtete eingerichtet

Foto: welthungerhilfe / Welthungerhilfe

SPIEGEL: Was brauchen die Ankommenden am dringendsten?

Bandsom: Akut sind das ein warmes Essen, etwas Warmes zu trinken und manchmal Kleidung, je nachdem, was die Leute mitgebracht haben, worauf sie sich eingestellt haben. Oft auch Transportmöglichkeiten. Ich weiß, dass viele jetzt auf eigene Faust losfahren und helfen. Das ist eine tolle Geste, wird hier auch so empfunden; aber es ist besser, sich an die Hilfsorganisationen vor Ort zu wenden und zu fragen, wie man gezielt helfen kann. Winterjacken aus Deutschland sind das im Zweifel eher nicht. Es gilt, einen Schritt zurückzutreten und genau zu schauen: Was sind die richtigen Hilfen, was ist der Bedarf? Das ist schwer auszuhalten. Aber private Autos und Mitfahrgelegenheiten können Hilfswege verstopfen. Und es ist nicht zuletzt ein Risiko für Geflüchtete, gerade für Frauen, in ein fremdes Auto einzusteigen, in einem fremden Land, in einem traumatisierten Zustand. Es gibt jetzt schon Warnungen vor Verschleppungen von Frauen.

»Wir gehen davon aus, dass eine zweistellige Millionenzahl an Menschen zusätzlich in den Hunger getrieben wird.«

SPIEGEL: Die Welthungerhilfe und auch die Uno warnen neben der akuten humanitären Lage vor langfristig mehr Hunger – und das weit über die Ukraine hinaus. Wie hängt das zusammen?

Bandsom: Die Ukraine und Russland gelten als Kornkammer der Welt. Zumindest Europa und Nordafrika sind abhängig von russischem und ukrainischem Weizen und Mais. Ebenso Länder, die seit Jahren im Ausnahmezustand überleben, der Jemen und Syrien. Schon vor dem Krieg gab es Engpässe, der Düngemittelpreis ging hoch, so auch die Lebensmittelpreise. Nun sind die Häfen der Ukraine blockiert. Alles, was hätte exportiert werden sollen, hängt fest. Die Sanktionen blockieren die Exporte Russlands. In armen Ländern entsteht dadurch akuter Mangel, der wiederum treibt die Preise weiter in die Höhe. Man darf auch nicht vergessen: Hunger schürt Konflikte. Wir rechnen damit, dass Unruhen entstehen, in Ländern, die ohnehin geschwächt waren. Da müssen wir dringend gegensteuern.

Russland und die Ukraine (hier Ernte im ukrainischen Krasne im Juni 2019) sind Kornkammern für Europa und Nordafrika

Russland und die Ukraine (hier Ernte im ukrainischen Krasne im Juni 2019) sind Kornkammern für Europa und Nordafrika

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Anatolii Stepanov / AFP

SPIEGEL: Wie und wer kann gegensteuern?

Bandsom: Die Preisentwicklung muss ausgeglichen werden. Wir fordern von der Bundesregierung Gelder, um dagegenzuwirken. Ägypten etwa reagiert mit Exportstopps. In vielen Ländern erfolgen Steuersenkungen, um die Bevölkerung zu entlasten. Weizen aus den USA oder Südamerika könnte den Mangel etwas abfedern. Wir müssen im Großen eingreifen: Am Freitag tagen die G7-Landwirtschaftsminister, ich hoffe, sie analysieren die Lage genau und treffen entsprechende Maßnahmen.

SPIEGEL: Höchst fraglich, ob ein ukrainischer Bauer in diesem Frühjahr Saat wird ausbringen können.

Bandsom: Exakt. Das eine ist, dass die vorhandene Ernte nicht verteilt wird. Das andere, dass die Felder nicht bestellt werden. Der Bauer ist jetzt ein Kämpfer . Die Angriffe gelten vor allem den Städten, treffen aber auch das Land. Erst mal müssen wir Frieden haben. Aber egal, wann er kommt – die Nachwirkungen werden in jedem Fall langfristig sein, sie treffen den gesamten Welthandel. Wir gehen davon aus, dass Millionen von Menschen zusätzlich in den Hunger getrieben werden. Schon jetzt hungern 811 Millionen. Zudem kommen wir aus einer pandemischen Situation – die auch schon in vielen Ländern zu Reduzierung von Nahrung und mehr Armut geführt hat. Und dann sind da noch die steigenden Energiepreise. Die wirken sich wiederum auf die Logistik aus – höhere Benzinpreise, teurere Transporte und Lieferketten, wieder mit dem Ergebnis: höhere Nahrungsmittelpreise.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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