Gekentertes Flüchtlingsboot im Ärmelkanal Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegen Frankreich und Großbritannien

27 Menschen starben vor einer Woche bei dem Versuch, über den Ärmelkanal von Calais nach Großbritannien zu kommen. Die zwei Überlebenden des Unglücks werfen der Küstenwache beider Länder vor, Hilferufe ignoriert zu haben.
Menschen demonstrieren im französischen Calais gegen die Behandlung von Flüchtlingen

Menschen demonstrieren im französischen Calais gegen die Behandlung von Flüchtlingen

Foto: Michael Bunel / Le Pictorium / imago images/Le Pictorium

Nach dem Bootsunglück mit vielen Toten im Ärmelkanal vor einer Woche weisen sich Frankreich und Großbritannien gegenseitig die Schuld zu. Die beiden Überlebenden erheben nun schwere Vorwürfe gegen die britischen und französischen Behörden.

Ihr Boot sei voll Wasser gelaufen, alle Flüchtlinge seien im Meer gelandet und hätten sich aneinander festgehalten, sagte einer der Überlebenden, ein 21-jähriger Iraker, am Mittwoch dem französischen Sender »BFMTV« . Kurz vor dem Untergang hätten die Menschen im Boot die französische Küstenwache kontaktiert. »Wir haben den Franzosen unsere Position durchgegeben und sie haben uns gesagt, dass wir in britischen Gewässern seien.«

DER SPIEGEL

»Ruft die französische Polizei an«

»Daraufhin haben wir die britische Polizei angerufen, und die hat gesagt, ruft die französische Polizei an«, sagte Mohammed Shekha Ahmed. »Großbritannien hätte uns helfen müssen, weil wir in britischen Gewässern ertrunken sind, aber es hat uns nicht geholfen und nichts für uns getan.«

Auch der zweite Überlebende, der 28-jährige Mohamed Isa Omar, schilderte dem Sender, dass die Menschen vom Boot aus zweimal die britische Seite kontaktiert hätten. »Niemand ist gekommen, das Boot ist untergegangen, die Leute sind gestorben und ich bin elf Stunden im Meer geschwommen.«

Der »BBC«  sagte der Mann, er habe Menschen direkt vor sich sterben sehen. »Diejenigen von uns, die nicht schwimmen konnten, ertranken und starben innerhalb weniger Minuten.«

Vor zwei Wochen war ein Boot im Ärmelkanal vor der französischen Stadt Calais gekentert. Dabei starben mindestens 27 Menschen. Wie die BBC unter Berufung auf französische Ermittler berichtete, handelt es sich bei den Opfern um 17 Männer, sieben Frauen und drei Kinder. Die französischen Behörden nahmen fünf mutmaßliche Menschenschmuggler fest. Mindestens ein Verdächtiger kam aus Deutschland.

Im laufenden Jahr haben bisher mehr als 25.700 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Das sind fast dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die britische Regierung wirft Frankreich vor, nicht genug gegen illegale Überfahrten zu unternehmen, Paris weist das zurück. Frankreich hat nach dem Untergang des Migrantenboots ein EU-Abkommen mit Großbritannien zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vorgeschlagen. Außerdem vereinbarte Frankreich mit Belgien, den Niederlanden und Deutschland einen verschärften Kampf gegen Schleuser. Der britische Premierminister Boris Johnson forderte ein Abkommen mit Frankreich zur Rücknahme von Migranten.

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