Genitalverstümmelung in Kenia Kampf gegen Rasierklingen

In Kenia ist Genitalverstümmelung verboten, trotzdem werden noch immer junge Mädchen beschnitten. Doch neue, unblutige Riten setzen sich langsam durch.
Eine Visual-Story aus Kenia von Nora Belghaus und Fabian Franke

Alles beginnt mit einer großen Metallschale voll Wasser: Am Abend vor der Zeremonie stellt sie die Mutter auf das Dach der Hütte. Manche legen eine Axt hinein. So kühlt das Wasser nachts stärker ab. Im Morgengrauen weckt die Mutter ihre Tochter.

Im Eingang der Hütte wird sie auf eine Kuhhaut gelegt, so erzählen es Frauen, an denen das Ritual vollzogen wurde. Das Mädchen muss sich entkleiden, dann wird sie mit dem Eiswasser gewaschen. Es soll ihren Körper betäuben.

Zwei Frauen greifen jeweils eines ihrer Beine, eine dritte hält von hinten den Oberkörper. Dann setzt die Beschneiderin die Rasierklinge an. Die Schnitte nehmen dem Mädchen die Klitoris, oft auch die inneren und äußeren Schamlippen, manchmal wird die Vagina zugenäht. Die Schnitte nehmen ihr auch die Kindheit, die Würde, manchmal die Fähigkeit, ein Kind zu gebären oder ohne Schmerzen Wasser zu lassen oder Sex zu haben. Und manchmal markiert die Metallschale auf dem Dach sogar das Ende eines Menschenlebens.

Seit 2011 ist Genitalverstümmelung in Kenia verboten. Trotzdem werden noch immer Frauen beschnitten. Nicht nur in Kenia ist das so. Die WHO geht davon aus, dass weltweit rund 200 Millionen von den heute lebenden Mädchen und Frauen genital verstümmelt worden sind. Drei Millionen Mädchen seien jährlich gefährdet:

Initiationsriten gibt es überall auf der Welt. Sie stehen für den Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Es sind oft blutige Traditionen, die oft Jahrhunderte alt sind. Und gegen die nun immer mehr Menschen aufbegehren.

Das Gesetz, das die Genitalverstümmelung in Kenia seit 2011 verbietet, gehört zu den strengsten Ostafrikas: Mindestens drei Jahre Haft und eine Geldstrafe von 2.000 US-Dollar drohen denen, die die Beschneidung durchführen. Trotzdem geht es weiter. Gerade in den ländlichen abgelegenen Gebieten können die Behörden oft nicht ermitteln, weil Ressourcen fehlen. Oder sie erfahren erst gar nicht von den Fällen. Weil viele Beschneidungen nur noch heimlich vorgenommen werden, seit es das Gesetz gibt.

Auf der Reise in diese Regionen wird schnell klar: Der Kampf gegen Genitalverstümmelung mag politisch sein. Die Front aber verläuft im Privaten. Zwischen dem Gemeindevorsteher, der das Verbot durchsetzen soll, und der Beschneiderin, die damit Geld verdient. Zwischen Großmüttern und Enkelinnen. Zwischen Lehrerinnen und Eltern.

KAPITEL 1: BLUTIGE TRADITION

Wer verstehen will, warum noch immer Mädchen beschnitten werden, kann es hier in Kilonito, einer Gemeinde im Verwaltungsbezirk Kajiado County im Süden Kenias, erfahren. Die Region ist dünn besiedelt, zwischen niedrigen Bäumen finden sich hier und dort Hütten mit rundgeformten Lehmwänden und Zäune aus Dornengestrüpp. Dazwischen sandige Weite, durch die Viehhirten ihre Herden treiben. 

Unter den Massai, die in dieser Region leben, waren laut der jüngsten Gesundheitsbefragung von 2014 78 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Trotz des Verbots, das zum Zeitpunkt der Untersuchung schon drei Jahre galt. Im gesamten Land lag die Zahl bei 21 Prozent der Befragten.

Stephen Likama ist hier in Kilonito der Gemeindevorsteher. Es ist seine Aufgabe, die Gesetze des Staates umzusetzen. Aber Likama ist auch Massai und trägt in seiner Gemeinschaft den Status eines Ältesten. Das macht ihn zum Beschützer des kulturellen Erbes - wozu seit Jahrhunderten auch die Beschneidung von Mädchen gehört.

Was ist wichtiger? Und wer entscheidet, hier, fernab der großen politischen Bühnen? Likama, Ältester der Massai? Oder Likama, Hüter des Gesetzes? Seine Doppelrolle sorgt für Konflikte. Um seinem politischen Amt gerecht zu werden, ist er auch auf die Akzeptanz seiner Leute angewiesen. Darunter sind Menschen wie Nailepu Pusaren, die zehn Jahre lang als Beschneiderin arbeitete. Sie bekam Geld dafür, aber das ist nicht alles: Beschneiderinnen, und damit Hüterinnen der Tradition, genießen in den Gemeinschaften der Massai hohes Ansehen. Denn die Beschneidung – so besagt es die Legende – diente einst dem Schutz der Gemeinschaft: 

Dort, wo das Verbot nicht greift, wiegen die Folgen für die Frauen schwer. Manche leiden ihr Leben lang an Genitalfisteln, Entzündungen, haben Schmerzen beim Wasserlassen, beim Sex oder Probleme bei der Geburt. Einige sind traumatisiert, erinnern sich noch im Erwachsenenalter an den Schmerz, den die Klinge verursacht hat.

Hinzu kommen die sozialen Folgen: Oft werden die Mädchen nach der Beschneidung verheiratet und erwarten bald darauf ein Kind. Nach Daten der Weltbank waren 2015 etwa 20 Prozent der 15- bis 19-jährigen Frauen in Kenia bereits Mütter oder schwanger. Viele von ihnen müssen nach der Geburt die Schule abbrechen, sind von ihren Ehemännern abhängig - und geraten so in den Kreislauf der Armut.

Für viele Massai jedoch bedeutet das Ende der Beschneidung den Verlust ihrer kulturellen Identität. Gibt es einen Ausweg?

KAPITEL 2: DER BRUCH

Abigail Nosim Tepela ist 19 Jahre alt. Für die junge Kenianerin schließen sich Traditionen und Chancengleichheit, Riten und Gleichberechtigung für Mädchen und Frauen nicht aus. Sie gehört jener Generation von jungen Massai-Frauen an, die den Wandel bringen könnte. Tepela ist stolz, Massai zu sein, sagt sie. Doch die Beschneidung sei für sie eine rückschrittliche, unmenschliche Praxis:

Tepela hatte Glück. Keine Metallschale voll Wasser auf dem Dach. Keine Kuhhaut im Morgengrauen. Ihre Dorfgemeinschaft hat mit der Massai-Tradition gebrochen, Beschneidungen gibt es nicht mehr. Stattdessen erwartet die jungen Mädchen Kerzenschein, Tanz und ein Schönheitswettbewerb - ein alternativer Übergangsritus. Kann das die Lösung sein? Der Schlüssel, um eine jahrhundertalte Tradition zu ersetzen?

Die Idee der alternativen Initiationsriten ist einfach: Es gibt nach wie vor eine Zeremonie, die den Übergang vom Mädchen zur Frau markiert. Nur ohne den Schnitt. "Kein Vakuum hinterlassen", so beschreibt es ein Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Amref Health Africa. Es soll feierlich sein, pompös, die Mädchen in den Mittelpunkt stellen. Amref, eine der größten NGOs in Afrika, arbeitet schon seit zehn Jahren mit diesem Ansatz. 2009 besuchten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation eine Samburu-Gemeinschaft im Norden Kenias. Dort gab es schon länger einen gewaltfreien Ritus. Amref übernahm das Konzept.

Aber der Weg zum alternativen Ritus ist weit: Jahre könne es dauern, eine Gemeinschaft zu überzeugen, berichten Mitarbeiter von Amref. Auch Gemeindevorsteher Stephen Likama musste den Ältesten von Kilonito erst Beschneidungsvideos zeigen. Die Männer sind bei der Beschneidung ihrer Töchter nicht dabei. Deshalb wissen viele nicht, was genau dort passiert. Erst nach vielen Gesprächsrunden stimmten sie zu: Die Genitalverstümmelung soll aufhören.

Wenn der alternative Ritus beginnt, lädt Amref die Kinder zu Workshops ein - erst die Jungen, dann die Mädchen. In Kilonito müssen dafür einige von ihnen stundenlang durch die Steppe laufen, manche werden von einem Bus eingesammelt. Es führen nur Sandwege zu dem flachen Schulgebäude, die erste befestigte Straße zur nächstgrößeren Stadt liegt fast zwei Autostunden entfernt. Im Klassenraum geht es dann nicht um Rechnen oder Schreiben. Sondern um den weiblichen Körper, Sexualität, die Geburt. Wie läuft das ab?

Grace Majiakusi, selbst Massai, und Mwololo Kennedy Mutuku, der aus einer benachbarten Gemeinschaft kommt, helfen, die Workshops und den alternativen Ritus zu organisieren. Sie sind von hier – und das ist wichtig. Denn in den Dorfgemeinschaften gebe es immer wieder Vorbehalte und Misstrauen gegenüber den Mitarbeitern aus der Hauptstadt Nairobi, sagt Mutuku. Und auch die Kinder öffneten sich eher, wenn die Workshops anfangs in ihrer Sprache gehalten werden. Und nicht in den Landessprachen Suaheli oder Englisch.

KAPITEL 3: DAS LEBEN FEIERN

Erst nach den Workshops, am Abend des vierten Tages, steht schließlich der Höhepunkt an: die Zeremonie. Den ganzen Tag über bereiten die Mädchen ihren großen Moment vor. Sie tanzen mit den Müttern und Großmüttern, bekommen von ihnen Schmuck übergeben, binden sich weiße Bänder um ihre Stirn, auf denen die Mitarbeiterinnen von Amref Slogans wie "NO FGM" oder "No Child Marriage" geschrieben haben.

 Dann, bei Einbruch der Dunkelheit, beginnt die Zeremonie - mit dem Schönheitswettbewerb:

78 Mädchen nehmen im Sommer 2019 an dem alternativen Ritus teil. Seitdem Amref das Programm 2009 gestartet hat, waren es nach eigenen Angaben mehr als 16.000 Mädchen in Kenia und Tansania. Auch andere Organisationen arbeiten mit ähnlichen Programmen. Sie setzen ihre Hoffnung auf junge Frauen wie Abigail Nosim Tepela.

 Sie wurde im Sommer 2018 zur "Miss ARP Kilonito 2018" gekürt. Seither besucht sie als unbeschnittene Frau andere Massai-Gemeinden, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Bei den Müttern und Großmüttern. Und bei den Mädchen selbst. Als Anti-Beschneidungs-Botschafterin soll sie den jüngeren Mädchen ein Vorbild sein. Ihren Schulabschluss hat Tepela gerade gemacht, jetzt möchte sie Wirtschaft und Statistik studieren.

Es gibt inzwischen viele Kilonitos in Kenia - Gemeinschaften, die statt der gewaltvollen Tradition auf den alternativen Ritus setzen und das Gesetz achten. Aber kann das reichen, um ein ganzes Land zu drehen?

Fotostrecke

So läuft die alternative Zeremonie ab

Foto:

Fabian Franke

Konservative Traditionalisten finden neue Wege: Die Beschneidung findet inzwischen oft unter hygienischeren Bedingungen im Krankenhaus oder lokalen Arztpraxen statt, um das akute Gesundheitsrisiko zu minimieren. Trotzdem bleiben langfristige psychische und körperliche Folgen. Manche Familien reisen zudem in die Nachbarländer, wo Mitglieder der gleichen Ethnie leben und die Strafverfolgung lückenhafter, Gesetze lascher sind. "Cross-Border FGM" nennen NGOs diesen Trend. Die Grenze von Tansania beispielsweise ist von den Massai im Süden Kenias nur einen Tagesmarsch entfernt.

Kenia hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Im November verkündete Präsident Uhuru Kenyatta, die Zahl der Genitalverstümmelungen bis 2022 auf null senken zu wollen. Acht Jahre früher als das Ziel der Vereinten Nationen. Ein Lippenbekenntnis? Auch Kenyatta weiß, dass der Kampf gegen die Rasierklingen noch nicht vorbei ist. Aber mit jeder unbeschnittenen Frau, jeder Gemeinschaft, die auf die Verstümmelung verzichtet, und jeder alternativen Zeremonie rückt das Ziel ein wenig näher.

Das Team

Autoren, Kamera, Schnitt: Nora Belghaus und Fabian Franke

Übersetzung: Elias Laizer, Marius Münstermann

Redaktion: Lena Greiner, Jens Radü

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Recherchereise wurde zusätzlich unterstützt durch ein Stipendium der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

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