Prozess zum Tod von George Floyd Amerika wartet auf ein Urteil – und befürchtet Gewalt

Das Land blickt besorgt nach Minneapolis. Dort beraten die Geschworenen im Fall George Floyd. Die größte Sorge: ein zu mildes Urteil gegen Ex-Polizist Derek Chauvin – oder gar ein Freispruch.
Von Roland Nelles, Washington
Die Innenstadt von Minneapolis wird von Soldaten der Nationalgarde bewacht

Die Innenstadt von Minneapolis wird von Soldaten der Nationalgarde bewacht

Foto: Henry Pan / ZUMA Wire / imago images

In gut drei Wochen wurden 45 Zeugen vernommen und etliche Stunden Videomaterial gesichtet. Ärzte gaben ihre Expertise ab, Polizisten wurden befragt, Passantinnen und Passanten beschrieben, was sie sahen und hörten.

Nun sollen zwölf Geschworene im Prozess um den Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota eine Entscheidung fällen. Ist der frühere Polizeibeamte Derek Chauvin, der am 25. Mai des vergangenen Jahres bei einem Einsatz auf Floyds Genick kniete, schuldig oder nicht schuldig? Muss er nach dem Spruch der Jury für Jahrzehnte ins Gefängnis oder kommt er womöglich mit einer milden Strafe davon?

Die Geschworenen werden streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt und müssen bis zum Ende des Verfahrens in einem Hotel wohnen. Üblicherweise sorgt diese Art der Kasernierung dafür, dass die Beratungen der Jury schon nach einigen Stunden zu Ende gehen. Manchmal, wenn die Sache besonders kompliziert ist, kann sich das Ganze aber auch über Tage hinziehen. Trotz Kasernierung.

Richter Peter Cahill klärte die Geschworenen kurz vor Beginn der Beratungen über ihre Rechte und Pflichten auf: Er mahnte sie zur Sorgfalt bei ihrer Arbeit. Sie sollten generell keine Nachrichten schauen und sich nicht ablenken lassen. »Nehmen sie sich die Zeit für ihre Beratungen, die sie brauchen«, sagte der Richter.

Angeklagter Derek Chauvin im Gerichtssaal in Minneapolis

Angeklagter Derek Chauvin im Gerichtssaal in Minneapolis

Foto: Uncredited / dpa

Derek Chauvin könnte nach dem in Minnesota geltenden Recht und laut Anklage in drei Punkten schuldig gesprochen werden: Mord zweiten Grades, Mord dritten Grades und Totschlag zweiten Grades. Über jeden Punkt müssen die Juroren getrennt entscheiden. Insgesamt drohen ihm bis zu 75 Jahre Haft. Das genaue Strafmaß wird später vom Richter festgelegt. Kommt die Jury zu keinem gemeinsamen Spruch, muss der Prozess womöglich erneut aufgerollt werden.

Die Nationalgarde sichert die Stadt

Der Druck, der auf den zwölf Frauen und Männern der Jury lastet, ist enorm: Fast ganz Amerika blickt mit Anspannung auf ihr Verdikt. Selten zuvor war ein Strafprozess in den USA politisch so aufgeladen. Der Tod von George Floyd löste im vergangenen Jahr in den USA große Proteste und teilweise auch gewaltsame Unruhen aus.

Die Empörung über Polizeigewalt gegenüber Schwarzen und Rassismus trieb Hunderttausende Demonstranten unter dem Ruf »Black Lives Matter« auf die Straßen. Vielerorts ist die Sorge groß, dass ein zu mildes Urteil oder sogar ein Freispruch für Chauvin zu neuen, schweren Unruhen führen könnte. Auf jeden Fall würden sich viele Schwarze in ihrer Ansicht bestätigt fühlen, dass ihre Rechte vom Polizei- und Justizsystem häufig systematisch ignoriert werden.

In den Metropolen New York, Chicago, Los Angeles und Atlanta werden Notfalleinsatzpläne vorbereitet. In Minneapolis selbst, am Ort des Geschehens, sind mehrere Tausend Soldaten der Nationalgarde aufmarschiert, um das Gerichtsgebäude und die Innenstadt zu schützen. Die Schulen der Stadt bleiben ab Mittwoch für den Präsenzunterricht geschlossen. Der Social-Media-Gigant Facebook kündigte an, Posts löschen zu wollen, in denen zu Gewalttaten aufgerufen wird.

Derek Chauvin saß auch bei den Schlussplädoyers von Anklage und Verteidigung am Montag still im Gerichtssaal. Er hörte scheinbar konzentriert zu, machte sich Notizen. Sein Gesichtsausdruck blieb dabei immer gleich, ohne jede Gefühlsregung.

Chauvin machte in dem Prozess von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Es stellt sich die Frage, ob ihm das bei den Juroren eher hilft oder eher schadet. Möglicherweise hätte er durch eine eigene Aussage, vielleicht auch durch eine Entschuldigung bei den Angehörigen von George Floyd, Sympathien gewinnen können. Diese Chance hat er verpasst. Offenbar fürchteten er und sein Verteidiger, Eric Nelson, dass ihm ein Kreuzverhör mehr geschadet als genützt hätte.

Staatsanwalt Steve Schleicher rief mit seinen Schlussbemerkungen noch einmal den gesamten Schrecken der Geschehnisse des 25. Mai 2020 in Erinnerung. Er zeigte eindrückliche Bilder aus Überwachungskameras und aus den Körperkameras der Polizeibeamten. Für ihn stehe fest, dass Chauvin für Floyds Tod verantwortlich sei, so Schleicher. »Das war kein Polizeihandeln. Das war Mord.«

Insgesamt 9 Minuten und 29 Sekunden habe Chauvin auf Floyds Hals und Rücken gekniet. Obwohl Floyd um sein Leben gebettelt habe, habe Chauvin nicht von ihm abgelassen.

Polizeiaktion lief komplett aus dem Ruder

Der gesamte Einsatz in Minneapolis sei an diesem Tag falsch verlaufen, argumentierte der Staatsanwalt. Die Polizisten seien zu einem Supermarkt gerufen worden, weil Floyd angeblich mit einer falschen 20-Dollar-Note bezahlt haben soll. Danach habe sich Floyd dann die gesamte Zeit kooperativ verhalten. Er habe sich Handschellen anlegen lassen und sei allen Aufforderungen der Polizei gefolgt.

Kurz nach dem Tod von George Floyd kam es in den gesamten USA im vergangenen Jahr zu Protesten. In Minnesota und anderen Städten trugen die Demonstranten dabei Bilder des Getöteten.

Kurz nach dem Tod von George Floyd kam es in den gesamten USA im vergangenen Jahr zu Protesten. In Minnesota und anderen Städten trugen die Demonstranten dabei Bilder des Getöteten.

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Erst als sie ihn auf die Rückbank eines Polizeiwagens zwingen wollten, sei die Lage eskaliert. Floyd habe die Beamten angefleht, ihn nicht in den engen Raum auf der Rückbank zu sperren, da er unter Platzangst leide. Statt die Situation zu deeskalieren, hätten Chauvin und andere Beamte ihn dann auf den Boden gepresst. Dabei sei gegen sämtliche Regeln und Trainingsanleitungen verstoßen worden, weil Floyd minutenlang mit dem Knie fixiert wurde. Diese unrechtmäßige, absichtliche und in jeder Hinsicht unverhältnismäßige Gewaltanwendung habe nachweislich zu seinem Tod geführt, so der Staatsanwalt.

Chauvins Verteidiger Eric Nelson wies die Anschuldigungen zurück. Seine Taktik im Schlussplädoyer: Er wollte den Geschworenen deutlich machen, dass die Anklage aus seiner Sicht nicht ausreichend Beweise für unverhältnismäßiges oder absichtliches Handeln seines Mandanten vorgelegt habe. Auch sei überhaupt nicht eindeutig, dass Floyds Tod durch den Druck von Chauvins Knie verursacht worden sei. Dies alles bedeute: Im Zweifel müssten die Geschworenen den Angeklagten freisprechen, argumentierte der Anwalt.

»Chauvins Herz war zu klein«

Nelson verwies dabei immer wieder darauf, dass sich Chauvin bei dem Einsatz wie ein »vernünftiger Polizist« verhalten habe. Floyd habe sich massiv gewehrt und die Beamten hätten stets damit rechnen müssen, dass er sie attackiere. Deshalb sei er auf dem Boden fixiert worden. Auch eine Menge, die das Geschehen verfolgte,  habe sich feindselig verhalten, was den Stresspegel bei den Polizisten erhöht habe.

DER SPIEGEL

Weder Chauvin noch die anderen Polizisten hätten die Absicht gehabt, Floyd Schaden zuzufügen. Im Gegenteil. Sie hätten schon bald nach Beginn des Einsatzes einen Krankenwagen für ihn gerufen. Floyd habe unter Drogeneinfluss gestanden und hätte zudem an einer chronischen Herzerkrankung gelitten, einem vergrößerten Herzen. Diese sei womöglich ursächlich für seinen Tod gewesen. »Die ganze Sache ist tragisch«, so Anwalt Nelson.

Von der Anklage wurden die Ausführungen empört zurückgewiesen. Staatsanwalt Jerry Blackwell erklärte, Chauvins Anwalt verbreite »irreführende« Geschichten. »Sie haben hier gehört, dass George Floyd gestorben sei, weil sein Herz zu groß gewesen sei«, sagte Blackwell. »In Wahrheit ist er gestorben, weil das Herz von Herrn Chauvin zu klein war.«

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