Einschüchterung und Morde: Weltweit zahlen Umweltschützer für ihren Kampf einen hohen Preis

Einschüchterung und Morde: Weltweit zahlen Umweltschützer für ihren Kampf einen hohen Preis

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Gewalt gegen Aktivisten weltweit »Firmen beauftragen Mörder, um Umweltschützer töten zu lassen«

Umweltschützer in Ländern wie Kolumbien, Brasilien und den Philippinen kämpfen gegen illegale Abholzung, Bergbau und andere Megaprojekte, die ihr Land zerstören. Ihren Einsatz bezahlen sie oft mit dem Leben.
Von Nicola Abé, Sonja Peteranderl und Maria Stöhr, São Paulo, Berlin und Hamburg
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Der Tag, an dem David Machado sterben sollte, begann mit einer Limonade im Garten seiner Mutter, umgeben von Blumen, Obstbäumen und Bienen. Danach kümmerte der Kolumbianer sich um die Gemüsefelder, am Nachmittag traf er seine Freundin zu einem Spaziergang. Gegen 18 Uhr tauchte plötzlich ein Lkw auf der Straße auf und Männer mit Motorrädern. Sie hetzten Hunde auf die beiden, schossen auf Machado, so erzählt er es.

Der 26-Jährige rannte mit seiner Freundin in den Wald, immer weiter. Sie hörten die Schüsse und das Bellen. Sie rannten um ihr Leben, Machado weinte, während er lief. Es wurde dunkel. Als sie nicht mehr konnten, versteckten sie sich, versuchten per Handy Hilfe zu rufen. Dann rannten sie weiter. Mehr als fünf Stunden später wurde es plötzlich still, die Verfolger verschwanden. »Als seien sie gewarnt worden«, sagt Machado. Kurze Zeit später tauchte die Polizei auf, da war es fast Mitternacht.

Der kolumbianische Umweltaktivist David Machado und seine Freundin entkamen nur knapp einem Mordanschlag

Der kolumbianische Umweltaktivist David Machado und seine Freundin entkamen nur knapp einem Mordanschlag

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Die Angst ist geblieben. Sie bestimmt das Leben von David Machado, hat sich eingenistet in seinem Kopf, in jeder Zelle seines Körpers, frisst tagsüber seine Gedanken und nachts seine Träume. An einem Montag im März, mehr als ein Jahr nach dem Anschlag, sitzt er auf der Dachterrasse einer Umweltorganisation in der kolumbianischen Region Tolima, ein hagerer junger Mann in einem roten Poloshirt, auf dem Arm das Tattoo einer Eule. »Die Natur ist meine große Liebe, und ich werde niemals aufhören, sie zu verteidigen«, sagt Machado. »Aber es ist ein harter Kampf.«

Ein Kampf, der für viele Umweltschützerinnen und Umweltschützer tödlich endet. Die Nichtregierungsorganisation Global Witness hat in ihrem 2020 veröffentlichten Bericht »Defending Tomorrow « ein Rekordhoch von Morden dokumentiert: Allein im Jahr 2019 wurden weltweit 212 Menschen, die Umwelt, Tiere oder ihr Land verteidigten, umgebracht – durchschnittlich mehr als vier pro Woche. Und das ist nur die offizielle Statistik: Die Organisation geht davon aus, dass die Mordrate tatsächlich höher ist; Morde in Ländern und Regionen, in denen die Arbeit von Presse und Nichtregierungsorganisationen eingeschränkt ist, bleiben undokumentiert.

In keinem Land der Welt wurden mehr Umweltaktivisten ermordet als in Kolumbien. Doch auch die Philippinen und Brasilien sind für sie besonders gefährliche Regionen.

Die Organisation wertet derzeit die jüngsten Daten aus der Pandemiezeit aus – klar ist bereits, dass das Risiko nicht gesunken ist, im Gegenteil. »Die Morde gehen weiter«, sagt Alice Harrison von Global Witness. »Die Lage ist in Ländern wie Kolumbien für Umweltschützer sogar noch schlimmer geworden, da sie im Lockdown leichtere Ziele sind – mehrere Menschen sind in ihren Häusern erschossen worden.«

Harrison zufolge treibe die steigende Nachfrage nach billigen Produkten, Lebensmitteln, Energie, aber auch Mineralien, die in Laptops oder Autos verbaut werden, die Jagd auf Land und natürliche Ressourcen an. Auch Gold und Silber sind als Krisenwährung während der Pandemie gefragter als zuvor; der Goldpreis erreichte vergangenes Jahr Rekordwerte.

Wenn Land für Bergbau, Agrar- und Forstwirtschaft oder Dämme zur Wasser- und Stromerzeugung erschlossen werden, sind die dort lebenden Menschen oft ein Hindernis für die Pläne von Unternehmen, Staaten oder Lokalpolitikern. Zudem ist dem »World Atlas of Illicit Flows 2018 « zufolge Umweltkriminalität in Konfliktregionen mittlerweile die größte Einnahmequelle für kriminelle Gruppen und Terrororganisationen – dazu zählen Wilderei, unerlaubte Abholzung oder der illegale Abbau von Gold, Diamanten und anderen Rohstoffen.

»Es sind nicht die CEOs, die den Abzug drücken«

Wer hinter den Umweltschützer-Morden steckt, wird selten aufgeklärt. Meist ermitteln Regierungen, lokale Funktionäre und Sicherheitskräfte kaum, teils sind sie sogar Komplizen von kriminellen Gruppen, rücksichtslosen Ranchern oder Unternehmen. »Es sind nicht die CEOs, die den Abzug drücken«, sagt Mary Menton, die Gewalt gegen Umweltschützer an der University of Sussex erforscht. »Aber Firmen sind manchmal in irgendeiner Weise beteiligt – sie sind Teil einer Befehlskette, setzen ein Kopfgeld aus oder beauftragen Mörder, um Umweltschützer töten zu lassen.«

Unternehmen würden Global Witness zufolge  fast immer ungestraft davonkommen: »Es ist selten, dass jemand wegen der Tötung von Umweltschützern verhaftet oder vor Gericht gestellt wird, und wenn, dann sind es in der Regel die Schützen – diejenigen, die die Waffen in der Hand hatten, nicht diejenigen, die sie bezahlt haben.«

Im Fall der 2016 in Honduras erschossenen Umweltaktivistin Berta Cáceres belegte eine Expertenkommission , dass sowohl die Betreiberfirma eines geplanten Wasserkraftwerks als auch Polizei, Militär und Funktionäre an dem Mordkomplott beteiligt waren. Sieben Männer , darunter ein hochrangiger Manager, wurden zu Haftstrafen verurteilt. Menton zufolge würden normalerweise jedoch mehr als 90 Prozent der Mörder und Drahtzieher straffrei bleiben.

Die Forscherin ist Mitherausgeberin des Buchs »Environmental Defenders: Deadly Struggles for Life and Territory« (Routledge), das im Juli 2021 erscheint und die Muster der Gewalt weltweit analysiert. »Die Morde sind nur die Spitze des Eisbergs«, warnt sie. »Die Gewalt, die vor jedem Mord kommt, wie Drohungen, Hasskampagnen oder Attacken bleibt oft unsichtbar für Außenstehende.« Betroffene würden manchmal schweigen, da sie Angst haben – und geschehen Angriffe oder Morde in abgelegenen Gemeinden, dringe davon nichts nach außen.

Der lukrative Bergbausektor, mit dem sich der Kolumbianer David Machado angelegt hat, gilt als besonders brutal – die meisten Morde geschehen im Zusammenhang mit Minenprojekten. Seit 14 Jahren ist der Biobauer und Imker in seiner Freizeit Umweltaktivist – als Zwölfjähriger setzte er sich bereits für die Natur ein. Erst kämpfte er gegen eine Müllhalde, später gegen Ölförderung in einem Naturschutzgebiet.

Vor drei Jahren habe ein kolumbianisches Unternehmen in seiner Region eine Mine bauen wollen. In Machados Heimatstadt Armero begannen Lobbyisten, sich mit Bürgern zu treffen, um sie von den Vorteilen des Goldschürfens zu überzeugen.

Machado und seine Mitstreiter präsentierten den Bürgern per Powerpoint die Nachteile: Eine Goldmine ist so etwas wie eine Chemiefabrik mitten in der Natur. Zuerst wird Gestein gesprengt und zermahlen, dann mit einer Zyanid-Lösung beträufelt, riesige Mengen Wasser werden benötigt und in Sammelbecken gelagert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das verseuchte Wasser ins Grundwasser durchsickert, Seen und Flüsse vergiftet und schließlich Menschen und Tiere.

Ein Mitarbeiter von Anglo Gold Ashanti läuft in Tolima über das Gelände, auf dem die Mine La Colosa entstehen sollte

Ein Mitarbeiter von Anglo Gold Ashanti läuft in Tolima über das Gelände, auf dem die Mine La Colosa entstehen sollte

Foto: EITAN ABRAMOVICH / AFP

In den bewaldeten Bergen von Tolima, unter den klaren Wasserfällen, verbergen sich Gold, Silber und Platin. So geriet die idyllische Region früh ins Visier der Goldsucher – und wurde zu einem Zentrum im Kampf gegen internationale Bergbaukonzerne.

Bereits vor rund 20 Jahren versuchte die südafrikanische Firma Anglo Gold Ashanti hier die Riesenmine La Colosa zu errichten . Die Bevölkerung wehrte sich, mehrere Referenden, zuletzt 2017 in Cajamarca, stoppten das Vorhaben – vorerst. Verschiedene Konzerne versuchen seither, vor Gericht  gegen den Volkswillen vorzugehen und lokale Verbote für Großprojekte wieder zu kippen.

Während ihres Widerstandes gegen die geplante Mine fanden sich Umweltschützer auf den Todeslisten paramilitärischer Gruppen wieder, sie berichten dem SPIEGEL von Drohanrufen und Trauerkränzen, die ihnen zugeschickt wurden. Anglo Gold Ashanti erklärte dazu in einem Statement : »Wir wollen klarstellen, dass Anglo Gold Ashanti mit der Gruppe, die mutmaßlich die Drohungen ausübt, keine Verbindung und keinen Umgang pflegt, und wir distanzieren uns als Firma von solchen bedauerlichen Handlungen jeglicher Art.«

Indigene protestieren im Oktober 2020 gegen die Gewalt in ihren Territorien

Indigene protestieren im Oktober 2020 gegen die Gewalt in ihren Territorien

Foto: Diego Cuevas / Vizzor Image / Getty Images

Auch Machado gelang ein Etappensieg: Der Bürgermeister in Armero entschied sich schließlich gegen die Goldmine. Doch dann wurde ein neuer Bürgermeister gewählt. Mitten in der Pandemie sei ein noch größeres Unternehmen gekommen, erzählt Machado. Die Lobbyisten hätten Namen diverser kolumbianischer Firmen genannt. »Aber dahinter steckt ein großes internationales Unternehmen«, glaubt Machado. Das habe er im Internet und anhand von Landkarten recherchiert.

Als der Bürgermeister bei einem Auftritt behauptete, er glaube, es handle sich lediglich um Projekte zum Abbau von Sand, reichte es Machado. Er postete ein Video mit dieser Aussage auf Facebook. »Der Bürgermeister hat die Bürger angelogen«, schrieb er dazu. »In Wahrheit geht es um Gold, Kupfer, Zink und andere Mineralien.« Der Bürgermeister von Armero ließ eine SPIEGEL-Anfrage dazu unbeantwortet.

Killerkommandos suchen ihre Opfer zu Hause auf: »Wenn du rauskommst, erschießen sie dich«, sagt David Machado

Killerkommandos suchen ihre Opfer zu Hause auf: »Wenn du rauskommst, erschießen sie dich«, sagt David Machado

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Einige Monate später fuhren Männer auf schwarzen Motorrädern ohne Nummernschilder vor dem Haus vor, in dem Machado mit seiner Freundin und deren drei Kindern wohnte. Die Männer traten gegen die Türe, forderten, dass er herauskomme. Machado war nicht zu Hause. Noch am selben Nachmittag packten sie ihre Rucksäcke, um wegzuziehen. Doch als sie aufbrechen wollten, kamen die Männer zurück, so erzählt es Machado. Die Familie blieb im Haus, das Licht ausgeschaltet, hielt ganz still. »Wenn du rauskommst, erschießen sie dich«, sagt er, mit Tränen in den Augen.

Kriminelle Gruppen wie Paramilitärs füllen heute in Kolumbien das Machtvakuum, das die Farc-Guerilla seit dem Friedensvertrag 2016 hinterlassen hat – der Regierung gelingt es nicht, die ehemals von den Rebellen kontrollierten Gebiete zu sichern. Die Kriminellen kontrollieren den Drogenanbau, kassieren Schutzgelder, expandieren  aber auch in Umweltkriminalität wie illegalen Bergbau. Ein Bericht  der Nichtregierungsorganisation Pax offenbart auch Verbindungen zwischen Paramilitärs und Bergbaufirmen  – zwei Firmen sollen demnach Todesschwadronen während des Konflikts in Kolumbien finanziell und logistisch unterstützt haben, damit diese Minenstandorte vor Guerillaangriffen schützen.

Die rechte paramilitärische Gruppe AGC, Autodefensa Gaitanista Colombia, hat Machados Heimatstadt mit ihrem Kürzel überzogen: Sie schrieben es an Mauern, auf Straßenschilder, eine Demonstration ihrer Stärke. Auch auf das Haus seiner Mutter schmierten sie ihre Graffiti – und verteilten Flyer, auf denen sie alle Umweltschützer zu »militärischen Zielen« erklärten. Ob sie eigenmächtig handeln oder in wessen Auftrag, bleibt unklar.

»Töten Sie sie, machen Sie sie fertig. Das ist mein Befehl«

Auf den Philippinen ist es der Staat selbst, der Umweltschützer bedroht – unter Präsident Rodrigo Duterte ermorden Polizei und Militär Regimekritiker und Aktivisten jeglicher Art, darunter auch indigene Gruppen, die ihr Land schützen wollen. Die Gewalt gegen Indigene ist weltweit verbreitet: Global Witness zufolge war mehr als ein Drittel aller ermordeten Umweltschützer zwischen 2015 und 2019 indigen.

Am 30. Dezember 2020 drangen Sicherheitskräfte früh morgens in das Gelände der Tumandok ein, einer Gemeinschaft auf der philippinischen Insel Panay. Polizisten und Soldaten töteten neun Anführer und nahmen 17 weitere fest. Auf Bildern sind blutgetränkte Fußböden  zu sehen. Die Getöteten hätten sich der Polizei zufolge der Festnahme widersetzt und geschossen.

Neun indigene Anführer wurden bei einer Polizei- und Militäraktion ermordet

Neun indigene Anführer wurden bei einer Polizei- und Militäraktion ermordet

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

Beobachter und die Tumandok  selbst sprechen von einem Massaker, einem gezielten Angriff – um die Gruppe zum Schweigen zu bringen. Seit Jahren wehren sich die Tumandok gegen ein Staudammprojekt, das von internationalen Geldgebern unterstützt wird. Vom Jalaur-Megadamm erhofft sich die Regierung eine sichere Wasserversorgung für Zehntausende Hektar Ackerland, doch Felder und Häuser von etwa 17.000 Anwohnern müssten dafür geflutet werden.

Die Indigenen erhalten keine Ausgleichszahlungen für die Umsiedlung. Sie werden unter Druck gesetzt, vertrieben. Wer gegen die Duterte-Regierung Widerstand leistet, sich gegen Missstände wehrt, wird als Kommunist oder Terrorist abgestempelt, verhaftet oder umgebracht . »Töten Sie sie, machen Sie sie fertig. Das ist mein Befehl«, hetzte Duterte  die Sicherheitskräfte kürzlich gegen angebliche Rebellen auf. Human Rights Watch  bezeichnet dieses »Red-Tagging« als »Bedrohung für die Zivilgesellschaft und die Meinungsfreiheit«.

Organisationen wie das Aktionsbündnis Menschenrechte Philippinen warnen davor, dass die Gewalt weiter zunehmen wird – denn 2022 wird auf den Philippinen gewählt.

»Sie haben das Gefühl, dass sie einen Freifahrtschein haben und tun können, was sie wollen«

Auch in Brasilien habe Präsident Jair Bolsonaro ein »Klima der Gewalt« geschaffen, wie die Expertin Mary Menton beobachtet – Konzerne, Farmer und illegale Holzfäller würden sich ermutigt fühlen. »Sie haben das Gefühl, dass sie einen Freifahrtschein haben und tun können, was sie wollen«, sagt sie. »Mit seiner Rhetorik und Politik unterstützt Bolsonaro effektiv Angriffe gegen Umweltschützer.« Im Amazonasgebiet seien es oft Rancher, die Menschen von Auftragsmördern erschießen lassen.

Die Regenwaldzerstörung schreitet laut der Umweltstiftung WWF dramatisch voran. Der Analystin Vanda Felbab-Brown zufolge nehme auch Umweltkriminalität wie illegale Abholzung während der Pandemie zu, Länder wie Brasilien und Indonesien würden zudem den Umweltschutz weiter lockern. »Regierungen weltweit suchen angesichts der Krise und verminderter Steuereinnahmen Wege, um schnell Geld zu machen«, sagt die Konfliktforscherin beim Washingtoner Thinktank Brookings.

Es gibt jedoch einen Lichtblick: Umweltexpertinnen und Organisationen wie Global Witness hoffen auf einen Gesetzentwurf , der derzeit auf EU-Ebene verhandelt wird. Er soll europäische Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechten in globalen Lieferketten verpflichten. In Deutschland wird 2023 das Lieferkettengesetz  eingeführt, Unternehmen ab einer Größe von 3000 Mitarbeitern müssen dann etwa Beschwerdemöglichkeiten  einrichten und ihre Aktivitäten besser dokumentieren; Kritikerinnen geht die Regelung aber nicht weit genug .

Währenddessen springen Organisationen wie N1M (Not One More) in Brasilien dort ein, wo der Staat versagt. Das Team analysiert, welchen Risiken die Betroffenen ausgesetzt sind. Helfer installieren Überwachungskameras, geben Workshops zu physischer und digitaler Sicherheit, vernetzen die Betroffenen untereinander, mit anderen Organisationen oder Therapeuten und unterstützen sie dabei zu fliehen. Gerade sammelt die Organisation Spenden, um im Amazonasgebiet ein Schutzhaus  zu bauen – als Rückzugsort vor Mordkomplotten.

Im Amazonasgebiet blockieren indigene Gruppen wie die Tembé die Geräte illegaler Holzfäller – mit tödlichem Risiko

Im Amazonasgebiet blockieren indigene Gruppen wie die Tembé die Geräte illegaler Holzfäller – mit tödlichem Risiko

Illustration: Matthias Schardt / kombinatrotweiss / DER SPIEGEL

David Machado hat bereits nach dem ersten Angriff bei der Unidad Nacional de Protección (UNP), der Schutzeinheit der kolumbianischen Regierung, um Hilfe gebeten. »Die Antwort kam mehr als ein Jahr später«, erzählt er. Man habe ihn befragt, dann sei nichts mehr passiert. Kolumbien besitzt Human Rights Watch zufolge  viele Richtlinien, Mechanismen und Gesetze, die Morde an gefährdeten Personen verhindern sollen – ihre Umsetzung sei aber »oft mangelhaft«.

Inzwischen lebt Machado in einer anderen Stadt in einem bewachten Wohnblock, hält sich versteckt, verlässt kaum noch das Gebäude. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Bekannter, der für ihn im Supermarkt einkaufen sollte, von einem Motorradfahrer angehalten und dazu aufgefordert, nach Hause zu gehen. »Sie wissen, wo wir wohnen«, sagt David. Er versucht, Geld für den nächsten Umzug aufzubringen. Da er kaum mehr seiner Arbeit nachgehen kann, ist das schwierig. Die Kinder sind sieben, acht und elf Jahre alt; jede Reise ist kompliziert. Mit seiner Freundin habe er Ärger deswegen: »Jetzt müssen wir schon wieder gehen, weil du dich mit diesen Leuten anlegst«, habe sie zu ihm gesagt.

Machados Beine zittern, als er sagt: »Ich hoffe nur, dass meine Geschichte hier endet und nichts Weiteres passiert.« Während des Interviews baumelt hinter David Machado eine riesige schwarze Spinne von der Überdachung der Terrasse und webt ungestört ihr Netz. Das Netz selbst ist nur durch die kleinen schwarzen Punkte sichtbar – die Insekten, die tot darin hängen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.