Infektionen trotz hoher Impfquote Warum Gibraltar kein Beweis für die angebliche Nutzlosigkeit der Coronaimpfung ist

Gibraltars Bevölkerung gilt als durchgeimpft, trotzdem erlässt das Land nun Einschränkungen. Sogenannte Querdenker sehen das als Beweis ihrer Thesen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.
Das spanische La Linea vor dem Gipfel von Gibraltar im Januar 2021

Das spanische La Linea vor dem Gipfel von Gibraltar im Januar 2021

Foto: Emilio Morenatti / dpa

Gibraltar hat eine Impfquote von nahezu 100 Prozent – das britische Überseegebiet gehört damit weltweit zu den Ländern mit der höchsten Impfdichte. Dennoch steigen die Infektionszahlen aktuell wieder. Die Regierung sagte zunächst in einer Mitteilung  offizielle Weihnachtsfeiern und ähnliche Veranstaltungen ab. Am Donnerstag wurden die Bürgerinnen und Bürger erneut über Kontaktrisiken aufgeklärt . Sie sollten »nach eigenem Ermessen« entscheiden, ob sie sich mit der Familie oder Freunden treffen möchten.

Alle durchgeimpft, trotzdem gibt es Neuinfektionen? Sogenannte Querdenkerinnen und Querdenker sehen das als Beweis, dass die Impfungen doch nicht halten, was sie versprechen. Und dass es den Regierungen in Wahrheit nicht um Pandemiebekämpfung, sondern absolute Kontrolle ginge. In einschlägigen Telegram-Gruppen und auf Verschwörungsblogs wird das Beispiel Gibraltar seit einigen Tagen herumgereicht.

Mit dem Grinch gegen die Wut im Netz

Die Regierung in Gibraltars stehe nun »dumm da«, heißt in einer Wortmeldung – »die Spaltung der Gesellschaft nach Agenda« lasse sich so wohl nicht verwirklichen. »Irgendwann«, schreibt jemand in einem Telegram-Chat, »wird es der Letzte begreifen, dass es bei Covid nicht um ein Virus geht«. Viele Impfgegner stört offensichtlich, dass angeblich auch die Weihnachtsmärkte in Gibraltar abgesagt wurden.

Die Wut im Netz steigerte sich derart, dass sich nun Gibraltars Chief Minister Fabian Picardo auf Twitter einmischte. »Bin überrascht, dass ich das überhaupt sagen muss«, so Picardo, »ABER Gibraltar hat Weihnachten NICHT abgesagt.« Dazu stellte er ein Gif vom Weihnachtswüterich Grinch mit dem Schlagwort »Welch Unverfrorenheit«.

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Was abgesagt wurde, so Picardo, waren allein offizielle Regierungsfeiern, niemandem sonst werde verboten, sich zu treffen. Der Lockdown, wie ihn »Querdenker« Gibraltar zum Teil andichten: Es gibt ihn nicht. Picardo rät allerdings weiterhin zur Vorsicht, auch über Weihnachten. Die Bürgerinnen und Bürger sollten Veranstaltungen mit vielen Leuten in geschlossenen Räumen meiden.

40.000 Zweitimpfungen bei 35.000 Einwohnern

Gibraltar hat nach eigenen Angaben  bereits knapp 40.000 Zweitimpfungen verteilt – bei gerade mal gut 35.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Dass mehr Menschen geimpft wurden, als auf der Halbinsel leben, liegt daran, dass auch Pendlerinnen und Pendler aus Spanien sich in Gibraltar impfen lassen konnten.

Trotz der hohen Impfquote vermeldete die Regierung nun einen rasanten Anstieg an Corona-Neuinfektionen. Am Freitag waren auf der britischen Kolonie 668 aktive Covid-Fälle bekannt – das sind etwa halb so viele wie zuletzt im Januar, als die Pandemie in Gibraltar ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hatte. 56 Fälle kamen allein am Freitag hinzu. Bei 29 Fällen davon handelt es sich um Ungeimpfte, zum großen Teil sind sie noch minderjährig.

Kaum Todesfälle

Ein genauerer Blick in die Statistik bestätigt eher die Wirksamkeit der Vakzinen: 98 Menschen sind dort seit Pandemiebeginn an Corona gestorben, den letzten Todesfall gab es im Oktober dieses Jahres. Die meisten Tode gab es im Frühjahr, dann wenige Einzelfälle im August. Auch schwere Krankheitsverläufe sind seit Abschluss der Impfkampagne selten.

Von den aktuell knapp 700 positiven Coronafällen lagen am Freitag nur zwei im Krankenhaus, keiner davon auf der Intensivstation.

Gibraltar beweist mit seinen aktuellen Zahlen, was Studien schon länger belegt haben: Auch Geimpfte können sich anstecken und andere infizieren. Schwere Krankheitsverläufe bleiben jedoch selten, eine Überlastung des Gesundheitswesens droht kaum.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, den letzten Todesfall habe es im Februar gegeben. Tatsächlich kamen im August und Oktober noch Einzelfälle hinzu. Wir haben den Fehler korrigiert.

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