Gespräche über Gefangene bei Biden-Putin-Treffen Der »Händler des Todes« kann hoffen

Joe Biden und Wladimir Putin haben bei ihrem Gipfel wenig Konkretes verabredet. Eine Vereinbarung könnte aber kommen: der Austausch von Gefangenen mit hohem Symbolwert – wie der Waffenhändler But. Um diese Männer geht es.
Aus Genf berichtet Marc Pitzke
Schachfigur im Spiel der Weltmächte: Waffenschmuggler Wiktor But

Schachfigur im Spiel der Weltmächte: Waffenschmuggler Wiktor But

Foto: Christophe Archambault / AFP

Die Staatsgäste sind abgereist, die Straßen wieder geöffnet, Kehrmaschinen fegen die letzten Reste des internationalen Durchmarschs weg. Auf den Promenaden am See genießen Passanten die Sonne. Nur Stunden nach dem Gipfeltreffen zwischen Joe Biden und Wladimir Putin wirkt Genf, als sei nichts gewesen.

Das dreistündige Tête-à-Tête der Präsidenten aus Washington und Moskau hat wenig Konkretes ergeben . Trotzdem bleiben ein paar unerledigte Geschäfte, die Biden und Putin diskutiert, nicht vollends geklärt, aber auf baldige Wiedervorlage gesetzt haben. Einiges davon ging in den sonstigen Schlagzeilen des Tages unter.

Zum Beispiel die Geschichte mit den Gefangenen.

Kaum konkrete Ergebnisse: Biden und Putin in Genf

Kaum konkrete Ergebnisse: Biden und Putin in Genf

Foto: Mikhail Metzel / AP

Er habe die Sache mit Putin »angesprochen« und werde die Diskussion auch »zu Ende bringen«, sagte Biden bei seiner Abschlusspressekonferenz. Er habe »Hoffnung« für die betroffenen Familien: »Ich werde das nicht vergessen«, versicherte er mit dem für ihn typischen Beben.

Putin bestätigte das: »Es könnte ein gewisser Kompromiss gefunden werden«, sagte auch er in Genf. Die zuständigen Außenministerien seien beauftragt worden, »auf diese Richtung hinzuarbeiten«. Darauf deutete zudem die Anwesenheit der beiden Botschafter bei dem Treffen hin, die im Frühjahr abberufen worden waren, doch jetzt wieder auf ihre Posten in Moskau und Washington zurückkehren sollen.

Geiseln für politische Zugeständnisse?

Worum geht es? Seit Langem verhandeln die USA und Russland erfolglos über einen brisanten Gefangenenaustausch. Washington will zwei US-Bürger heimholen, die in russischen Gefängnissen sitzen, Moskau verlangt im Gegenzug die Freilassung zweier Russen aus amerikanischer Haft. Beide Seiten bezeichnen ihre Staatsbürger als unschuldige Geiseln, die nur verurteilt worden seien, um politische Zugeständnisse zu erpressen.

In der Tat sind alle vier – ob schuldig oder unschuldig – zu Schachfiguren im Spiel der Weltmächte geworden. »Der Präsident hat sehr, sehr klargemacht, dass diese Fälle gelöst werden müssen«, sagte ein Biden-Berater nach dem Genfer Treffen.

Um diese Männer geht es.

Paul Whelan

16 Jahre Haft in Russland: Der Amerikaner Paul Whelan

16 Jahre Haft in Russland: Der Amerikaner Paul Whelan

Foto: MLADEN ANTONOV/ AFP

Der Ex-Marineinfanterist wurde vor einem Jahr von einem Moskauer Gericht wegen Spionage zu 16 Jahren Haft verurteilt. Der 51-Jährige, der die amerikanische, britische, kanadische und irische Staatsbürgerschaft hat, war nach eigener Darstellung  als Tourist und Hochzeitsgast in Moskau und behauptet, von einem russischen Bekannten in eine Falle gelockt worden zu sein. Er wurde 2018 im Moskauer Luxushotel Metropole verhaftet.

Whelan sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis acht Autostunden südöstlich von Moskau und beklagte  2020 in einem BBC-Interview seine »sehr, sehr düstere Existenz« dort. In einer vor dem Genfer Gipfel veröffentlichten Tonaufnahme appellierte er an Biden, bei Putin zu intervenieren. Er sei jetzt länger in Geiselhaft als die US-Geiseln in Teheran (1979-1981). »Ich bin weiterhin unschuldig«, sagte er. »Bitte bringen Sie mich zurück zu meiner Familie und meinem Hund Flora, wo ich hingehöre.«

Trevor Reed

Von der Party in den russischen Knast: US-Student Trevor Reed

Von der Party in den russischen Knast: US-Student Trevor Reed

Foto: TATYANA MAKEYEVA / REUTERS

Ein Moskauer Gericht verurteilte den Studenten aus Texas im Juli 2020 zu neun Jahren Haft. Er soll zwei Polizisten tätlich angegriffen haben. Reed, 29, ebenfalls ein früherer US-Marinerinfanterist, war in Moskau, um seine russische Freundin zu besuchen, und abends auf dem Heimweg von einer Party betrunken gestürzt. Polizisten fuhren ihn zur Ausnüchterung auf die Wache und gaben anschließend an, er habe sie im Auto attackiert. Reed widerspricht dem . Die US-Regierung nannte den Prozess »absurdes Theater«.

Im Vorfeld des Gipfels bezeichnete  Putin den Amerikaner als »Unruhestifter«: »Er hat sich zugedröhnt und eine Schlägerei begonnen«, sagte er in einem Interview mit NBC News. »Unter anderem schlug er einen Cop.« Reeds Eltern baten Biden vor dem Treffen in Genf, ihren Sohn heimzuholen. Er sei im Gefängnis an Covid-19 erkrankt, bekomme aber keine Medikamente. In einem Brief  vom 7. Juni habe er über Brustschmerzen und Husten geklagt.

Wiktor But

»Händler des Todes«: Russischer Waffenschmuggler Wiktor But

»Händler des Todes«: Russischer Waffenschmuggler Wiktor But

Foto: Chumsak Kanoknan/ Getty Images

Der russische Waffenschmuggler ist der bekannteste Name unter den vier. Buts Leben wurde in dem Buch »Der Händler des Todes« dokumentiert und inspirierte den Hollywoodfilm »Lord of War« von 2005 mit Nicholas Cage. Der frühere Militärdolmetscher wurde reich, indem er Waffen aus Osteuropa nach Afrika und in den Nahen Osten schmuggelte. Zu seinen Kunden sollen Despoten wie Charles Taylor in Liberia und Muammar al-Gaddafi in Libyen gehört haben – außerdem die Taliban, was But dementiert.

Interpol jagte But seit 2002. Der heute 52-Jährige wurde 2008 bei einer Undercover-Aktion in Bangkok verhaftet. Er hatte geglaubt, Raketen, AK-47-Gewehre und andere Waffen an kolumbianische Farc-Rebellen zu verkaufen, doch es handelte sich um Agenten der US-Drogenbehörde DEA. Nach längerem Hin und Her wurde er an die USA ausgeliefert und 2011 von einem New Yorker Gericht wegen Terrorismus zu 25 Jahren Haft verurteilt – gegen den erbitterten Protest Russlands.

Konstantin Jaroschenko

»Unser Pilot«: Drogenschmuggler Konstantin Jaroschenko

»Unser Pilot«: Drogenschmuggler Konstantin Jaroschenko

Foto: AP

Der in den USA als Drogenschmuggler verurteilte Russe ist den Amerikanern weniger bekannt, doch für Moskau eine cause célèbre. Die russische Regierung bat bereits Bidens Vorgänger Donald Trump 2017 offiziell, Jaroschenko zu begnadigen, das wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin sollen Gespräche über einen Austausch begonnen haben, auch schon unter Trump.

Der 52-Jährige wurde 2010 von zwei Männern angeheuert, ihnen zu helfen, Kokain im großen Stil von Südamerika nach Liberia zu schmuggeln. Ein Teil der Drogen wäre von dort in die USA gelangt. Wie But geriet aber auch Jaroschenko ins Netz der US-Drogenfahnder: Die Männer waren Informanten der DEA. Als die DEA einen Drogenring in Liberia aushob, wurde Jaroschenko mit verhaftet, in die USA gebracht und dort zu 20 Jahren verurteilt. Moskau nennt ihn »unseren Piloten« und Opfer einer Geiselnahme.

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