Chinesisch-indischer Grenzstreit "Ich befürchte eine militärische Eskalation"

Der Grenzkonflikt zwischen Indien und China flammt erneut auf. Der indische Generalleutnant a. D. Hooda spricht über den Streit der beiden Atommächte - und welche Rolle Deutschland darin spielen könnte.
Ein Interview von Laura Höflinger, Bangalore
Ein indischer Soldat im Grenzgebiet: Prügeleien mit chinesischen Patrouillen

Ein indischer Soldat im Grenzgebiet: Prügeleien mit chinesischen Patrouillen

Foto: Mukhtar Khan/ AP

SPIEGEL: Im Juni starben bei einer Auseinandersetzung zwischen indischen und chinesischen Streitkräften im Himalaja mindestens 20 indische Soldaten. Ende August kam es erneut zu einem Zusammenstoß im Grenzgebiet. Sowohl China als auch Indien haben ihre Grenztruppen verstärkt und überziehen einander mit politischen Drohungen. Worum geht es in dem Konflikt?

Hooda: Das Problem ist, dass beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wo die Grenze zwischen ihren Ländern verläuft. Beide versuchen derzeit, ihren Anspruch auf bestimmte Gebiete geltend zu machen. Die Chinesen sind an einer Stelle zwischen sieben und acht Kilometer weit ins indische Grenzgebiet eingedrungen. Die indische Armee hat seitdem immer wieder klargestellt: Die Volksbefreiungsarmee  muss sich zurückziehen und damit den Status quo wiederherstellen. China sieht dazu keinen Anlass. Man befände sich auf chinesischem Gebiet, heißt es. Eine solche Aussage schließt einen schnellen Rückzug für mich aus. Aber das ist nicht, was mich beunruhigt.

SPIEGEL: Sondern?   

Hooda: Trotz zweieinhalb Monate dauernder Verhandlungen auf diplomatischer und militärischer Ebene haben wir es auf einmal mit einem neuen Pulverfass zu tun. Bislang war die Auseinandersetzung lokal beschränkt. Die Truppen hatten sich zu einem gewissen Maß zurückgezogen. Aber der jetzige Vorfall hat sich in einem neuen Gebiet ereignet. Der Konflikt weitet sich damit aus. Die Verhandlungspositionen werden sich weiter verhärten. Die Stimmung in der indischen und chinesischen Bevölkerung ist aufgeheizt, was wiederum Druck auf die beiden Regierungen ausübt. Es herrscht Misstrauen. Tausende Soldaten stehen sich gegenüber. Ich halte es für ausgeschlossen, dass sich die Lage innerhalb der nächsten Monate entspannt.

SPIEGEL: Heißt das, wir müssen mit weiteren Auseinandersetzungen rechnen? 

Hooda: Ich befürchte eine militärische Eskalation. Wir können hoffen, dass es nicht passiert. Aber Fakt ist: Wir müssen uns darauf vorbereiten. 

SPIEGEL: Indische und chinesische Soldaten sind in der Vergangenheit wiederholt aneinandergeraten, es kam auch zu Prügeleien. Woher rührt dieser Grimm aufeinander?  

Hooda: Es kam auch in meiner Zeit immer wieder vor, dass Patrouillen im Grenzgebiet aufeinandertrafen. Mal drangen wir in ein Gebiet vor, das auch die Chinesen als ihr Territorium ansahen. Mal trafen wir chinesische Patrouillen in einem Gebiet an, das wir für uns beanspruchen. Und doch kam es nie zu Gewaltausschreitungen.

China und Indien haben sich auf bestimmte Verhaltensweisen für ihre Streitkräfte geeinigt, die eine Eskalation verhindern sollen. Dazu gehört, dass Soldaten zwar Schusswaffen tragen, diese aber nicht benutzen. Ein anderes Beispiel: Wenn zwei Patrouillen in einem umstrittenen Gebiet aufeinandertreffen, rollen die Soldaten ein Banner aus, das signalisiert: Ihr seid in unser Territorium vorgedrungen. Beide Seiten müssen daraufhin zeitgleich den Rückzug antreten. Diese Vereinbarungen haben jahrzehntelang den Frieden bewahrt.

Seit zwei oder drei Jahren beobachten wir die allmähliche Aufweichung des militärischen Grenzprotokolls. Es kommt zu Raufereien, weil eine Seite sich weigert zurückzuweichen. Es werden Steine geworfen. Das ist ein weiterer Grund, warum die Gefahr einer Eskalation gestiegen ist. Was im Juni passiert ist, als die indischen Soldaten ums Leben kamen, war ein vollständiger Zusammenbruch der alten Ordnung.

SPIEGEL: Die USA haben China massiv kritisiert. Außenminister Mike Pompeo sagte, China "mobbe" seine Nachbarn. Wie bewerten Sie solche Erklärungen?

Hooda: Die USA verfolgen zunächst lediglich ihre eigenen geopolitischen Interessen. Washingtons Verhältnis zu Peking ist angespannt. Den USA würde es gefallen, wenn sie eine Art Anti-China-Allianz zusammenzimmern könnten. Wir aber müssen uns überlegen, was uns nützt.

Ich sage: Wir sollten unsere Beziehung zu den USA weiter vertiefen. Wir beobachten ein zunehmend selbstbewusstes China, das seine Interessen skrupellos durchsetzt, sei es in Hongkong, im Südchinesischen Meer oder im Himalaja. Die Zeit strategischer Autonomie, die sich Indien traditionell auferlegt hat, ist meiner Meinung nach vorbei. Wir müssen an unsere eigenen Interessen denken.

SPIEGEL: Die Bundesregierung hat diese Woche eine Indopazifik-Strategie verabschiedet. Außenminister Heiko Maas erklärte:  "Der Himalaja und die Straße von Malakka mögen weit entfernt scheinen. Aber unser Wohlstand und unser geopolitischer Einfluss in den kommenden Jahrzehnten beruhen gerade auch darauf, wie wir mit den Staaten des Indopazifiks zusammenarbeiten." Welchen Beitrag kann Deutschland in der Region leisten?

Hooda: Wir werden an einen Punkt kommen, an dem sich einzelne Länder Pekings Drang nach Hegemonie nicht mehr allein widersetzen können. Verschiedene Staaten müssen zusammenkommen, um China die Stirn zu bieten. Wir sollten die Möglichkeit, mit gleich gesinnten Ländern wie Deutschland zusammenzuarbeiten, daher begrüßen. 

Was Indien von Deutschland bekommen kann, sind Zugang zu Ausbildung, Technologie und diplomatische Unterstützung in internationalen Foren. Niemand in Neu-Delhi erwartet von Berlin militärische Unterstützung.

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