Demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer Trumps Lieblingsfeindin

In der Coronakrise steht Gretchen Whitmer im Fokus. Die Gouverneurin von Michigan ist das Feindbild der Trump-Anhänger, ihre Gegner ziehen sogar bewaffnet ins Parlamentsgebäude - für die Demokraten ist sie eine Hoffnungsträgerin.
Michigans Gouverneurin Whitmer: die verdammten Straßen in Ordnung bringen

Michigans Gouverneurin Whitmer: die verdammten Straßen in Ordnung bringen

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Al Goldis/ AP

Einige trugen Sturmgewehre, eine Handvoll war vermummt. "Lasst uns rein!", riefen die Demonstranten, als sie sich Zugang zum Parlamentsgebäude von Michigan verschafften. Manche versuchten, in der Plenarsaal einzudringen, in dem die Abgeordneten über eine Verlängerung des Notstands debattierten, den Gouverneurin Gretchen Whitmer in der Coronakrise ausgerufen hatte. Die Polizei stellte sich ihnen entgegen.

Nicht zum ersten Mal richtet sich die - öffentlichkeitswirksam inszenierte - Wut jener, die eine Aufhebung der Beschränkungen forderten, gegen die demokratische Regierungschefin des Bundesstaats an den Great Lakes. Einige der mehreren Hundert Protestierenden, die am Donnerstag zum state capitol gezogen waren, skandierten Hitler-Vergleiche; einer trug ein Transparent über den Rasen vor dem Gebäude - die Aufschrift: "Tyrannen bekommen den Strick".

Bewaffneter Demonstrant im Parlament von Michigan: das offene Tragen von Waffen ist in dem Gebäude erlaubt

Bewaffneter Demonstrant im Parlament von Michigan: das offene Tragen von Waffen ist in dem Gebäude erlaubt

Foto: SETH HERALD/ REUTERS

Als Whitmer Anfang 2019 in die Gouverneursvilla in ihrer Heimatstadt Lansing einzog, sprach nichts dafür, dass sie sich keine 18 Monate später im Mittelpunkt einer schrillen nationalen Auseinandersetzung wiederfinden würde. Mit einem bürgernahen Hauptanliegen und einem sehr konkreten, praktischen Wahlslogan hatte sie sich um das Amt beworben: "Fix the damn roads". Die verdammten Straßen in Ordnung bringen; mit dem Thema Infrastruktur würde sie bei Durchschnittsbürgern punkten können und sich so in einem Bundesstaat durchsetzen, den bei der vorigen Präsidentschaftswahl Donald Trump noch knapp gewinnen konnte. Das Kalkül ging auf, Whitmer gewann die Wahl.

Doch spätestens seit Demonstranten Mitte April vom Präsidenten angestachelt erstmals vor ihren Dienstsitz zogen, zeigt sich: In der Coronakrise ist die Gouverneurin für manchen Trump-Anhänger zur Hassfigur geworden.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Michigan gehört zu den Bundesstaaten, die das Virus am stärksten getroffen hat:

  • Rund 3700 Menschen sind bislang an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben, nur in New York und New Jersey gibt es mehr Tote.

  • Zur Eindämmung der Pandemie verhängte Whitmer einen der schärfsten Lockdowns der USA.

  • Zudem äußerte sie früh Kritik an der Trump-Regierung, weil diese Michigan und anderen Bundesstaaten Hilfe zugesagt, aber bei der Beschaffung von Tests und Schutzausrüstung versagt habe.

Trump reagierte prompt mit Anfeindungen. Sie sitze bloß da und schiebe der Regierung in Washington die Schuld zu, klagte der Präsident. Er möge "die Frau in Michigan" nicht anrufen, wies Trump seinen Vizepräsidenten Mike Pence an, der den Kampf der Regierung gegen die Pandemie leitet. Auf Twitter bezeichnete der Präsident die Gouverneurin als Gretchen "Half" Whitmer, in Anspielung auf das englische Wort "half-wit" für Schwachkopf. In der Coronakrise wurde Whitmer neben ihrem Parteikollegen, New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, zu Trumps Lieblingsfeindin.

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Konservative Gruppen orchestrierten die Proteste Mitte April mit. Eine der Organisationen, darauf wies auch Whitmer hin, soll der Familie von Trumps Bildungsministerin Betsy DeVos nahestehen. Der Präsident selbst twitterte seine Unterstützung: "Befreit Michigan".

Whitmer antwortete auf die schrillen Attacken mit einem bezeichnend nüchternen praktischen Hinweis: Die Demonstranten hielten die Abstandsregeln nicht ein, sagte sie. Ihre Sorge sei, dass sie das Virus verbreiten könnten, wenn sie nach Hause zurückkehrten.

Manche der Beschränkungen hat die Gouverneurin inzwischen gelockert. Einige Geschäfte wie Landschaftsgärtnereien oder Fahrradwerkstätten dürfen nun wieder öffnen. Freizeitaktivitäten wie Golfen und Motorbootfahren werden wieder erlaubt. Die grundsätzliche Ausgangssperre aber wurde bis zum 15. Mai verlängert.

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Anlass der Proteste vom Donnerstag war eine Parlamentsdebatte über eine Verlängerung des Corona-Notstands im Bundesstaat. Unter denjenigen, die sich Zugang zum state capitol verschafften, waren auch Mitglieder bewaffneter Milizen. In Michigan ist das offene Tragen von Waffen auch im Parlamentsgebäude erlaubt. Eine Handvoll vermummter, schwer bewaffnete Männer positionierte sich demonstrativ vor Whitmers Büro. Mehrere Abgeordnete nahmen offenbar nur mit schusssicheren Westen an der Sitzung teil.

Die republikanische Mehrheit stimmte gegen eine Verlängerung des Notstands, der der Gouverneurin weitreichende Befugnisse verleiht. Die Republikaner kündigten zudem an, Whitners Maßnahmen vor Gericht anzufechten. Diese reagierte noch in der Nacht und verlängerte den Notstand per Dekret bis zum 28. Mai.

Vermummte, schwer bewaffnete Männer vor dem Gouverneursbüro von Gretchen Whitmer

Vermummte, schwer bewaffnete Männer vor dem Gouverneursbüro von Gretchen Whitmer

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SETH HERALD/ REUTERS

Für Whitmer dürften die Szenen in ihrer Geburtsstadt besonders verstörend sein. Denn eigentlich ist die Gouverneurin eine Art Inbegriff von Heimatverbundenheit. Ihr Vater Richard war Handelsminister von Michigan. Sie studierte an der Michigan State University. Die Juristin ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Töchter.

Zugleich hat ihr Auftreten in der Coronakrise Whitmer in den Fokus der nationalen Aufmerksamkeit gerückt. Demokratische Wahlkampfstrategen haben sie längst auf dem Schirm. Es gilt als ausgemacht, dass eine Frau als "running mate" Joe Bidens, des designierten Kandidaten der Demokraten, in das Rennen ums Weiße Haus gehen wird.

Joe Biden: Für den Ex-Vizepräsidenten zählt Whitmer zu den "talentiertesten Leuten im Land"

Joe Biden: Für den Ex-Vizepräsidenten zählt Whitmer zu den "talentiertesten Leuten im Land"

Foto: LOGAN CYRUS/ AFP

Für Whitmer würde sprechen, dass sie als Regierungschefin im Kampf gegen die Pandemie sichtbar ist. In einem Wahlkampf, der wegen des Virus ohne die gewohnten Veranstaltungen stattfinden könnte, dürfte das ein Vorteil sein.

Zudem gelten Gouverneure, verglichen etwa mit Kongressabgeordneten, traditionell als Macher, was manche Bürger ihnen in Präsidentschaftswahlkämpfen zugutehalten.

Zu Jahresbeginn war Whitmer bereits die prestigeträchtige Rolle zugefallen, die demokratische Gegenansprache zu Trumps Rede an die Nation zu halten. Schließlich ist Michigan einer jener hart umkämpften, wahlentscheidenden "Swing States".

Ihr vergleichsweise unideologischer Mittekurs könnte Whitmer allerdings anfällig machen für Kritik vom linken Parteiflügel. Hinzu kommt auch in Michigan, dass die Ansteckungs- und Sterberaten in der schwarzen Bevölkerung deutlich höher sind. Whitmer hat eine Taskforce eingesetzt, die sich des Problems annehmen soll.

Anfang April war sie Bidens Gast in dessen Podcast. Für den Ex-Vizepräsidenten zählt sie zu den "talentiertesten Leuten im Land", wie er es formulierte. Whitmer nannte es jüngst eine Ehre, als Vizekandidatin in Betracht gezogen zu werden.

Das entscheidende Gespräch hätten sie und Biden aber nicht geführt. Überhaupt wolle sie sich fürs Erste ausschließlich auf Michigan konzentrieren. An Herausforderungen wird es auf absehbare Zeit nicht mangeln.