Elendslager Moria auf Lesbos "Wir schaffen das allein nicht"

Überfüllte Container, Mangel an Personal. Und nun auch noch die Angst vor Corona. Dimitris Vafeas, der Leiter des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos, fordert im Interview mehr Solidarität von den Europäern.
Ein Interview von Giorgos Christides und Katrin Kuntz
Flüchtlinge in Moria: Untragbare Zustände

Flüchtlinge in Moria: Untragbare Zustände

Foto: Julian Busch/ DER SPIEGEL

Seit dem faktischen Bruch des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals Ende Februar hat sich die Lage auf den griechischen Inseln weiter verschärft. Rechtsextreme machen Jagd auf Migrantinnen, NGO-Mitarbeiter und Journalistinnen. Sie wollen verhindern, dass immer mehr Menschen auf der ohnehin schon überfüllten Insel unterkommen.

Das zentrale Camp Moria  beherbergt heute zehn Mal so viele Bewohner wie ursprünglich vorgesehen - viele stecken hier Jahre fest, weil die Bearbeitung ihrer Asylgesuche nicht erfolgt. Das Lager erstreckt sich wie eine wild wuchernde Stadt über die Olivenhaine. Dimitris Vafeas, der Leiter des Camps Moria, spricht über eine Insel im Ausnahmezustand.

SPIEGEL: Moria bekommt viel Aufmerksamkeit, weil die Bedingungen für die Menschen dort unerträglich sind. Immer wieder schauen Stars vorbei, die für Unterstützung werben. Hilft Ihnen das?

Vafeas: Bei uns in Moria kommen jede Menge berühmte Leute vorbei, ja. Der Papst schickte Gesandte. Vor Kurzem hatten wir Queen Cersei, eine Schauspielerin aus der Serie "Game of Thrones". Natürlich bekommen wir dadurch Aufmerksamkeit, aber um ehrlich zu sein: Das ist jede Menge Lärm ohne wirkliche Ergebnisse. Das einzige Ergebnis, das ich sehen will, ist: Entlastet das Camp, und macht es zu einem Transitort.

SPIEGEL: Wie schwierig ist Ihre Arbeit?

Vafeas: Ich liebe meine Arbeit und habe mich hier freiwillig beworben. Aber in Moria leben heute etwa 20.000 Asylsuchende. Das Camp ist ursprünglich für 2840 Menschen ausgelegt. Wir können die Hilfe, die wir leisten müssten, nur dann leisten, wenn die Zahlen runtergehen und unseren offiziellen Kapazitäten entsprechen. Nach dem ersten Corona-Fall auf der Insel kommen jetzt alle internationalen Medien zum Camp. Ich nehme an, dass sie sich tief im Inneren wünschen, dass das Virus Moria trifft, damit sie etwas zu berichten haben und auf die Fehler der Regierung hinweisen können.

"Moria war nie als festes Camp gedacht"

SPIEGEL: Wegen der jüngsten fremdenfeindlichen Übergriffe arbeiten medizinische Teams im Camp gerade nur in Notfallbesetzung. Sind Sie im Camp denn auf die Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet?

Vafeas: Wir haben Ärzte und Krankenschwestern im Camp. Außerdem haben wir frei stehende ehemalige Militärapartments identifiziert, in denen wir Patienten unter Quarantäne stellen können, falls es Infektionen gibt. Zum Glück leben im Camp nur 178 Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Mit 20.000 Bewohnern hier machen wir uns natürlich Sorgen. Aber es sollte keine Hysterie entstehen. 

SPIEGEL: Moria wird oft die "Schande Europas"  genannt. Wenn man heute durch das Camp geht, sieht man überall Müllberge. Die Menschen hausen unter Planen, es gibt kein fließendes Wasser, ständig brechen Kämpfe aus. Die Umstände sind würdelos.

Vafeas: Jeder hier will bessere Bedingungen. Und jeder will das Camp entlasten. Im Jahr 2019 hat die griechische Regierung fast 15.000 Menschen aus Moria auf das Festland gebracht. Im selben Jahr hatten wir aber allein auf Lesbos 25.000 Neuankünfte. Italien hatte damals etwa nur 11.000. Stellen Sie sich das einmal vor. Es ist einfach, über Migration zu philosophieren. Aber vergessen Sie nicht: Wir sind ein kleines Land, und wir liegen an der Außengrenze der EU. Wir schaffen das allein nicht. 

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Die EU hilft Griechenland mit Fördergeldern. Seit 2015 erhielt Athen mehr als zwei Milliarden Euro Unterstützung.

Vafeas: Zuerst einmal: Um diese EU-Gelder zu bekommen, müssen wir einen bürokratischen Prozess durchlaufen. Und dann heißt es immer wieder in Europa: Wir geben euch so viel Geld, was tut ihr damit? Geld allein löst keine Probleme. 

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Alltag aus?

Vafeas: Das Camp Moria sollte ein Transitzentrum auf der Insel sein, das sich um die Identifizierung der Menschen kümmert. Es war nie als festes Camp gedacht. Jetzt hat es die Größe einer kleinen Stadt. Wir haben zwei Umspannwerke, die 20.000 Menschen mit Wärme und Elektrizität versorgen sollen. Jeden Tag gibt es Probleme. Manchmal geht es nur um so etwas Banales, wie Bewohner von einer Sektion in die andere umzusiedeln. Dann telefoniere ich den ganzen Tag.

SPIEGEL: Wie sehr erschwert die Bürokratie Ihre Arbeit?

Vafeas: Migration braucht schnelle, unkomplizierte Handlungen. Aber wir werden von Bürokratie blockiert. Moria ist kein privates Camp, sondern Teil des öffentlichen Sektors. Und wo immer der öffentliche Sektor in Griechenland involviert ist, kann man Verspätungen erwarten. 

SPIEGEL: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Vafeas: Anstelle einer Karte, auf der alle Informationen gespeichert sind, besitzt der durchschnittliche Asylsuchende in Moria etwa 20 Papiere. Die betreffen Registrierung, Asylstatus, Gesundheitszustand, Familienverhältnisse. Oder nehmen wir an, ein Container wurde durch Feuer zerstört. Wie können wir einen neuen bestellen? Wer wird für ihn bezahlen? All das erfordert zahlreiche Prozeduren. Wir haben kein eigenes Budget. Alles geht über das Verteidigungsministerium in Athen. Es kann Wochen oder Monate dauern, bis wir das Geld bekommen, eine Toilette zu reparieren.

Flüchtlingslager Moria: Wie eine wild wuchernde Stadt

Flüchtlingslager Moria: Wie eine wild wuchernde Stadt

Foto: Julian Busch/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wie viele Menschen arbeiten für Sie? 

Vafeas: Wir haben 22 Festangestellte, 47 Menschen mit Zeitvertrag und 265 Menschen, die unter Arbeitslosenprogrammen vermittelt wurden. Wir brauchen vor allem mehr qualifiziertes und spezialisiertes Personal: Elektriker, Klempner, Polizisten. Idealerweise würde das Management des Camps 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche laufen. 

SPIEGEL: Es gibt Öffnungszeiten im Camp Moria?

Vafeas: Es ist surreal, aber zwischen 22 Uhr am Abend und 6 Uhr am Morgen gibt es im Camp keinerlei Service, außer einem Arzt und der Polizei. Wir haben zwei Elektriker und zwei Klempner, die von einem Arbeitslosenprogramm geschickt wurden, und die nach 16 Uhr nicht mehr arbeiten dürfen. Und wenn sie Überstunden machen, gibt es kein Budget, um sie zu entlohnen. Wir können ihnen nur einen freien Tag anbieten. Wenn sie diesen in Anspruch nehmen, gibt es an diesem Tag keinen Elektriker und auch keinen Klempner.

"Alle Prozeduren brauchen Zeit"

SPIEGEL: Die griechische Regierung will geschlossene Zentren auf einigen Inseln bauen. Der Widerstand der Bevölkerung auf Lesbos ist groß. Was halten Sie davon?

Vafeas: Es wird eine Herausforderung, sie zu bauen, mit Personal auszustatten und Polizei dort zu stationieren. Aber wenn jeder ein Bett hat und es eine ordentliche Infrastruktur gibt, halte ich das für eine gute Idee.

SPIEGEL: Athen hat auch versprochen, Menschen verstärkt zurück in die Türkei zu bringen oder abzuschieben, um die Bedingungen zu entschärfen.

Vafeas: Ja, das ist der Plan. Aber die Umsetzung ist schwierig. Nehmen wir an, man will 20 Menschen nach Ghana oder Benin zurückbringen. Das ist nicht so einfach. Alle Prozeduren brauchen Zeit. Und die Herkunftsländer sind oft nicht bereit, sie zurückzunehmen, gerade wenn sie keine Papiere haben oder aus Ländern stammen, die eine unzureichende, administrative Fähigkeiten haben.

SPIEGEL: Haben Sie noch Hoffnung?

Vafeas: Es gibt eine neue Gesetzgebung, die es uns erlaubt, Aufträge direkt zu vergeben. Das sollte uns in die Lage versetzen, schnell und effektiv mit Problemen umzugehen - etwa eine Toilette schnell reparieren zu können. Das Gesetz ging in der vergangenen Woche durchs Parlament. Wir müssen jetzt sehen, wie es sich anwenden lässt. Athen hat auch eine neue Gesetzgebung verabschiedet, die den Asylprozess viel schneller macht. Jetzt sollen Antragsteller in 28 Tagen eine Asylentscheidung bekommen, was zuvor unter Umständen Jahre dauerte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das "Ministerium für Immigration und Asyl" in Athen, ein großer Name, insgesamt weniger als 200 Angestellte hat. 

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