Migranten in Griechenland Sport machen, um nicht verrückt zu werden

Sie kamen über das Meer, jetzt sitzen sie in Lagern fest, häufig für Jahre. Ein ungewöhnlicher Verein hilft Geflüchteten auf Lesbos mit Yoga und Boxtraining. Eine Geschichte darüber, wie Sport ein Leben verändern kann.
Von Dario Antonelli und Giacomo Sini (Fotos), Lesbos
Junge Geflüchtete üben Zumba im Athener Pedion-tou-Areos-Park

Junge Geflüchtete üben Zumba im Athener Pedion-tou-Areos-Park

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Giacomo Sini

Globale Gesellschaft

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Die Tritte seiner Schüler verfehlen das Gesicht von Aref nur um Zentimeter. Vielen fehlt noch Training, doch der 19-jährige Afghane erklärt die Taekwondo-Übungen geduldig und konzentriert. Wettkämpfe finden zurzeit ohnehin keine statt. »Wenn es wieder geht, werden wir in der Lage sein, uns mit griechischen Teams zu messen«, ist Aref überzeugt.

Die große Allee des Pedion-tou-Areos-Parks in Athen ist voll mit Menschen. Hier werden während der Pandemie auch Yoga, Taekwondo, Parkour, Kung-Fu und Zumba unter freiem Himmel trainiert. Organisiert werden die Kurse von »Yoga and Sport with Refugees«, einer NGO, deren Name bereits das Anliegen verrät. 2018 wurde sie von der Französin Estelle Jean gegründet. Heute leitet die 29-Jährige den Verein zusammen mit Nina de Winter, einer 26-jährigen Niederländerin, die ursprünglich als Lauftrainerin kam und dann als Mitorganisatorin blieb.

Die Ehrenamtlichen trainieren seit der Pandemie vor allem im Freien. Hier übt die 16-jährige Sohalia mit anderen das Kickboxen im Park

Die Ehrenamtlichen trainieren seit der Pandemie vor allem im Freien. Hier übt die 16-jährige Sohalia mit anderen das Kickboxen im Park

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Seine Wurzeln hat »Yoga and Sport for Refugees« jedoch nicht in Athen, sondern auf Lesbos. Tausende von Menschen, die hier in Europa ankamen, nahmen in den vergangenen Jahren an einem der Kurse auf der Insel teil. Inzwischen hat der Verein seine Arbeit ausgebaut, auch auf dem Festland gibt es jetzt Sportkurse und Trainingsgruppen. Insgesamt sind es Angebote in 25 verschiedenen Disziplinen – organisiert werden sie meist von Geflüchteten wie Aref.

Auch Sohalia, 16, gehört zum Team. Ihre Familie lebt im Lager Malakasa, rund 40 Kilometer außerhalb von Athen. Wie auch in anderen Camps lässt die griechische Regierung dort derzeit eine meterhohe Betonmauer errichten. »Es ist eine schreckliche Situation«, klagt Sohalias Mutter, während sie Wasser in einen Kessel gießt, um Tee für die Gäste zu kochen. Das Zelt der Familie befindet sich in der einstigen Turnhalle des Lagers. Inzwischen stehen hier viele Dutzend Zelte und es gibt keinen Platz mehr. An Sport ist im Lager nicht zu denken.

Das Laufteam des Vereins trainiert auf Lesbos dort, wo bis zu einem Brand im vergangenen Jahr das Lager Moria stand. Auch im neuen Camp sind die Lebensbedingungen schwierig, Sport ist für viele eine wohltuende Ablenkung.

Das Laufteam des Vereins trainiert auf Lesbos dort, wo bis zu einem Brand im vergangenen Jahr das Lager Moria stand. Auch im neuen Camp sind die Lebensbedingungen schwierig, Sport ist für viele eine wohltuende Ablenkung.

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Einige Hundert Kilometer entfernt auf Lesbos ist das Wasser des Mittelmeers kristallklar. Am Ufer scherzen, lachen und tauchen die jugendlichen Geflüchteten um die Wette, obwohl die meisten nicht richtig schwimmen können. Viele haben ein ambivalentes Verhältnis zum Meer. Nachts kamen sie hier an, in unsicheren Booten und in Furcht vor der Küstenwache und Frontex.

Sport, »um nicht verrückt zu werden«

Das Meer begrenzt auch das Lager Kara Tepe, in dem fast alle hier leben und das bei vielen als »Moria 2.0« bekannt ist. Das neue Camp ist der Nachfolger des abgebrannten Lagers Moria. Wasser ist hier eine natürliche Grenze, Stacheldraht teilweise unnötig. »Oft muss man darauf bestehen, das Lager für ein paar Stunden verlassen zu dürfen«, klagt Nabiullah, der auch hier lebt. Außerhalb des Lagers werde er regelmäßig von der Polizei kontrolliert, sagt er. Sport sei für ihn auch ein Weg, »um nicht verrückt zu werden«. Die meisten Tage verbringe er im Fitnessstudio, erzählt der junge Afghane. Nabiullah klettert, boxt und läuft.

Doch um zum Sportklub hier auf der Insel zu gelangen, muss er das Camp verlassen. »Wir haben uns bewusst entschlossen, nicht im Lager zu arbeiten. Die Aktivitäten sollen den Menschen die Möglichkeit geben herauszukommen«, sagt Nina de Winter, die Leiterin. Statt im Lager ein Sportstudio hochzuziehen, haben die Aktivistinnen außerhalb des Camps ein altes Lagerhaus instandgesetzt. »Die Wände waren völlig schwarz von Schmutz und Rauch. Wir haben viel Arbeit reingesteckt, um diesen Ort in eine Turnhalle zu verwandeln«, erinnert sich die Niederländerin.

Beim Lauftraining ist das Lager nicht mehr zu sehen

Um 8.30 Uhr morgens wird der Sportklub jetzt bereits gut genutzt. Ältere Afghanen und junge Kongolesen wechseln sich an den Barren, Bänken und Trainingsgeräten ab. Jeder von ihnen folgt seinem eigenen Programm, einige Trainer beobachten den Fortschritt aufmerksam. Am Ende des Tages finden die Yogastunden statt.

»Yoga ist in Afghanistan nicht sehr verbreitet«, sagt Trainer Zakhi. »Als ich ins Lager kam, war ich krank und hatte den Willen verloren, etwas zu tun. Doch dann besuchte ich einen Kurs und fand Gelassenheit. Deshalb unterrichte ich jetzt selbst Yoga. Ich glaube, dass es für jeden gut sein kann, besonders hier.« Inzwischen ist Zakhi zertifizierter Yogalehrer, gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen wohnt er in einer eigenen Wohnung.

In seiner Freizeit macht er ebenfalls Sport, ist Teil des Klub-Laufteams. Jeden Tag läuft die Gruppe auf verschiedenen Strecken durch die Berge und Dörfer in der Nähe des Camps, am Meer entlang und zurück. Die Zelte in Kara Tepe sind dann manchmal nicht mehr zu sehen. Verdeckt von den Bergen scheint das Lager weit weg zu sein. Zumindest für einen kleinen Moment.

Sehen Sie hier, wie Zahki, Nabiullah, Sohalia und andere Geflüchtete durch gemeinsamen Sport neue Hoffnung schöpfen:

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Sport für Geflüchtete in Griechenland

Foto: Giacomo Sini

Dieser Artikel ist die gekürzte und leicht überarbeitete Form eines Textes, der zuvor bei »El País« erschienen ist .

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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