Schwangere zündete sich an Griechische Staatsanwaltschaft will Geflüchtete wegen Brandstiftung belangen

Auf Lesbos hausen Tausende Flüchtlinge unter erbärmlichen Bedingungen. Nun gehen griechische Behörden gegen eine schwangere Frau vor, die das Leben im Camp nicht mehr aushielt und sich in Brand setzte.
Geflüchtete im Lager Kara Tepe: »Lieber sterben, als noch ein Kind ins Camp bringen«

Geflüchtete im Lager Kara Tepe: »Lieber sterben, als noch ein Kind ins Camp bringen«

Foto: ELIAS MARCOU / REUTERS

Die Staatsanwaltschaft auf der griechischen Insel Lesbos geht strafrechtlich gegen eine hochschwangere Geflüchtete vor, die sich aus Verzweiflung in Brand gesteckt hatte. Das geht aus einem Schreiben der örtlichen Behörden hervor, das dem SPIEGEL vorliegt.

Die 27-jährige Afghanin zündete sich am Sonntagmorgen in ihrem Zelt im Flüchtlingslager auf Lesbos selbst an, nachdem sie ihre Familie in Sicherheit gebracht hatte. Die Nachbarn hatte die Afghanin nach Angaben ihrer Anwältin vorher gewarnt. Sie löschten die Flammen gemeinsam mit der Polizei und der Feuerwehr.

Die Frau erlitt schwere Brandverletzungen und wurde ins Krankenhaus in der Inselhauptstadt Mytilini gebracht. Dort liegt sie bis heute, in wenigen Tagen könnte sie ihr Kind bekommen. Bei dem Brand wurden keine anderen Personen verletzt.

Die Afghanin lebt seit 14 Monaten mit ihren drei kleinen Kindern und ihrem Mann im Lager Kara Tepe. Die griechischen Behörden hatten auf Lesbos eine provisorische Zeltstadt für 6000 Menschen errichtet, nachdem das Elendslager Moria im Sommer abgebrannt war.

Geflüchtete Frau mit Kind auf Lesbos im Februar 2020

Geflüchtete Frau mit Kind auf Lesbos im Februar 2020

Foto: MANOLIS LAGOUTARIS/ AFP

Die Zustände im Lager sind desaströs. Auf Lesbos gingen in den vergangenen Monaten Hagel und Schneeregen nieder, Sturmböen fegten über die Insel. Im Lager staute sich das Wasser, Zelte versanken im Schlamm. Viele Bewohner klagen über psychische Probleme und leiden an komplexen Traumata, Hilfsorganisationen warnen vor dauerhaften Schäden und einer steigenden Zahl an Suizidversuchen.

Afghanin sollte offenbar nach Deutschland ausgeflogen werden

Nach SPIEGEL-Informationen war der Afghanin und ihrer Familie internationaler Schutz gewährt worden. Offenbar sollte die Familie nach Deutschland ausgeflogen werden. Die Bundesrepublik hatte zugesagt, rund 1600 anerkannte Flüchtlinge mit ihren Familien von den griechischen Inseln aufzunehmen.

Laut der Anwältin der Familie wollte die Mutter Suizid begehen, weil ihr mitgeteilt worden war, vor der Geburt ihres Kindes könne sie nicht mehr nach Deutschland kommen. Der Staatsanwaltschaft sagte die Afghanin nach SPIEGEL-Informationen, sie wolle lieber sterben, als noch ein Kind ins Camp zu bringen. Die hygienischen Bedingungen seien zu schlecht, überall liege Müll herum, es sei zu kalt.

Aus Ministeriumskreisen hieß es diese Woche, die Frau habe etwas missverstanden. Demnach sei die Afghanin möglicherweise davon ausgegangen, Griechenland überhaupt nicht verlassen zu dürfen – auch nicht nach der Geburt des Kindes. NGOs kritisieren seit Monaten, der Auswahlprozess für die Evakuierung von der Insel sei nicht transparent genug. Zudem sei nicht immer ausreichend psychologische Betreuung gewährleistet.

Afghanin darf das Land nun nicht mehr verlassen

Das Lager Kara Tepe im September 2020: Fotografen bekommen keinen Zutritt

Das Lager Kara Tepe im September 2020: Fotografen bekommen keinen Zutritt

Foto: Panagiotis Balaskas / ANE Edition / imago images

Die konservative griechische Regierung von Premier Kyriakos Mitsotakis geht hart gegen Flüchtlinge vor. Die Zustände in den Camps sind seit Jahren katastrophal, kritische Nichtregierungsorganisationen werden gegängelt. Flüchtlingsboote hält die griechische Küstenwache seit März 2020 systematisch auf, die Insassen setzen die Grenzbeamten rechtswidrig auf dem Meer aus. Zuletzt ermittelten die Behörden gegen einen Vater, der seinen Sohn bei einem Bootsunglück verloren hatte.

Der Fall der schwangeren Afghanin zeige erneut, dass die griechische Regierung entschlossen sei, ihre Abschreckungspolitik fortzusetzen, kritisiert die Anwältin der Frau, Tereza Volakaki vom Lesvos Legal Centre.

Nach einer ersten Anhörung weigerte sich die Staatsanwaltschaft, den Vorwurf der vorsätzlichen Brandstiftung fallen zu lassen. Es gebe ernsthafte Hinweise auf die Schuld der Angeklagten, heißt es im Gerichtsdokument, das dem SPIEGEL vorliegt. Man müsse eine Botschaft senden, sagte ein Polizeisprecher.

»Es geht bei dem Fall nicht um Brandstiftung«, sagte dagegen Anwältin Volakaki dem SPIEGEL. Selbstverletzung sei nach griechischem Recht nicht strafbar, dasselbe gelte auch für unabsichtliche Sachbeschädigung. Sie fordert den Freispruch ihrer Mandantin.

Die Afghanin darf nun bis zur endgültigen Entscheidung über eine mögliche Anklage das Land nicht verlassen, sie kann somit auch nicht nach Deutschland ausgeflogen werden. Im Falle einer Verurteilung drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft.

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