"Rule, Britannia" Boris Johnson verteidigt britisches Koloniallied

Der britische Premier Johnson macht in einer Rede Stimmung gegen Kritiker der Kolonialgeschichte seines Landes. Ein traditionelles Lied, das auf die Sklaverei Bezug nimmt, wollen er und seine Partei weiterhin singen.
Boris Johnson: "Wir schämen uns nicht für Lieder, in denen Britannia die Wellen beherrscht"

Boris Johnson: "Wir schämen uns nicht für Lieder, in denen Britannia die Wellen beherrscht"

Foto: WILL OLIVER/EPA-EFE/Shutterstock

Großbritannien streitet vor dem Hintergrund weltweiter Antirassismusproteste seit Monaten über sein Kolonialerbe. Unter anderem die traditionelle Hymne "Rule, Britannia" steht dabei in der Kritik: In dem Liedtext von 1740 heißt es unter anderem: "Herrsche, Britannia! Britannia, beherrsche die Wellen; Briten werden niemals Sklaven sein."

Der britische Premier Boris Johnson hat das koloniale Liedgut nun in einer Rede beim Online-Parteitag der Konservativen verteidigt. "Wir sind stolz auf die Kultur, Geschichte und Traditionen dieses Landes", sagte Johnson. "Wir schämen uns nicht für Lieder, in denen Britannia die Wellen beherrscht." Vielmehr knüpfe man mit einer "konservativen nationalen Schiffbaustrategie" daran an.

Seinen politischen Gegnern – insbesondere der oppositionellen Labour-Partei – warf Johnson vor, die Geschichte umschreiben zu wollen. Auch zielten diese darauf ab, den "nationalen Lebenslauf politisch korrekter aussehen zu lassen", sagte Johnson. Er und die Tories seien hingegen stolz, "Rule, Britannia" zu singen.

"Rule, Britannia" hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert und gilt vielen Britinnen und Briten als inoffizielle Nationalhymne. Fußballfans singen es im Stadion, bekannte Sängerinnen und Sänger intonieren es seit Jahren im Rahmen der "Last Night of the Proms". Bei dem Abschluss der Londoner Sommerkonzerte werden klassische und patriotische Lieder gesungen.

BBC wollte "Rule, Britannia" erst ohne Gesang spielen

Im Rahmen der "Black Lives Matter"-Debatte debattiert Großbritannien seit Monaten über sein kolonialistisches Erbe. Statuen von Sklavenhaltern wurden gestürzt, das Singen von Liedern wie "Rule, Britannia" kam auf den Prüfstand. Zuletzt hatte es politischen Streit über eine Entscheidung der BBC gegeben, bei der "Last Night of the Proms" nur eine Orchesterversion des Liedes zu spielen. Nach Protesten ruderte der Sender zurück.

Dass die BBC die Lieder ohne Gesang spielen wollte, hatte Premier Boris Johnson als "Selbstdiskriminierung" kritisiert. Vielen Britinnen und Briten aber ist die Sehnsucht nach imperialer Größe, mit der Konservative die Lieder anstimmen, auch schon lange peinlich.

Premier verteidigt sein Corona-Krisenmanagement

Johnson äußerte sich in der Parteitagsrede am Dienstag auch zur Corona-Pandemie, die sein Land erneut hart trifft. Trotz rapide steigender Infektionszahlen verteidigte der Premier sein Krisenmanagement. "Diese Regierung arbeitet Tag und Nacht daran, dieses Virus abzuwehren", sagte Johnson. Die Einschränkungen des Alltags seien alternativlos.

Seine Regierung sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Kontrolle über die Epidemie verloren zu haben. Weil mehr als 15.000 positive Corona-Tests in der vergangenen Woche nicht richtig übermittelt wurden, wurden Zehntausende Kontakte nicht benachrichtigt. Die Behörden versuchen derzeit, dieses Versäumnis aufzuholen.

Johnson ließ diese Panne unkommentiert und erzählte stattdessen, dass er nach seiner eigenen Covid-Erkrankung im April 26 Pfund (knapp zwölf Kilogramm) abgenommen habe. Sein Übergewicht habe zum schweren Krankheitsverlauf beigetragen, sagte Johnson. Der Premier musste zwischenzeitlich auf der Intensivstation behandelt und mit Sauerstoff versorgt werden. Er wolle seine Diät fortsetzen, erklärte Johnson nun.

Die Corona-Lage in Großbritannien hat sich zuletzt wieder dramatisch zugespitzt : Die Fallzahlen steigen massiv an, besonders der Nordosten Englands hat sich zu einem Hotspot entwickelt. Mit Blick auf die Todesfälle ist Großbritannien bereits jetzt das am schlimmsten von der Coronakrise betroffene Land in Europa.

mes/mrc/Reuters
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