Brexit-Hochburg Boston Und plötzlich doch Verlustangst

»Vote Leave«: In der englischen Stadt Boston stimmten 76 Prozent der Menschen für den Brexit. Doch der erste Tag nach Ende der Übergangszeit bringt keinen Jubel, nur Sorgen.
Geschäft in Boston: Osteuropäische Spezialitäten, pikanter Name

Geschäft in Boston: Osteuropäische Spezialitäten, pikanter Name

Foto: Julia Smirnova

Am 1. Januar trat in Kraft, wofür Mark Rawlings vor viereinhalb Jahren stimmte – der endgültige Bruch Großbritanniens mit der Europäischen Union, der Austritt aus dem Binnenmarkt und der Zollunion. Doch wenn er an diesem Silvesternachmittag mit seinem Sohn James durch die halb leeren Straßen von Boston in der Grafschaft Lincolnshire spazieren geht, fühlt es sich für ihn nicht so an, als hätten sich seine Träume erfüllt.

»Ich glaube nicht, dass dieser Deal gut ist«, sagt Rawlings. »Ich sehe nicht, wie wir davon profitieren werden«. Mehr noch, er vermutet – völlig zu Recht –, dass sich Großbritannien auch weiter an bestimmte Regeln der EU halten wird, um den zollfreien Handel zu betreiben.

Mark Rawlings hat gerade seinen Job verloren

Mark Rawlings hat gerade seinen Job verloren

Foto: Julia Smirnova

Rawlings ist 52, ein stämmiger Mann, der seine Meinung gern laut und deutlich sagt. Er hat viele Gründe, mit der Politik unglücklich zu sein. Gerade hat er in der Corona-Pandemie seine Arbeit in einer Firma verloren, die Straßenreparaturen betreibt. Überhaupt habe er seit Jahren erlebt, wie er für vergleichbare Jobs immer schlechter bezahlt worden sei. Und er sorgt sich, ob sein 17-jähriger Sohn, der gerade eine Ausbildung bei einem Mercedes-Händler macht, sich auch mal ein Haus leisten und ein sicheres Leben führen kann.

Einwanderer in »Englands Gemüsegarten«

Rawlings glaubt, Boston habe »stark gelitten«, weil sich hier Migranten aus EU-Ländern ansiedelten und – davon ist er überzeugt – die Infrastruktur überlasteten und die Gehälter nach unten drückten. Doch kann der Austritt aus der EU die strukturellen Probleme der britischen Wirtschaft lösen?

Das malerische mittelalterliche Städtchen Boston gilt als Brexit-Hochburg. Rund 76 Prozent der Einwohner haben hier 2016 für den Abschied von Europa gestimmt – so viele wie an keinem anderen Ort in Großbritannien. Paul Skinner, der konservative Vorsitzende des Gemeinderats, versucht das so zu erklären: »In den letzten 20 Jahren hat sich zu viel verändert.« Damit meint er die Einwanderung. 2001 waren 98 Prozent der Einwohner der Stadt weiße Briten. Die nächste Volkszählung zehn Jahre darauf ergab, dass rund ein Zehntel der 64.600 Bostoner in Osteuropa geboren waren. Nach Boston kamen vor allem Menschen aus Polen, Lettland oder Litauen, oft aus ärmeren Regionen dieser Länder.

Eigentlich sollten die Einwohner Bostons schon aus historischen Gründen Verständnis dafür haben, wenn jemand auf der Suche nach einem besseren Leben zu neuen Ufern aufbricht. Schließlich stammten ausgerechnet von hier die Puritaner, die im 17. Jahrhundert über den Atlantik segelten und die US-Stadt Boston im heutigen Massachusetts mitgründeten. Und heute kommen EU-Ausländer nach Lincolnshire, weil sie hier gebraucht werden.

Gemeinderatsvorsitzender Paul Skinner: »Wir haben hier keine Arbeitslosigkeit«

Gemeinderatsvorsitzender Paul Skinner: »Wir haben hier keine Arbeitslosigkeit«

Foto: Julia Smirnova

»Wir haben hier keine Arbeitslosigkeit«, sagt Gemeinderat Skinner. »Die Menschen kommen, weil Arbeitgeber um sie werben.« Die Einwanderer arbeiten entweder in den Landwirtschaftsbetrieben rund um die Stadt oder in den Fabriken, die Lebensmittel verarbeiten. Die Stadt ist von Ackern und Gewächshäusern umgeben, die Gegend gilt als »Englands Gemüsegarten«.

»Wir brauchen jeden einzelnen Migranten«

Im Familienbetrieb von Sue Lamb, die unweit von Boston Schnittblumen anbaut, kommen 36 von 40 Mitarbeitern aus Osteuropa. »Wir brauchen jeden einzelnen Migranten«, sagt sie. »Ohne sie wird es nicht die Lebensmittel geben, die jeden Tag auf unseren Tellern landen.«

Das Ende der Brexit-Übergangszeit bereitet Lamb Probleme. Denn ab dem 1. Januar gilt in Großbritannien ein neues Migrationssystem. Wer dort arbeiten will, ob EU-Staatsbürger oder nicht, muss genügend Punkte sammeln, indem man gute Englischkenntnisse nachweist und schon vor der Einreise ein Jobangebot mit einem Mindestgehalt von 20.480 Pfund pro Jahr für Industrien mit Arbeitskräftemangel hat.

Sue Lamb befürchtet, dass viele Firmen in der Blumenindustrie pleitegehen könnten, wenn diese Regeln strikt angewandt werden. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienten durchaus zwischen 25.000 und 30.000 Pfund pro Jahr, sagt sie, jedoch nicht mit einem 40-Stunden-Vertrag. Dafür müssten sie bis 55 Stunden pro Woche arbeiten. Die Menschen, die dazu bereit seien, seien »fantastisch«, sagt Lamb. Sie hofft, dass die meisten ihrer osteuropäischen Mitarbeiterinnen bleiben werden.

Viele haben schon ihre Anträge auf Aufenthaltsrecht eingereicht. Ein Pilotprojekt der Regierung soll Saisonarbeitern ermöglichen, für sechs Monate ins Land zu kommen. Doch Lamb sieht die Gefahr, dass die Zunahme der Bürokratie und der durch den Brexit geschwächte Pfund-Kurs England für Migranten langfristig unattraktiv machen.

Umso erstaunlicher ist es, dass Lamb selbst 2016 für den Brexit stimmte. Ihr sei es darum gegangen, dass Großbritannien einem »Diktat der EU« entkomme, sagt sie. Und selbst heute hätte die Landwirtin genauso abgestimmt, obgleich sie sich auf einen »steinigen Weg« vorbereite, der 12 bis 18 Monate dauern werde. Unmittelbare Vorteile aus dem Brexit-Abkommen bekommt sie nicht; ihre Blumen werden jetzt nicht konkurrenzfähiger auf dem heimischen Markt als Tulpen aus Holland. Überhaupt mache sie sich mehr Sorgen um die Konkurrenz aus Kolumbien und Kenia, nicht aus der EU.

»Ich wette, in Europa lacht man über Boris Johnson«

Und die Osteuropäer in Boston? Viele scheinen den Brexit entspannt zu sehen. »Es ist traurig, dass Großbritannien die EU verlässt, waren sie doch so lange dabei«, sagt etwa Regina aus Litauen, die seit zwei Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Boston lebt. Lange habe sie gar nicht geglaubt, dass der endgültige Bruch komme und der Brexit umgesetzt werde.

Allerdings spüre sie keine Folgen: Die Familie hat ihr Aufenthaltsrecht – den »pre-settled status« – gesichert. Mit ihren englischen Nachbarn sei sie befreundet, sagt Regina. Und um die Arbeit mache sie sich keine Sorgen. Sie sortiere in einer Fabrik Avocados und verdiene in einer Woche so viel wie in Litauen mit ihrem alten Job in einem Verlagshaus.

In der Silvesternacht gab es in der Stadt, die inzwischen auch zu den Regionen mit den strengsten Coronavirus-Auflagen gehört, keine öffentlichen Feierlichkeiten. Auch Mark Rawlings, der Brexit-Wähler, hat die Scheidung von der EU nicht gefeiert. »Wir hätten lieber schon vor viereinhalb Jahren ohne Abkommen die EU verlassen sollen«, sagt er.

Ihn irritiert jetzt allerdings nicht mehr Brüssel, sondern Premierminister Boris Johnson. »Was für ein Witzbold. Er wollte immer an die Macht und sich mit dieser Churchill-Rhetorik umhüllen«, sagt Rawlings. »Ich wette, in Europa lacht man jetzt über ihn.«