Britische Debatte über »Rape Culture« »Ab 14 oder 15 Jahren gehören sexuelle Belästigungen in London zum Alltag«

Tausende Frauen berichteten nach dem Mord an Sarah E. von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt – und legen offen, wie die Gesellschaft dies normalisiert und bagatellisiert. Das muss sich ändern, warnt Soma Sara.
Ein Interview von Julia Smirnova
Demonstrantinnen nach der Ermordung von Sarah E. in London: »Wir waren nie in Sicherheit«

Demonstrantinnen nach der Ermordung von Sarah E. in London: »Wir waren nie in Sicherheit«

Foto: NEIL HALL / EPA

Der Mord an Sarah E., die abends auf dem Heimweg in London verschwand, hat in Großbritannien eine Diskussion über die weite Verbreitung und Wahrnehmung von sexualisierter Gewalt in der Gesellschaft ausgelöst. Im Englischen gibt es dafür einen eigenen Begriff: »Rape Culture«. Auf der Seite »Everyone’s Invited«  wurden Tausende Berichte vor allem von Mädchen veröffentlicht, die von gleichaltrigen Schülern sexuell belästigt, bedrängt oder vergewaltigt wurden. Alle Berichte sind anonym und nicht überprüfbar.

Doch dass das Problem real ist, haben der Mord, die große öffentliche Anteilnahme und die vielen Berichte Betroffener gezeigt. Mehr als 100 private und staatliche Schulen stehen in der Kritik, darunter renommierte Institutionen wie Westminster School, Dulwich College oder Eton. Als Reaktion auf die Debatte hat das Bildungsministerium nun eine Notrufstelle für Betroffene eingerichtet. Die Polizei untersucht die Berichte.

Hinter der Kampagne »Everyone’s Invited« steht Soma Sara. Sie sagt, Schulen und Eltern müssen Sexualaufklärung überdenken und darüber sprechen, wie Smartphones, neue Technologien und Pornografie Sexualität von Teenagern beeinflussen.

SPIEGEL: Sie wollen mit Ihrem Projekt gegen »Rape Culture« an britischen Schulen vorgehen. Was ist mit dem Begriff gemeint?
Sara: Das ist eine Gesellschaft, die bestimmtes Verhalten wie sexuelle Belästigung, abwertende sexistische Kommentare oder Begrapschen normalisiert. Solche Einstellungen führen dazu, dass sexualisierte Gewalt normalisiert und verharmlost wird. Andere Beispiele sind »Upskirting« – heimliches Fotografieren unter Röcke – oder Teilen von intimen Bildern ohne Erlaubnis. Wenn all das als normal gilt, dann bereitet das den Weg für schwerwiegende Verbrechen wie sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung.

Zur Person
Foto: Soma Sara

Soma Sara, 22, studierte Englische Literatur an der University College London. Im vergangenen Jahr gründete sie die Seite »Everyone’s Invited«, auf der junge Menschen ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und Belästigungen anonym teilen können.

SPIEGEL: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Kampagne zu starten?

Sara: Es begann mit vielen Gesprächen mit meinen Freundinnen. Uns wurde klar, dass sehr viele von uns als Teenagerinnen ähnliche Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und »Rape Culture« gemacht haben. Durch die Gespräche verstanden wir, dass das, was uns passiert ist, nicht selten oder zufällig war. Im vergangenen Juni habe ich beschlossen, auf Instagram über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben. Die Reaktionen waren überwältigend. Alte und neue Freundinnen schrieben mir, dass sie sich darin wiedererkennen.

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Sexualisierte Gewalt wird stigmatisiert, den Betroffenen nicht geglaubt

SPIEGEL: Wie oft haben Sie beim Aufwachsen solche Erfahrungen gemacht?

Sara: Ab dem Alter von 14, 15 Jahren gehörte das in London zum Alltag, es ging um sexualisiertes Bullying und erniedrigende Kommentare. Und das passierte nicht nur auf der Straße oder in der Schule, sondern auch online, in Gruppenchats und sozialen Medien, bei Facebook und später auf Instagram.

SPIEGEL: Warum werden die Berichte der Betroffenen oft nicht ernst genommen?

Sara: Sexualisierte Gewalt wird so stigmatisiert, dass niemand darüber spricht. Und wenn sich Betroffene an die Öffentlichkeit wenden, wird ihnen nicht geglaubt. Sie werden im Gegenteil oft selbst beschuldigt. In den Berichten lesen wir oft darüber, dass Opfer gefragt wurden, was sie getragen haben, ob sie sich sicher sind, dass es wirklich passierte. Oft hören sie: »Wirklich? Aber er ist doch so ein netter Typ!«.

SPIEGEL: Viele Schulen wollen jetzt intern ermitteln und zeigen sich besorgt. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Sara: Es ist sehr ermutigend, dass sich so viele Schuldirektoren zu Wort gemeldet und das Problem erkannt haben. Doch nach diesen Bekenntnissen müssen konkrete Schritte folgen.

»Mädchen sollten sich an Schulen sicher fühlen«

»Mädchen sollten sich an Schulen sicher fühlen«

Foto: JOHN SIBLEY / REUTERS

SPIEGEL: Welche?

Sara: Diese »Rape Culture« existiert überall, nicht nur an den Schulen. Schulen sind natürlich ein Ort, an dem man dieses Verhalten sehr gut ansprechen kann, zum Beispiel auch in der Sexualkunde. Das britische Konzept vom Sexualkundeunterricht ist sehr gut, (Missbrauch im Internet und einvernehmlicher Sex werden darin erwähnt – Anm. d. Red.). Aber es wurde erst im vergangenen Jahr verabschiedet, wir haben also noch keine Ergebnisse davon gesehen. Und es gibt immer noch eine Lücke zwischen dem Konzept und der Umsetzung.

»Erwachsene und Lehrer dürfen nicht mehr naiv sein.«

SPIEGEL: Haben Sie konkrete Ideen, wie man den Unterricht anders gestaltet?

Sara: Zum einen ist es wichtig, dass sich Lehrerinnen und Lehrer weiterbilden. Sie müssen verstehen, wie genau der Missbrauch im Internet und in sozialen Medien funktioniert. Zum anderen muss in den Schulen mehr über Einwilligung zum Sex geredet werden. Mädchen und Jungen müssen verstehen, was das ist. Als ich zur Schule gegangen bin, wurde Sexualkunde von niemandem ernst genommen. Das muss sich ändern. Der Unterricht soll in kleinen Gruppen stattfinden. Die Inhalte sollen ansprechend sein. Wenn man »Rape Culture« sagt, gehen viele in die Defensive. »Vergewaltigung« – das scheint vielen so weit weg von ihrer Realität zu sein.

SPIEGEL: Sind Sie dafür, den Begriff zu ersetzen?

Sara: Wir haben zehn Monate lang Ideen gesammelt und über die Sprache nachgedacht und kamen zum Schluss, dass man diesen Begriff nicht vermeiden kann. Vergewaltigung ist die Folge einer Kultur, in der Sexismus, Mysogynie, sexuelle Belästigung und Missbrauch mit Bildern normalisiert sind. Wir müssen daher über alle diese anderen Verhaltensweisen sprechen, in die Schüler selbst involviert sind oder denen sie zum Opfer fallen, damit sie sich wiedererkennen.

»Das Problem existiert weltweit«

SPIEGEL: Was können Politiker und das Bildungsministerium tun?

Sara: Sie müssen die Berichte lesen und sich klarmachen, dass die Realität von diesem Problem sehr komplex ist. Und sie müssen das Ausmaß verstehen. Wir führen gerade jetzt Gespräche mit dem Bildungsministerium und der Polizei. Und wir stellen eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Schulen und der Polizei, aus Sozialarbeitern und Psychologen zusammen, um mit ihnen zu besprechen, wie wir das Problem angehen. Ich glaube auch, dass es nicht ein rein britisches Phänomen ist, ich vermute, es existiert überall.

»Wir können nicht wegschauen, wir müssen mit ihnen über diese Themen sprechen.«

»Wir können nicht wegschauen, wir müssen mit ihnen über diese Themen sprechen.«

Foto: Hollie Adams / Getty Images

SPIEGEL: Welche Rolle spielen dabei neue Technologien und die im Internet zugängliche Pornografie?

Sara: Erwachsene und Lehrer dürfen nicht mehr naiv sein. Die Kinder kommen heutzutage in einem sehr frühen Alter in Kontakt mit Pornografie, vielleicht schon mit zehn oder elf Jahren. Wir können nicht wegschauen, wir müssen mit ihnen über diese Themen sprechen. Wir müssen ihnen klarmachen, dass Pornografie nichts mit der Realität zu tun hat und dass sie einen ungesunden Einfluss auf Sex und Beziehungen haben kann.

SPIEGEL: Warum sind pornografische Inhalte gerade mit Blick auf »Rape Culture« gefährlich?

Sara: Das Konzept von Einwilligung existiert in Pornografie einfach nicht. Männer haben darin das Recht, mit weiblichen Körpern das zu tun, was sie wollen. Es ist wichtig, dass hier Eltern die Initiative ergreifen. Oft neigen Eltern dazu, die Internetnutzung einzuschränken. Doch die Kinder werden trotzdem pornografische Inhalte finden. Jeder von ihnen hat ein Smartphone oder ihre Freunde haben eins. Wir brauchen deshalb einen anderen Zugang. Kinder und Eltern müssen in der Lage sein, schon im frühen Alter offen miteinander darüber zu sprechen.

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