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Warnruf britischer Jugendämter »Wir sehen Kinder im Schulalter, die nicht mit Messer und Gabel essen können«

Die britische Regierung schwört das Land auf neue Sparrunden ein. Doch schon heute leben 4,2 Millionen Kinder in Armut. Die Folgen sind fatal.
Die Zahl der Armen hat sich inzwischen verdoppelt: Junge in einer britischen Schule (Symbolbild)

Die Zahl der Armen hat sich inzwischen verdoppelt: Junge in einer britischen Schule (Symbolbild)

Foto: Matthew Horwood / Getty Images
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Sie verkaufen es als Plan für eine bessere Zukunft, weil man das so macht, wenn man von der Politik etwas fordert. Aber im Kern ist es eine Abrechnung, eng zusammengeschrieben auf 17 Seiten. Die Chefs von Jugendämtern in ganz Großbritannien wehren sich darin gegen den Sparkurs der britischen Regierung. Sie fordern millionenschwere Investitionen, nicht um alles besser zu machen, sondern nur um die schlimmsten Entwicklungen zu bremsen.

Schulkinder in Bedford: Die Zahl der Schulschwänzer ist seit der Pandemie um 60 Prozent gestiegen

Schulkinder in Bedford: Die Zahl der Schulschwänzer ist seit der Pandemie um 60 Prozent gestiegen

Foto: Leon Neal / Getty Images

Warum das notwendig ist, erfährt man schon auf der zweiten Seite des Berichts. Statt eines Vorworts stehen dort Zahlen, die die ganze Misere deutlich machen: 4,2 Millionen Kinder in Großbritannien wachsen in relativer Armut auf. 43 Prozent aller Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern leben in Armut. Ein Viertel aller Jugendlichen hatte im vergangenen Jahr psychische Probleme – 2017 war es nur jede und jeder zehnte. Die Zahl der Schulschwänzer ist seit der Pandemie um 60 Prozent gestiegen. In den ärmsten Vierteln sind am Ende der Grundschulzeit 30 Prozent der Kinder bereits übergewichtig. Und so weiter.

»Childhood matters« heißt das Papier, also etwa »Die Kindheit ist entscheidend«. Dass offenbar daran erinnert werden muss, verrät vielleicht schon, wie es derzeit um die Sozialdienste im Königreich bestellt ist.

Für Armut gibt es unterschiedliche Definitionen, als relativ gilt sie etwa, wenn das Haushaltseinkommen unter 60% des Medians liegt. Verschiedene Organisationen haben noch andere Maßstäbe. Die Joseph Rowntree Foundation etwa spricht von »Destitution« als besonderer Armut, wenn Menschen mehrere Grundbedürfnisse wie Ernährung, Unterkunft und Bekleidung nicht befriedigen können.

John Pearce ist Leiter des Jugendamts in Durham, Nordengland, und Vorsitzender der britischen »Association of Directors of Children’s Services«. Pearce ist ein bulliger Typ mit Glatze, dem man automatisch zuhört, wenn er die raue Stimme erhebt. Selbst wenn es nur ein kurzer Videocall ist. Das Papier sei natürlich ein Warnruf, sagt er gleich. Die Stadt Durham selbst ist ein anschauliches Beispiel für die Misere: Jeder Fünfte lebt inzwischen in Armut, die Zahl der ausgegebenen Lebensmittelgutscheine hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Tausende Familien sind so arm, dass sie gleich steuerbefreit wurden.

Das Problem, sagt Pearce und atmet tief durch, sei aber ein landesweites: »Wir sehen Kinder im Schulalter, die nicht mit Messer und Gabel essen können und daher noch nicht bereit sind für die Schule. Wir sehen junge Menschen, die während der Pandemie monatelang nicht in die Schule gehen konnten und für die Fachkräfte nicht sichtbar waren, was bedeutet, dass jetzt umso mehr Kinder in unsere Obhut genommen werden müssen.«

Die Rede ist inzwischen von sogenannten covid kids, die in den Jahren der Coronapandemie praktisch vergessen wurden. Es geht nicht mehr nur um materielle Not, sondern auch um körperliche Konsequenzen. Arme Kinder werden immer früher und öfter übergewichtig, manche sind sprachlich stark unterentwickelt, viele auch motorisch. Die Armut, so scheint es, frisst sich regelrecht in ihre kleinen Körper – und in die Seelen.

Verrammelter Laden in Stoke-on-Trent: Die Frage ist, wie viel sich nach einem Regierungswechsel ändern würde

Verrammelter Laden in Stoke-on-Trent: Die Frage ist, wie viel sich nach einem Regierungswechsel ändern würde

Foto: Christopher Furlong / Getty Images

Die Zahl der psychischen Erkrankungen bei britischen Kindern und Jugendlichen ist so hoch wie noch nie, seit der Pandemie steigt sie noch schneller. Die Probleme seien nicht schicksalshaft entstanden, sondern das Ergebnis langjähriger Politik. »Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2010 haben sich unsere finanziellen Mittel in den Kommunen fast halbiert.«

Inzwischen werde in den Jugendämtern so stark gespart, dass die eklatanten Missstände zu neuen Problemen führten. Kinder, die nicht mit Besteck essen lernen, sind selten die Steuerzahler von morgen. Doch anstatt zu investieren, wird weiter gespart. »Obwohl das Gegenteil notwendig wäre«, sagt Pearce mit seiner ruhigen, trockenen Stimme. »Wir stehen am Abgrund und wissen nicht, wie es morgen weitergeht.«

Das Positionspapier erscheint natürlich nicht zufällig jetzt. Es geht darum, den kommenden Wahlkampf zu beeinflussen. In aktuellen Umfragen steht die Tory-Regierung von Premierminister Rishi Sunak historisch schlecht bei unter 25 Prozent, die oppositionelle Labour-Party rangiert seit Monaten bei über 40 Prozent. Der Wechsel scheint unausweichlich, die Frage ist nur, wie viel sich wirklich ändert.

Der bald abtretende Bischof von Durham äußerte sich kürzlich im House of Lords kritisch, es klang fast desillusioniert. Die jetzige Regierungspartei habe eine Obergrenze für Sozialleistungen beschlossen, die Familien mit mehr als zwei Kindern abstrafe. Doch Labour sage schon jetzt, dass man daran angesichts knapper Kassen nichts ändern wolle. Es sei »grausame« Politik, so der Geistliche.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde nachträglich um eine Erklärung verschiedener Definitionen von Armut ergänzt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.