Streit über Schulöffnungen in Großbritannien "Das ist doch absurd"

Die britische Regierung zögert, die Schulen in der Pandemie wieder zu öffnen. Der Kindermediziner Matthew Snape ist unbedingt dafür - und sieht die wahre Gefahr woanders.
Ein Interview von Isabella Reichert
Erfreut angesichts der Corona-Vorkehrungen einer Londoner Grundschule: Premier Boris Johnson

Erfreut angesichts der Corona-Vorkehrungen einer Londoner Grundschule: Premier Boris Johnson

Foto: Lucy Young / AP

Die Opposition wütend, der oberste wissenschaftliche Berater unentschlossen, der Bildungsminister mit einer Panne um die Notenvergabe beschäftigt - und der Premier im Urlaub: Es war eine turbulente Woche in Großbritannien, voller Vorwürfe und politischer Kehrtwenden.

Wenige Tage, bevor die Schulen in England, Wales und Nordirland zum ersten Mal seit Beginn der Coronakrise wieder komplett öffnen sollen, war unklar, wie es für die knapp neun Millionen Schüler zu Wochenbeginn tatsächlich weitergeht.

"Ich möchte die Kinder zurück in den Schulen sehen, und ich erwarte vom Premierminister, dieses Versprechen einzulösen", richtete sich Labourchef Keir Starmer unlängst aufgebracht an Boris Johnson. "Nach Wochen des Chaos, der Verwirrung und Inkompetenz vonseiten der Regierung" sehe er dieses Ziel jedoch "ernsthaft in Gefahr".

Bislang sind nicht alle Schulen geöffnet, die Teilnahme am Unterricht ist zudem nicht verpflichtend, und nur ungefähr 18 Prozent der Schüler erscheinen persönlich. Die Sorge vor Ansteckung und Verbreitung des Virus spaltet die Eltern in fast gleich große Lager von Befürwortern und Gegnern der Anwesenheitspflicht. Das Ausbleiben klarer Vorgaben zur Sicherheit trug dabei maßgeblich zur Verunsicherung bei.

Bildungsminister Gavin Williamson, eigentlich Verantwortlicher in der Angelegenheit, hatte zuletzt mit einer Panne um falsch berechnete Abschlussnoten zu kämpfen, die viele Briten an seiner Kompetenz zweifeln ließ. Die Frage nach dem Schulstart geriet dabei zeitweise in den Hintergrund.

Nun machte der Premier die Entscheidung zur Chefsache, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung wiederherzustellen, denn das leidet angesichts diffuser Corona-Maßnahmen erheblich.

Wenige Stunden nachdem die obersten Gesundheitsbeauftragten am vergangenen Sonntag ein gemeinsames Statement verlesen hatten, bestätigte Johnson den zukünftigen Kurs: Weitaus gefährlicher als das Virus sei es für die Schüler, länger dem Unterricht fernzubleiben. "Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir unsere Kinder zurück in die Schulen bringen, damit sie lernen und mit ihren Freunden zusammen sein können", so Johnson.

Der Kurs scheint also kurz vor dem ersten Gong festgelegt - doch was ist mit der Umsetzung? Der Verband der Schulleiter kritisierte zuletzt die unklaren Regierungsvorgaben. Viele Entscheidungen blieben den Schulleitern überlassen - was schlimmstenfalls auf eine Planbarkeit von Woche zu Woche hinausliefe.

Professor Mattew Snape, Dozent für Kindermedizin und Impfkunde an der Universität Oxford, weiß, wie es um das Risiko für die Schüler bestellt ist, und forderte schon vor dem Einlenken der Regierung ein Ende des Schlingerkurses.

SPIEGEL: Herr Professor Snape, in Großbritannien diskutiert die Politik darüber, ob und wie die Schulen nach den Sommerferien öffnen sollen. Die Restaurants und Geschäfte haben längst wieder geöffnet. Wie passt das zusammen?

Snape: Ich denke, das darf so nicht weitergehen. Kinder und Jugendliche erkranken kaum an Covid-19, aber sie leiden überproportional unter den Maßnahmen, besonders, was ihre Bildung betrifft. Vor den Sommerferien konnten 18-Jährige in eine Kneipe gehen, aber nicht zur Schule. Das ist doch absurd.

SPIEGEL: Liegt der Fehler denn bei den Schulen, die zu lange geschlossen sind, oder bei den Pubs und Geschäften, die zu früh wieder öffnen durften?

Snape: Was die richtige Balance angeht, gibt es wohl keine perfekte Antwort. Aber wir wissen mit Sicherheit, dass Erwachsene viel öfter mit Symptomen erkranken als Kinder.

SPIEGEL: Ihrer Studie zufolge sind Kinder deutlich weniger betroffen als der Rest der Bevölkerung.

Snape: Wir haben erforscht, welcher Anteil der Kinder eine Covid-19-Infektion hat oder hatte. Im Juni und Juli waren es in allen Kohorten der bis 14-Jährigen höchstens vier Prozent, also etwa so viel, wie andere Studien in der Gesamtbevölkerung fanden. Allerdings zeigen Kinder deutlich seltener die verheerenden Symptome. Eine Studie der Gesundheitsbehörde Public Health England hatte zuvor bereits gezeigt, dass lediglich ein Prozent der Erkrankten mit Symptomen Kinder sind - die Ergebnisse stützen sich also gegenseitig.

SPIEGEL: Aber auch, wenn Kindern das Virus in der Regel nicht gefährlich wird, könnten sie es untereinander und auf Lehrer übertragen - und so in immer neue Haushalte schleusen. Was wissen wir darüber?

Snape: Beobachtungen aus Schweden sind in dieser Hinsicht interessant. Eine der entscheidenden Fragen ist ja, ob Schulen zu Hotspots für die Verbreitung des Virus werden. Da müssen wir uns die Infektionszahlen unter Lehrern ansehen und aufmerksam weiterverfolgen. Einer schwedischen Studie nach sind deren Infektionszahlen nicht höher als in anderen Berufsgruppen. Das finde ich eine wirklich hilfreiche Erkenntnis.

Will wieder Schüler in schottischen Schulen sehen: Regierungschefin Nicola Sturgeon

Will wieder Schüler in schottischen Schulen sehen: Regierungschefin Nicola Sturgeon

Foto: ANDY BUCHANAN/ AFP

SPIEGEL: In Schottland sind die Sommerferien bereits vorbei, Regierungschefin Nicola Sturgeon erwartet von allen Schülern, wieder am Unterricht teilzunehmen. Das Sicherheitskonzept sieht keine Gesichtsmasken für Schüler vor, wohl aber Abstand zu Lehrern und anderen Erwachsenen. Ist das genug?

Snape: Es wäre wohl unrealistisch, von Grundschülern zu erwarten, dass sie Abstand zueinander halten und Masken tragen. Ich glaube nicht, dass das funktionieren würde. Bei den weiterführenden Schulen müssen wir hingegen kontinuierlich schauen, was erforderlich ist und was geht.

SPIEGEL: Zumal ihre Studie signifikant höhere Infektionsraten bei Jugendlichen ab 15 Jahren festgestellt hat.

Snape: Ja, bei ihnen war ein größerer Anteil infiziert als bei den Kindern. Bei den 20- bis 24-Jährigen lag der Anteil schon bei über 16 Prozent, wobei wir noch auf genauere statistische Bestätigung warten. Diese Altersgruppe scheint die Abstandsregeln eher nicht so genau zu nehmen und könnte für einen großen Anteil der Verbreitung des Virus verantwortlich sein.

SPIEGEL: Sie halten die Risiken der Schulöffnung für beherrschbar. Worauf kommt es an?

Snape: Ich denke, dass die Kontaktverfolgung eine ganz wichtige Rolle spielen wird, um zu verstehen, wie Infektionen in einen Haushalt kommen. Über die Kinder, aus der Schule? Oder über die Erwachsenen, von ihrer Arbeit? Bisher sieht es so aus, dass meistens die Erwachsenen das Virus verbreiten und nur 10 Prozent über Kinder kommen. Aber die Studien, die das nahelegen, wurden unter großem Stress während der ersten Welle durchgeführt. Jetzt, mit besserer Planung, können wir mehr herausfinden.  

SPIEGEL: "Test, track and trace" war die Strategie der britischen Regierung - also das Testen, Aufspüren und Zurückverfolgen von Corona-Infektionen. Die dafür entwickelte App funktioniert allerdings nicht, bei den Tests gab es immer wieder Engpässe.

Snape: Bislang läuft es so, dass Mitarbeiter der Gesundheitsdienste die Ansteckungsketten rekonstruieren und die Betroffenen abtelefonieren. Routinetests in Schulen waren durchaus im Gespräch, aber da scheinen die Komplexität und die Kosten das Problem zu sein.

SPIEGEL: Welche Herausforderungen gibt es noch?

Snape: Der wirkliche Test für das Pandemiemanagement steht im Herbst bevor, wenn es kälter wird und sich insgesamt wieder mehr Aktivität in geschlossenen Räumen abspielt. Das wird eine deutlich größere Herausforderung sein als die Situation im Sommer.

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