Britische Unis in der Coronakrise Weniger Studierende, mehr Probleme

Den Topunis fehlen wegen der Pandemie Zehntausende ausländische Studierende - und mit ihnen viel Geld. Das könnte besonders die ohnehin schwachen Regionen treffen. Und zum Problem für Premier Johnson werden.
Oxford University: Hier studierte auch Premier Boris Johnson

Oxford University: Hier studierte auch Premier Boris Johnson

Foto: Geography Photos/ Universal Images Group/ Getty Images

Cambridge, Oxford, LSE: Einige von Großbritanniens Universitäten gehören zu den besten weltweit - und sind für das Land nicht nur eine prestigeträchtige Marke, sondern auch ein verlässlicher Wirtschaftssektor.

Besonders ausländische Studierende zahlen viel für britische Bildung - oft zumindest deutlich mehr als einheimische. Geht etwa eine britische Studentin den gleichen Bildungsweg wie Premierminister Boris Johnson, zahlt sie für ihr Studium der Klassischen Altertumswissenschaften in Oxford 9250 Pfund (10.280 Euro) pro Jahr. Das ist der maximale Betrag, den die Universitäten von Briten und EU-Bürgern bislang verlangen können; für Europäer gilt der Heimvorteil wegen des Brexits ab dem kommenden Jahr nicht mehr.

Nicht-EU-Bürger müssen für das gleiche Programm schon länger rund dreimal so viel zahlen. Für die Universitäten sind sie deshalb zu einem festen Bestandteil ihrer wirtschaftlichen Planung geworden. Allein die rund 120.000 chinesischen Studierenden brachten zuletzt rund 1,5 Milliarden Pfund an Studiengebühren  pro Jahr ein.

In der Corona-Pandemie droht nun ein beachtlicher Teil dieser Geldquelle zu versiegen. Wegen Ein- und Ausreisebeschränkungen, Sorgen um die Gesundheit oder wirtschaftlicher Unsicherheit rechnen britische Hochschulen zum Semesterstart nur mit der Hälfte der ausländischen Studierenden im Vergleich zum Vorjahr.

Allein durch fehlende Studiengebühren und Zuschüsse werden den Universitäten im kommenden akademischen Jahr Einnahmen von rund 2,5 Milliarden Pfund wegbrechen (rund 2,8 Milliarden Euro), berechnete die britische Wirtschaftsberatung London Economics für die Hochschulgewerkschaft University and College Union. Ein pessimistischeres Szenario des British Council schätzt die Einbußen allein durch fortbleibende Studierende aus acht ostasiatischen Ländern inklusive China auf bis zu 2,3 Milliarden Pfund (2,6 Milliarden Euro).

Ähnlich wie den britischen Hochschulen geht es auch amerikanischen Universitäten, die zunehmend von den Studiengebühren ausländischer Studenten abhängen. Dort müssen nun ausländische Studierende, deren Lehre digital stattfindet, das Land verlassen - ihre Gebühren aber gegebenenfalls voll weiterzahlen.

Buhlen um britische Studierende

Weil die zahlungskräftigen Ausländer fortbleiben, konkurrieren die britischen Universitäten nun um heimische Studierende. Die prestigeträchtigsten Universitäten in London, Oxford und Cambridge verzeichnen normalerweise den höchsten Anteil aus Fernost - und haben nun entsprechend am meisten zu kompensieren, wollen sie nicht in ein finanzielles Loch fallen.

Für britische und europäische Bewerber bietet sich so vermeintlich die Chance, an bessere Universitäten aufzurücken. Während des Lockdowns hatte sich eine Rekordzahl an heimischen Schulabgängern für ein Studium beworben; 40,5 Prozent aller 18-Jährigen wollen laut der Zulassungsbehörde Ucas an die Universität. Im Vorjahr waren es knapp 39 Prozent.

Unsicher ist allerdings, wie viele der Bewerber tatsächlich zum Semesterstart im September erscheinen werden. Während normalerweise schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu Krisenzeiten zu mehr Vollzeitstudenten führen, könnten die britischen Studiengebühren diesen Effekt schmälern. London Economics schätzt, dass 17 Prozent der britischen Studienanfänger wieder absagen werden.

Um zu verhindern, dass sich die Hochschulen durch das Abwerben der verbleibenden Studierenden gegenseitig in den Ruin treiben, verkündete das Bildungsministerium im Juni eine Obergrenze für britische und EU-Bürger. Nun darf jede Hochschule in diesem Jahr höchstens 6,5 Prozent mehr Briten und Europäer aufnehmen als im Vorjahr.

Kritikern ist diese Obergrenze nicht entschlossen genug gesetzt. "Die Regelung ist aus Sicht der weniger renommierten Universitäten absolut sinnvoll", sagt Maike Halterbeck, stellvertretende Direktorin bei London Economics, "aber es ist zu befürchten, dass die Deckelung nicht ausreicht, um die Hochschulen abseits von London und den absoluten Topadressen zu schützen. Die Spitzenunis werden immer noch zu viele Studierende anziehen."

Und das wiederum könnte zum Problem für ganze Regionen werden – und damit für Premier Boris Johnson. Eines seiner zentralen Wahlversprechen, mit denen er im Dezember den Tories die Mehrheit im Parlament sicherte, war die Aufwertung strukturschwacher Gebiete im Norden und den Midlands. Dort sind Hochschulen oft bedeutende Arbeitgeber - ihr finanzieller Ruin würde auch Teile der Bevölkerung empfindlich treffen. "Zwar sind dort an den Universitäten anteilsmäßig eher weniger ausländische Studierende als an den Londoner Hochschulen - trotzdem sind die Folgen für das Umland gravierender als in den Großstädten, wo die Wirtschaft weniger vom Universitätsbetrieb abhängig ist", so Halterbeck.

Leere Plätze an Spitzen-Unis

Doch die Kritik an der Obergrenze kommt auch von der anderen Seite - verwehrt die Beschränkung doch heimischen Studierenden den Weg zur bestmöglichen Ausbildung. Spitzen-Unis müssen frei werdende Plätze nun unbesetzt lassen, statt sie an Briten und Europäer zu vergeben. Mehrere Politiker, vorrangig aus der Konservativen Partei, stellen den aktuellen Zustand des Bildungssektors ohnehin infrage. Für sie gleicht der härtere Wettbewerb einer Chance zur Gesundschrumpfung.

Unter anderem Johnsons Chefberater Dominic Cummings bezweifelte den Wert "drittklassiger Bildungsangebote". Der Sektor sei zu groß geworden, heißt es, die Qualität leide darunter und das Ergebnis sei schlecht für Steuerzahler und Studenten. Eine Studie des Thinktanks Institute for Fiscal Studies ergab, dass sich das Studium für ein Fünftel der Studierenden tatsächlich anschließend nicht auszahlt.

Johnson will Hongkong-Chinesen aufnehmen

Mit ihrer Begrenzung gibt die Regierung nun einen halbherzigen Kurs vor. Die Obergrenze scheint zu hoch, um das Überleben der am wenigsten prestigeträchtigen Universitäten zuverlässig zu sichern. Andererseits verbaut sie Studierenden den Weg zu den besten Plätzen und nimmt der Hochschullandschaft die Chance für die von anderer Seite geforderte Neusortierung. Das könnte auf eine unvorteilhafte Mischung hinwirken, bei der weniger gut aufgestellte Universitäten zwar wirtschaftlich noch knapp überleben können, die Qualität der Bildung aber anschließend leidet.

Eine von der Hochschul-Lobbygruppe Universities UK geforderte Finanzhilfe über 2 Milliarden Pfund (2,2 Mrd. Euro) ist jedenfalls bislang nicht in Sicht. Wahrscheinlicher ist, dass Finanzminister Rishi Sunak den Universitäten ähnliche Corona-Hilfen zuspricht, wie dem Rest der Wirtschaft.

Premier Johnson indes könnte an ganz anderer Stelle eine kleine Minderung des Problems angestoßen haben: Er hatte angekündigt, Hongkong-Chinesen mit britischem Überseepass wegen der angespannten Lage in der ehemaligen Kronkolonie in Großbritannien aufnehmen zu wollen. Das Angebot könnten in Zukunft rund drei Millionen Berechtigte und ihre Familien in Anspruch nehmen. Die dürften dann in Großbritannien arbeiten - und studieren.

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