Jörg Schindler

Der Brexit – diesmal endgültig Farewell

Jörg Schindler
Von Jörg Schindler, London
War's das? Das war's. Vom 1. Januar an geht das Vereinigte Königreich seiner eigenen Wege. Verstehen muss man das nicht, aber man sollte es wenigstens versuchen. Ein persönlicher Abschiedsgruß.
Die Zukunft beginnt jetzt: Renovierungsarbeiten am Londoner Wahrzeichen Big Ben

Die Zukunft beginnt jetzt: Renovierungsarbeiten am Londoner Wahrzeichen Big Ben

Foto: TOBY MELVILLE/ REUTERS

Das Erste, was ich vom Brexit sah, war eine englische Bulldogge. Sie stand im Flur des Margaret-Thatcher-Hauses in Romford, gehüllt in eine britische Flagge, übellaunig, bedrohlich und hohl. Gleich neben dem lebensgroßen Porzellan-Rüden hatte sich an diesem Morgen Sue aufgebaut, auch sie eher knurrig und unwirsch. »So, so, aus Deutschland«, murmelte sie, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Dann drückte sie mir eine Teetasse mit Thatcher-Porträt in die Hand und sagte: »Hier lang.«

Es war im Mai 2017. Ich hatte meinen Posten als London-Korrespondent ein paar Wochen vorher angetreten und mein erster Job war, herauszufinden: Was hat es mit diesem Brexit eigentlich auf sich? Romford schien mir dafür eine gute Adresse. In und nahe der Vorstadt, rund 20 Kilometer nordöstlich von Londons City gelegen, hatten im Juni 2016 gut 70 Prozent der Menschen für den Brexit gestimmt – beinahe Landesrekord.

Aber immer noch zu wenig, fand Sue, die örtliche Parteisekretärin der Konservativen. Während ich in ihrem Büro am Schwarztee nippte, legte sie mir in einer etwa zehnminütigen Stegreifrede dar, was alles verabscheuungswürdig sei an der Europäischen Union im Allgemeinen, an Jean-Claude Juncker und Angela Merkel im Besonderen.

»Geht alles den Bach runter«

Sie benutzte dabei Worte, die meine Vorstellung von der stets distinguierten Engländerin bedenklich ins Wanken brachte und von denen manche nicht wiedergegeben werden können, ohne die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Plan zu rufen. Sues Tirade endete mit dem sehnlichen Wunsch, dass Theresa May die bevorstehenden Wahlen haushoch gewinnen möge, damit sie anschließend »den Ärschen in Brüssel« in selbige treten könne.

Es kam dann anders – aber das ist eine andere Geschichte.

Später nahm Sue mich mit auf einen Rundgang durch Romford. Es ist kein schöner Ort, er wirkt, als sei seinen Bauherrn die Farbe ausgegangen. Ein-Pfund- und Charity-Shops wie jener der Heilsarmee dominieren die High Street, die Menschen wirken gebückt, und das nicht nur wegen der prallen Plastiktaschen, die sie tragen. »Geht alles den Bach runter«, sagte Sue. Schuld seien die Ausländer, die Romford in den vergangenen Jahren »überrannt« hätten. Um zu demonstrieren, was sie meint, drehte sie sich bei jeder Kopftuch tragenden Frau, bei jedem dunkelhäutigen Mann, die uns passierten, verschwörerisch zu mir um und raunte: »Sehen Sie?« Als ich fragend zurückblickte, rollte sie mit den Augen und seufzte.

War der Rest des Landes kollektiv nach rechts gerückt?

Aber war das bereits die ganze Erklärung für den Brexit? Schon wahr, Nigel Farage hatte mit seinem berüchtigten Plakat »Breaking Point«, das einen scheinbar endlosen Treck von Geflüchteten zeigte, ganz offensichtlich eine Stimmung im Land getroffen. Boris Johnson und Michael Gove, die Anführer der »Vote Leave«-Kampagne, hatten mit ihren Warnungen vor Millionen einwandernden Türken und Schauergeschichten aus dem Rest Europas während des sogenannten Flüchtlingsjahres 2015 erfolgreich an niedere Instinkte appelliert.

Aber dass eine Mehrheit der Briten plötzlich zu Fremdenfeinden geworden sein sollte, wollte mir nicht einleuchten. Ich hatte Anfang der Neunzigerjahre in Edinburgh studiert und selten eine so bunte, so fröhliche, so aufgeschlossene Gesellschaft erlebt wie die schottische.

»Wäre es nicht schön, wenn irgendwann das ganze Land wieder so aussähe: prachtvoll, fürstlich – splendid?«

Bei meinen zahlreichen Besuchen in London lief ich stets durch eine Stadt, die mir als die einzig wirklich internationale in Europa vorkam, eine, die ihren globalen Magnetismus viel entspannter ausstrahlte als Paris, Brüssel oder Berlin. Schotten und Londoner stimmten dann ja auch mehrheitlich gegen den Brexit. Aber war der ganze Rest des Landes wirklich mal eben kollektiv nach rechts gerückt?

Die Sehnsucht nach »Souveränität«

Die dreieinhalb Jahre, die folgten, verbrachte ich zu einem Gutteil mit der Suche nach weiteren Antworten. Und ich erhielt sie auch. Nur waren und blieben sie stets widersprüchlich. In Yorkshire traf ich einen der ältesten und einen der jüngsten Lokalpolitiker der Tories, jener ein EU-Freund, dieser ein Gegner. Das war ungewöhnlich. Waren es doch die Alten gewesen, die beim Referendum mehrheitlich für den EU-Austritt gestimmt hatten, während sich die Jungen mit großer Mehrheit den Verbleib wünschten.

Ein Traum in Rot-Weiß-Blau: Brexit-Befürworter beim formalen Austritt am 31. Dezember 2019

Ein Traum in Rot-Weiß-Blau: Brexit-Befürworter beim formalen Austritt am 31. Dezember 2019

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

Einen Tag lang fuhren wir zu dritt an den sanften Hügeln und Flüsschen der Yorkshire Dales vorbei, eine dem Augenschein nach völlig intakte nordenglische Bilderbuchlandschaft. Aber der Jung-Tory beharrte darauf: Die EU schade Yorkshire.

Den Einwand, dass das relativ neue Universitätsgebäude in York mit EU-Geld gebaut wurde und Yorkshire-Bauern erhebliche Subventionen aus Brüssel erhalten, ließ er nicht gelten. Der Landstrich werde aufblühen, sobald das Vereinigte Königreich wieder »souverän« sei, behauptete er. Die Frage, was genau er mit souverän meinte, blieb unbeantwortet.

Als sein älterer Parteifreund beim Mittagessen erzählte, dass seine Eltern im Krieg aus Polen nach Yorkshire geflohen waren und die EU für ihn deshalb ein großes »Nie wieder« bedeute, ging er telefonieren.

»Wir haben keinen Platz für alle Probleme der Welt«

In Richmond, einem kuscheligen Marktstädtchen, das exklusiv englischer nicht sein könnte, antwortete der örtliche Metzger auf meine Frage nach dem Brexit: »Zu viele fremde Einflüsse hier.« – »Hier?« – »Na ja, vielleicht nicht hier, aber überall sonst.« Das müsse wieder anders werden. »Wie anders?« – »Anders halt«.

In Norfolk erzählte mir eine ängstliche, aber überaus zuvorkommende ältere Dame: »Wir sind eine Insel. Wir haben keinen Platz für alle Probleme der Welt.«

Natürlich waren das alles nur Zufallsbegegnungen, man darf sie nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Aber eines fiel doch bei fast allen Gesprächen mit Brexit-Befürwortern auf: Fast jeder von ihnen hatte einen oder mehrere Gründe, wieso früher alles besser war – sogar diejenigen, die qua Alter schlechterdings keine Erinnerung an ein irgendwie geartetes Früher haben können. Bei ihnen klang es eher nach dem märchenhaften »Es war einmal«.

Und dieses Früher war zeitlich extrem variabel. Mal war damit die Jahrtausendwende gemeint, die Zeit kurz nach Tony Blairs »Cool Britannia« und vor dessen williger Teilnahme am Irakkrieg. Mal waren es die Thatcher-Jahre, als Zucht und Ordnung herrschten. Und mal träumten sich die Menschen noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück, als Großbritannien nicht nur eine Insel im Nordatlantik war, sondern ein Weltreich.

Vom Arbeiten in einem Kolonialzeit-Museum

Einer dieser Menschen ist Jacob Rees-Mogg, ein Tory-Politiker mit formvollendeten Manieren, maßgeschneidertem, stets etwas zu großem Zweireiher und gurgelndem Upper-Class-English. Er wird von Kollegen frotzelnd »Abgeordneter des 18. Jahrhunderts« genannt, aber man kann bei ihm nie sicher sein, ob er sich nicht selbst karikiert. Selbstironie zählt zu den hinterhältigsten Waffen in der britischen Politik.

Ich traf Rees-Mogg in einem der vielen dämmrigen Restaurants im Palast von Westminister, wo er mir zwar sehr geduldig darlegte, dass der Brexit ein großer Erfolg werden würde – nur nicht unbedingt: wie. Es war ein angenehmes und lustiges Gespräch, wie überhaupt die Begegnungen mit Brexit-Hardlinern selten ungehalten waren.

»Abgeordneter des 18. Jahrhunderts«: Parlamentarier Jacob Rees-Mogg

»Abgeordneter des 18. Jahrhunderts«: Parlamentarier Jacob Rees-Mogg

Foto: House Of Commons/ dpa

Auf dem Labyrinth-artigen Weg zum Ausgang fragte ich mich nicht zum ersten Mal, wie sehr dieser wunderschöne Palast, Sitz beider Kammern des britischen Parlaments, wohl das Denken der dort debattierenden Politiker beeinflussen mag. Das ganze Gebäude ist ein einziges Kolonialzeit-Museum, in allen Winkeln, auf die kaum natürliches Licht fällt, atmet es den Geist des vergangenen Empires. Muss, wer hier tagein, tagaus über die Flure streift, nicht fast automatisch beseelt sein vom Ruhm vergangener Tage? Und wäre es nicht schön, wenn das ganze Land irgendwann wieder so aussähe: prachtvoll, fürstlich – splendid?

Früher war alles besser

Vielleicht liege ich falsch, aber mir scheint, der Gedanke, dass früher alles besser war, hat über Klassen und Regionen hinweg Brexit-Britannien miteinander vereint. Nach all den Krisen der vergangenen zwanzig Jahre – der »Terrorkrise«, der »Irakkrise«, der »Finanzkrise«, der »Flüchtlingskrise« – war das simple Versprechen »es wird einmal« einfach zu verlockend.

"Wenn man mit dem dümmsten Engländer über Politik spricht, so wird er doch immer etwas Vernünftiges zu sagen wissen"

Heinrich Heine

Deshalb war auch der Slogan der Brexiteers – »take back control« – so genial. Mit Betonung auf »back«. Großbritannien, so das Versprechen, würde sich zurückholen, wonach es sich am meisten sehnt. Und jeder durfte und konnte sich darunter etwas anderes vorstellen. Das weit entfernte Brüssel war dabei nur eine Chiffre für alles, was falsch läuft daheim. Und die Verantwortlichen enthob der rückwärtsgewandte Slogan zugleich von der Verpflichtung, mitzuteilen, wie genau die wiedererlangte Kontrolle dereinst ausgeübt werden wird.

Bis heute jedenfalls ist – von Weltbewegendem wie der Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Tampons mal abgesehen – erstaunlich unklar geblieben, wie genau die Zukunft des von der EU befreiten Vereinigten Königreichs aussehen soll.

Anders halt.

Die EU fällt als Sündenbock weg

Diese Zukunft ist jetzt da. Und man kann den Briten, wenn auch nicht unbedingt ihren politischen An- und Verführern, nur wünschen, dass sie wirklich besser werden wird. Und dass sie sich nun vielleicht wieder mehr auf die Dinge besinnen, die sie in fremden – zumal deutschen – Augen stets so schrullig und sympathisch haben wirken lassen: ihr gelassenes Understatement, ihr Sinn für Fair Play, ihr abgründiger Humor, ihr künstlerisches Talent, ihr diplomatisches Geschick.

Vielleicht wird man ja irgendwann auch wieder über unsere Nachbarn sagen können, was Heinrich Heine einst über sie verlautbaren ließ: »Wenn man mit dem dümmsten Engländer über Politik spricht, so wird er doch immer etwas Vernünftiges zu sagen wissen«. So war es jedenfalls einmal.

Was aber künftig nicht mehr ohne Weiteres gehen wird, ist dies: zu sagen, dass früher alles besser war. Denn dann wäre ja, um Himmels willen, womöglich die EU gemeint.

Ab jetzt, liebe Sue, liebe Briten, muss es ohne fremde Sündenböcke gehen.

Macht’s gut.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.