Türkische Protestband Grup Yorum Verhungert im Widerstand gegen Erdogan

Aus Protest gegen die Unterdrückung durch Erdogans Regierung hat sich bereits das zweite Mitglied der türkischen Band Grup Yorum zu Tode gehungert. Nationalisten drohen, die Leiche des Musikers zu verbrennen.
Trauer um Helin Bölek: Die 28-Jährige war an den Folgen des Hungerstreiks gestorben

Trauer um Helin Bölek: Die 28-Jährige war an den Folgen des Hungerstreiks gestorben

Foto: Ibrahim Mase/ DHA/ AP

Nur wenige Tage vor seinem Tod hat sich der türkische Musiker Ibrahim Gökcek in einem Brief an die Öffentlichkeit gewandt. "Natürlich will ich leben", schrieb der Bassist der Folkband Grup Yorum am 322. Tag seines Hungerstreiks. Kaum 40 Kilogramm brachte er zu diesem Zeitpunkt noch auf die Waage. Dennoch schien er damit zu hadern, sein Todesfasten abzubrechen.

"Wie kann ich den Widerstand beenden?", fragte der 41-Jährige in seinem Brief. Schließlich habe die türkische Regierung seine Forderungen nach einem Ende der Repressionen gegen seine Band noch nicht erfüllt.

Einen Tag später traten Mitglieder von Grup Yorum sowie Vertreter der Oppositionsparteien CHP und HDP gemeinsam vor die Presse. Gökcek habe die Nahrungsverweigerung beendet, er werde auf der Intensivstation eines Istanbuler Krankenhauses behandelt, teilten sie mit. Zudem ließen Gespräche zwischen Vertretern der Opposition und dem Gouverneursamt darauf hoffen, dass die Repressalien gegen die Band ein Ende finden könnten. Der Moment der Hoffnung war jedoch nur von kurzer Dauer.

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Vergangenen Donnerstag ist Gökcek gestorben - zwei Tage nachdem er sein Todesfasten beendet hatte. Er ist damit bereits das zweite Bandmitglied, das aus Protest gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan verhungert ist. Bereits am 3. April war die 28 Jahre alte Helin Bölek an den Folgen ihres Hungerstreiks gestorben. Beide wollten mit ihrem Protest ein Ende der politischen Verfolgung ihrer Band erreichen.

Verfolgung wegen angeblicher linksterroristischer Verbindungen

Grup Yorum wurde bereits 1985 in Istanbul gegründet und setzt sich aus wechselnden Mitgliedern zusammen. Bekannt ist die Gruppe vor allem für ihre politischen Protestlieder in türkischer und kurdischer Sprache. Für viele Türken aus dem säkularen und linken Spektrum ist Grup Yorum eine Institution. Zum 25. Jubiläum 2010 kamen 50.000 Zuschauer, um die Musiker zu sehen. Erdogans Regierung ist die Band hingegen ein Dorn im Auge.

Ankara wirft der Gruppe vor, der kulturell-propagandistische Arm der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front DHKP-C zu sein. Die militante marxistische Untergrundorganisation hat vor allem in den Achtzigerjahren zahlreiche Anschläge verübt und ist in der Türkei, den USA und der EU verboten.

Wie groß die Nähe zwischen Grup Yorum und DHKP-C tatsächlich ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Die Band hat zwar in der Vergangenheit Sympathien für die Volksbefreiungspartei-Front geäußert, sich von jeder Form der Gewalt jedoch immer wieder distanziert. Die angebliche linksterroristische Verbindung macht die Gruppe seit Jahren zur Zielscheibe der türkischen Regierung.

Seit 2016 gilt ein Auftrittsverbot. Mehrere Bandmitglieder, darunter Helin Bölek, wurden noch im selben Jahr festgenommen. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurde dann das mit der Band verbundene Kulturzentrum Idil eigenen Angaben zufolge mehr als zehnmal von der Polizei durchsucht. Bei einer Razzia im Februar 2019 wurde Gökcek in Haft genommen. Wenig später traten er und Bölek in den Hungerstreik.

Tränengas bei der Trauerfeier

Sie wollten damit ein Ende des Auftrittsverbots erreichen und forderten, dass alle Bandmitglieder aus der Haft entlassen und die Klagen gegen sie fallen gelassen werden. Die Regierung in Ankara blieb jedoch unerbittlich. Als Beweismittel gegen die Band wurden nur ein auf dem Markt frei erhältliches Album sowie nicht verifizierbare Aussagen anonymer Zeugen vorgelegt. Auch dagegen richtete sich der Protest von Bölek und Gökcek. Mit dem Tod der beiden Musiker droht nun eine neue Eskalation.

Noch immer befinden sich vier Bandmitglieder in Haft, darunter auch Gökceks Witwe Sultan Gökcek. Um Kundgebungen zu verhindern, hat die Polizei nach dem Tod von Gökcek das Istanbuler Stadtviertel Gazi gesperrt und Tränengas gegen Besucher der Trauerfeier eingesetzt, mehrere Menschen wurden festgenommen. Schließlich wurde der Sarg mit Gökceks Leichnam vorübergehend konfisziert.

Mittlerweile konnte der Musiker in seiner Heimatstadt Kayseri beigesetzt werden. Von seinen Anhängern waren dabei Parolen wie "Ibrahim Gökcek ist unsterblich!" und "Der Mörderstaat muss Rechenschaft ablegen!" zu hören.

Zugleich wurde die Beisetzung von heftigen Protesten durch Nationalisten begleitet. Sie versuchten zu verhindern, dass Gökcek in Kayseri seine letzte Ruhestätte findet. Einige von ihnen ließen nun verlauten, dass sie den Leichnam ausgraben und verbrennen wollen, sobald das Grab nicht mehr bewacht werde.

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