Coronakrise Mit Virtual Reality gegen häusliche Gewalt

In der Coronakrise steigt die häusliche Gewalt weltweit. Einige Initiativen wollen die Täter zur Einsicht bringen – damit sie nicht erneut zuschlagen. Dabei hilft auch moderne Technologie.
In einem VR-Erlebnis des spanischen Start-ups Virtual Bodyworks übernehmen Nutzer die Perspektive der Frau

In einem VR-Erlebnis des spanischen Start-ups Virtual Bodyworks übernehmen Nutzer die Perspektive der Frau

Foto: Virtual Bodyworks
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Der Mann wirkt bedrohlich und schimpft: »Du siehst scheiße aus«, sagt er. »Schau dich an, fette Kuh.« Er kommt immer näher – es sieht aus, als ob er gleich zuschlagen wird. Mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf spüren Gewalttäter, wie es sich anfühlt, Opfer zu sein. Die »Oculus Quest« überträgt Bewegungen der Nutzer dabei in das virtuelle Wohnzimmer, in dem die Szene spielt.

Einmal beobachtete der spanische Gefängnispsychologe Nicolás Barnes, wie sich ein Häftling das VR-Headset schnell vom Kopf riss – weil ihn das Erlebnis so aufwühlte. »Es war mir peinlich, und ich wurde wütend«, beschrieb ein anderer Insasse die Erfahrung. »Ich habe mich gefragt: ›Fuck, verhalte ich mich wirklich so?‹«

Barnes arbeitet im Mas d'Enric-Gefängnis in Tarragona im Nordosten Spaniens mit Tätern, die einsitzen, weil sie ihre Partnerinnen geschlagen oder gewürgt haben.

Die Arbeit mit Tätern kann Gewalt verhindern

Die Arbeit mit Tätern kann Gewalt verhindern

Foto: Kamil Zihnioglu / AP

Das Virtual-Reality-Training ist eine der wenigen Initiativen weltweit, die bei den Tätern ansetzen, um häusliche Gewalt zu bekämpfen. Die meisten Programme konzentrieren sich auf die Opfer – obwohl Täterprojekte ein wichtiges Element sind, um den Kreislauf der Gewalt zu unterbrechen.

Denn während viele traditionellere Ansätze darauf abzielen, dass Frauen sich aus Gewaltbeziehungen befreien, sieht die Realität häufig anders aus: Viele trennen sich erst nach Jahren von ihren Partnern, häufig kehren selbst Straftäter nach einem Gefängnisaufenthalt wieder in ihre Familien zurück.

Von Projekten, in denen Männer lernen, mit Aggressionen umzugehen, können daher auch Frauen profitieren. Solche Ansätze sind gerade derzeit wichtig, da die Fälle häuslicher Gewalt in der Coronakrise angestiegen sind. Hilfsorganisationen in vielen Ländern berichten, dass Notrufe und Vorfälle zunehmen . Das Zusammenleben auf engem Raum und finanzielle Engpässe verschärfen bestehende Konflikte, gleichzeitig können sich Betroffene brutalen Partnern im Lockdown kaum entziehen.

Virtual Reality als Empathiemaschine

Initiativen aus Spanien, den USA und Südafrika zeigen, wie verschiedene Methoden Tätern helfen können, ihr Verhalten zu ändern – darunter das Training mit Virtual-Reality (VR), aber auch Gruppentherapie oder digitale Kampagnen.

Sechs katalanische Gefängnisse nutzen derzeit das VR-Angebot des spanischen Start-ups Virtual Bodyworks aus Barcelona: Es ergänzt hier die Rehabilitierung, Straftäter müssen sich mit ihrem Verhalten und Aspekten wie Macho-Gehabe, Impulsivität und Empathie auseinandersetzen, bevor sie entlassen werden.

Mit Virtual Reality lernen Täter, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen

Mit Virtual Reality lernen Täter, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen

Foto: Virtual Bodyworks

Empathie ist bei der Arbeit mit Tätern ein Schlüsselfaktor: Die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, fehlt vielen, sie interpretieren häufig auch ängstliche Gesichtsausdrücke von Frauen fälschlicherweise als positiv. Gefängnispsychologe Barnes ist überzeugt, dass Virtual Reality den Lernprozess beschleunigen kann: »Es ist etwas ganz anderes, als Gewalt theoretisch zu besprechen«, sagt der 46-Jährige.

Das Start-up Virtual Bodyworks erforscht auch wissenschaftlich, wie virtuelle Realität der Prävention dient: Einer Studie zufolge  hilft der Perspektivwechsel Nutzern etwa, Angst in weiblichen Gesichtern besser zu erkennen.

Therapie per Zoom

Auch in den USA fehlen in vielen Bundesstaaten ausreichende Programme für gewalttätige Männer, im progressiven Bundesstaat Vermont arbeiten Therapeut Bill Pelz-Walsh und der Professor für Friedens- und Konfliktforschung John Ungerleider seit mehr als 25 Jahren mit Gewalttätern. Ihr Anti-Aggressionstraining haben sie derzeit auf Zoom umgestellt. Die Teilnahme an dem staatlich zertifizierten, 30-wöchigen Programm »Taking Responsibility« ist freiwillig, die Männer müssen 30 Dollar pro Sitzung überweisen.

Viele Teilnehmer sind Arbeiter ohne College-Abschluss, zwischen 20 und 30 Jahren, die Bewährungsstrafen ableisten und sich eine bessere Bewertung vor Gericht erhoffen.

Während der Sitzungen sieht sich die zehnköpfige Gruppe Lehrvideos an: Eine Szene zeigt, wie ein Mann wütend wird, weil seine Freundin sich weiterbilden will. Dann sollen sich die Teilnehmer in die Frau hineinfühlen, ihre eigenen Erfahrungen diskutieren und alternative Handlungsoptionen entwickeln.

»Ich bin kein Hightech-Guy und musste erst herausfinden, wie ich Videos über Zoom zeige, statt sie in den DVD-Player zu stecken«, gibt Therapeut Pelz-Walsh zu. Er findet, dass es digital schwieriger ist, eine Beziehung zu den Teilnehmern aufzubauen. Auch zwischen den Männern entwickeln sich seltener Freundschaften – viele schalten sich per Smartphone aus ihrem Auto oder einem Nebenzimmer zu, auf dem Miniscreen können sich nicht alle gleichzeitig sehen.

Protest gegen Gewalt: Allein in der ersten Lockdown-Woche wurden in Südafrika mehr als 2200 Vorfälle häuslicher Gewalt gemeldet

Protest gegen Gewalt: Allein in der ersten Lockdown-Woche wurden in Südafrika mehr als 2200 Vorfälle häuslicher Gewalt gemeldet

Foto: Marius Bosch / REUTERS

Bei der schlechten Auflösung ist zudem nicht erkennbar, ob jemand gegen das Alkohol- und Drogenverbot verstößt – auch Bewährungshelfer haben in der Pandemie persönliche Gespräche reduziert, sodass die Männer stärker sich selbst überlassen bleiben. Das größte Problem ist im ländlichen Vermont aber das Netz: Manchmal bricht das Internet einfach weg.

Absolventen des Kurses berichten dennoch von positiven Effekten: »Tief durchzuatmen, hat mir geholfen, Konflikte zu vermeiden«, gab ein Mann im Feedback-Gespräch an. »Ich bin jetzt nicht mehr so ein Hitzkopf.« Ein anderer erkannte, dass er seine Ex-Frau Tausende Male emotional missbraucht hatte und schrieb einen Entschuldigungsbrief.

Einer Studie aus Ohio  zufolge gab rund die Hälfte der interviewten Frauen von Tätern an, dass die Intervention funktioniert habe.

Social Media gegen Gewalt und Alkoholexzesse

Doch in der Coronakrise ist auch schnelle Soforthilfe gefragt, um Gewalt zu verhindern. So sind in Südafrika die Social-Media-Plattformen der Nichtregierungsorganisation Sonke Gender Justice eine erste Anlaufstelle, die sich explizit auch an Männer richtet.

Das Team organisiert normalerweise Workshops in Townships, seit dem Lockdown im März 2020 versucht es, die Leute vor allem auf digitalen Kanälen zu erreichen. »Die meisten Männer wenden sich an uns, weil sie das Gefühl haben, dass sie gerade am Rand des Zusammenbruchs stehen«, sagt der 28-jährige Kommunikationsmanager Given Sigauqwe aus Johannesburg. »Sie haben Angst davor, dass sie in nächster Zeit gewalttätig werden könnten.«

Das Gender-Based Violence Command Centre (GBVCC) der südafrikanischen Regierung bietet zwar auch Beratung zu häuslicher Gewalt per Telefon, E-Mail, Skype oder WhatsApp an – doch viele Männer fühlen sich offenbar bei »Sonke Gender Justice« besser aufgehoben als bei einer allgemeinen Hotline. »Viele haben Angst, dass sie verurteilt werden«, so Sigauqwe. Wenn die Betroffenen tiefergehende psychosoziale Beratung brauchen, leitet das Team sie an Regierungsstellen oder andere Organisationen weiter.

Vor der Krise waren Sonke-Gender-Justice-Teams in den Townships unterwegs – jetzt bleiben sie über WhatsApp und Facebook ansprechbar

Vor der Krise waren Sonke-Gender-Justice-Teams in den Townships unterwegs – jetzt bleiben sie über WhatsApp und Facebook ansprechbar

Foto: Per-Anders Pettersson

Sigauqwe hat zudem Social-Media-Kampagnen entwickelt, um Tabus rund um häusliche Gewalt zu brechen. Unter dem Hashtag #SpeakOut werden Südafrikaner aufgefordert, über häusliche Gewalt zu sprechen und zu melden, was in ihrer Nachbarschaft passiert – eine Art digitale Nachbarschaftswache. Eine andere Kampagne warnt vor exzessivem Alkoholkonsum als Treiber für Gewalt.

WhatsApp-Gruppen, aber auch Facebook sind die wichtigsten Plattformen, um mit Township-Bewohnern im Gespräch zu bleiben. Doch die Ungleichheit im Land spiegelt sich digital: Nicht jeder ärmere Bürger hat ein internetfähiges Handy oder eine Internetflatrate. Damit sie nicht den Anschluss verlieren, stattet die Organisation manche mit Guthaben für mobiles Internet oder Internetsticks für Laptops aus. Bald sollen auch wieder einige Workshops vor Ort stattfinden – zumindest in Regionen, die keine Corona-Hotspots sind.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.