Vorbeter der Hagia Sophia tritt zurück Der verstummte Imam

Erst vergangenen Sommer wurde die Hagia Sophia erneut zur Moschee erklärt. Nun tritt ihr Vorbeter von seinem Amt zurück: Er hat sich in Scharmützel mit der Erdoğan-Regierung verstrickt.
Mehmet Boynukalın

Mehmet Boynukalın

Foto:

Muhammed Enes Yildirim / AA / picture alliance

Es ist eines der wohl prestigeträchtigsten religiösen Ämter der Türkei: Erstmals nach 86 Jahre wurden im vergangenen Juli wieder Imame an die Hagia Sophia in Istanbul berufen. Mit Mehmet Boynukalın wurde ein Mann zum Chefvorbeter gemacht, dessen Familiengeschichte eng mit dem politischen Islam in der Türkei verbunden ist und der in konservativ-religiösen Kreise viel Unterstützung erfährt. Nach etwa acht Monaten ist die Stelle nun allerdings wieder frei.

Am 8. April ist Boynukalın überraschend von seinem einflussreichen Amt zurückgetreten. Er wolle sich künftig wieder seinen akademischen Studien widmen, teilte er in einem Statement mit. Womöglich sei der Schritt jedoch nicht ganz freiwillig erfolgt, glaubt Politikwissenschaftlerin und Kolumnistin Pinar Tremblay. Denn der Imam hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder in politische Debatten eingemischt – und damit den Zorn einiger AKP-Politiker auf sich gezogen.

»Wenn ich eine Wette abgeben müsste, würde ich sagen, Boynukalın wurde wegen seiner Kommentare zu dem Schritt gedrängt«, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei es in der Türkei nahezu unmöglich geworden, von hohen Ämtern zurückzutreten. Ranghohe Beamten müssten von Präsident Recep Tayyip Erdoğan »freigegeben« werden.

Dass ausgerechnet der Imam der Hagia Sophia für Debatten sorgt, dürfte für den türkischen Präsidenten ungelegen kommen. Im vergangenen Sommer hatte das Oberste Verwaltungsgericht den Weg freigemacht für die Rückwandlung vom Museum in eine Moschee. Zuvor war dieser Schritt immer wieder von islamischen Kreisen gefordert und in verschiedenen Wahlkämpfen zum Thema gemacht worden.

Das erste Freitagsgebet am 24. Juli 2020 war für Erdoğan und auch für viele Gläubige dann ein historischer Tag. Inszeniert wurde das Ereignis wie ein Staatsakt. Etwa 350.000 Gläubige waren dazu angereist, sie verharrten teils stundenlang auf dem Vorplatz der Hagia Sophia. An der Zeremonie in dem wieder geweihten Gotteshaus selbst durften nur handverlesene Gäste teilnehmen, darunter hochrangige Politiker und Freunde der Familie Erdoğan.

DER SPIEGEL

Bei Opposition und im Ausland sorgte die Umwandlung des historischen Bauwerks für heftige Kritik. Der türkische Präsident sprach hingegen von einem wahr gewordenen »Traum unserer Jugend«. Immer wieder tauchten im Zusammenhang mit der Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee auch Worte wie »Rückeroberung« und »Auferstehung« auf. Entsprechend bedeutsam ist die Stellung als Imam des Hauses.

Enge Verbindungen zur türkischen Politik

Die Familie Boynukalın pflegt seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu Politik, Wirtschaft und religiösen Orden. In gläubigen und konservativen Kreisen hat der Name eine gewisse Bekanntheit. Schon Vater Rifat war ein Vertrauter des früheren türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan. Dieser wiederum gilt als Vorreiter des politischen Islams in der türkischen Republik – und er war der politische Ziehvater des heutigen Präsidenten Erdoğan.

Boynukalın ist zudem hervorragend ausgebildet. Der vierfache Vater hat zunächst die ägyptische Azhar-Universität besucht und anschließend in Istanbul promoviert. Er ist Professor für islamisches Recht und hat an der Islamenzyklopädie mitgearbeitet. Seine Berufung zum Chef-Imam der Hagia Sophia ist im konservativ-islamischen Milieu gut angekommen, ebenso wie seine deutlichen Äußerungen in den sozialen Netzwerken.

Boynukalın betreibt drei Twitteraccounts – einen türkischen, einen englischen und einen arabischen. In seiner Landessprache erreicht er mehr als 200.000 Follower. In den Reihen der AKP haben die Tweets des Imams in den vergangenen Wochen jedoch mehrfach für Kritik gesorgt.

Zur ersten öffentlichen Auseinandersetzung zwischen einem Parteimitglied und dem Imam kam es am 7. März. Angesichts steigender Femizide  in der Türkei stand am Tag vor dem internationalen Frauentag das Thema Gewalt gegen Frauen im Fokus der öffentlichen Debatte. Boynukalın relativierte hingegen auf Twitter: »Mord ist Mord. Gender ist irrelevant.« Die kontinuierliche Betonung von Femiziden sei ein Slogan der Medienpropaganda, um Frauen zum Feind der Männer zu machen, twitterte Boynukalın weiter.

Kritik an Tweets zum Frauentag

Die AKP-Abgeordnete Özlem Zengin bezeichnete die Äußerungen auf Nachfrage als »unangebracht« und kritisierte den Zeitpunkt der Tweets. Boynukalın solle lieber seinen Job machen, sagte sie. Konsequenzen hatte das jedoch vor allem für Zengin. Rückendeckung bekam sie nur von einigen AKP-nahen Journalistinnen. Boynukalın erhielt hingegen massenhaft Zuspruch von seinen Anhängern.

Ähnlich erging es kurz darauf dem stellvertretenden AKP-Vorsitzenden Bülent Turan. Dieser reagierte auf Bemerkungen des Imams zum Leitzins. Boynukalın hatte sich für die Senkung oder vollständige Abschaffung von Zinsen ausgesprochen. Die Äußerung kam, nachdem Erdoğan erneut einen Chef der Zentralbank gefeuert hatte .

Turan ermahnte den Imam, sich aus politischen Debatten herauszuhalten. Es sei »traurig«, dass Boynukalın sich in Polemiken verwickele, die seine Rolle in der neu umgebauten Moschee in den Schatten stellten, sagte er. Auch er bekam die Wucht von Boynukalıns Anhängern in sozialen Netzwerken zu spüren.

Inhaltlich widersprechen die Tweets des Imams dabei nicht unbedingt der AKP-Linie. Warum also sorgen sie dafür, dass sich Politiker öffentlich gegen den einflussreichen Prediger stellen?

Imame gelten als Staatsdiener

Politikwissenschaftlerin Tremblay vermutet dahinter mehrere Gründe. Die wichtigste Erklärung für den Zorn der AKP-Funktionäre sei die Rolle des Imams. Vorbeter von Diyanet-Moscheen, wie die Hagia Sophia eine ist, würden als Staatsdiener gesehen. »Ihnen ist es verboten, sich in politische Debatten einzumischen. Der Staat kontrolliert, was die Imame in der Öffentlichkeit sagen dürfen und nicht andersrum«, sagt sie.

»Der Staat kontrolliert, was die Imame in der Öffentlichkeit sagen dürfen und nicht andersrum.«

Politikwissenschaftlerin Pinar Tremblay

Die AKP habe von dieser Richtlinie in den vergangenen zwei Jahrzehnten profitiert. Ein derartig einflussreicher Imam, der sich immer wieder lautstark politisch äußert, sei nicht erwünscht. Die AKP wolle vielmehr die Kontrolle behalten und den Imamen nicht zu viel Macht außerhalb der Moscheen geben. Das könnte nun auch der Grund für Boynukalıns Rücktritt sein.

Einen Nachfolger für den Posten des Chef-Imams der Hagia Sophia gibt es bisher nicht. Es könnte schwer werden, jemanden von Boynukalıns Format zu finden, glaubt Tremblay. Vielleicht wolle man künftig aber auch lieber einen weniger hochrangigen Akademiker für den Posten, sagt sie. »Alles, was wir im Moment genau sagen können ist, dass sie nach jemandem suchen, der nicht twittert, bevor er nicht die Erlaubnis aus Ankara bekommen hat.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.