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Chaos nach Präsidentenmord in Haiti Herrschaft der Gangster

Nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse herrscht ein Machtvakuum auf Haiti. Jetzt sind die USA gefragt, der Gesetzlosigkeit in dem Inselstaat ein Ende zu setzen.
Eine Analyse von Jens Glüsing
aus DER SPIEGEL 28/2021
Proteste vor der Polizeistation in Port-au-Prince, in der die Tatverdächtigen vernommen werden

Proteste vor der Polizeistation in Port-au-Prince, in der die Tatverdächtigen vernommen werden

Foto:

VALERIE BAERISWYL / AFP

Es brennt an allen Ecken und Enden im Hinterhof der USA, doch Washington will nicht die Feuerwehr spielen. Das Chaos in Haiti, wo Unbekannte in der Nacht auf Mittwoch Präsident Jovenel Moïse ermordeten, ist das jüngste Beispiel für den Niedergang der Demokratie in der Region.

In Nicaragua hat sich der einstige Revolutionsführer und heutige Präsident Daniel Ortega zu einem brutalen Diktator gewandelt; in Honduras steht der Staatschef der Drogenmafia nahe; in El Salvador demontiert ein weiterer demokratisch gewählter Präsident unter dem Beifall der Bevölkerung die Institutionen; in Kuba verschärft das Sozialistenregime die Repression. Immer mehr Menschen flüchten vor den Krisen in der Region gen Norden.

Außer Kontrolle

In Haiti regierte der jetzt ermordete Moïse mithilfe von ein paar Getreuen, nachdem er das Parlament im vergangenen Jahr aufgelöst und seine Amtszeit eigenmächtig ausgedehnt hatte. Normalerweise herrschen Machthaber in der Hauptstadt Port-au-Prince so lange, bis Washington den Daumen senkt, das jedenfalls ist die historische Erfahrung.

Doch im Fall Moïse zögerte die Regierung von Joe Biden, bis die Lage im Land außer Kontrolle geriet. Das rächt sich jetzt. In Haiti wartet nach dem Mord an Moïse kein neuer starker Mann, mit dem Washington sich arrangieren könnte.

Der designierte Regierungschef Ariel Henry stellte am Donnerstag die Legitimität von Interims-Ministerpräsident Joseph infrage. Eine der letzten Amtshandlungen Moïses war die Ernennung von Henry zum neuen Premier. Er sollte ursprünglich in den nächsten Tagen Joseph ablösen.

DER SPIEGEL

Unterdessen läuft die Suche nach den Attentätern weiter. Laut Polizei waren 28 Personen in das Verbrechen involviert, 26 von ihnen sollen Kolumbianer gewesen sein, 2 US-Amerikaner haitianischer Herkunft.

Auch Autokraten benötigen ein Minimum an funktionierenden Institutionen, das in Haiti nicht existiert. In der als Staatswesen gescheiterten Nation droht jetzt die Herrschaft der Gangster. Mehr als 70 Banden terrorisieren die Bevölkerung, sie morden, entführen und erpressen, sie sind die wahre Macht im Land. Ohne Hilfe von außen wird Haiti dieses Problem nicht in den Griff bekommen. Blauhelme der Vereinten Nationen hatten sich dort 13 Jahre lang an einer Stabilisierungsmission versucht – und sind gescheitert. Nun ist Washington gefordert.

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