Mord an Haitis Präsident Moïse 29 Verdächtige, viele Theorien

Eine Woche nach dem Präsidenten-Mord in Haiti forschen Ermittler nach Geldgebern und möglichen Hinterleuten. Welche Rolle spielte ein Pfarrer, der in Florida lebt?
Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Chaos nach Präsidentenmord in Haiti: Es bleiben Fragen

Chaos nach Präsidentenmord in Haiti: Es bleiben Fragen

Foto: Richard Pierrin / Getty Images

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Sieben Tage liegt der Mord an Haitis Staatschef Jovenel Moïse jetzt zurück – und immer noch ist nicht klar, wer die Täter und die Drahtzieher sind. Die Ermittlungen zu dem Verbrechen laufen in drei Ländern und damit in drei verschiedene Richtungen. In Haiti werden immer neue Verdächtige präsentiert und Haftbefehle ausgestellt, in Kolumbien kommen Details ans Licht, welche die These erschüttern, dass kolumbianische Söldner die mutmaßlichen Täter seien. Und in den USA sucht man fieberhaft nach den Drahtziehern und Geldgebern des Mordes. Fast täglich werden neue Tat- und Täter-Theorien entworfen.

Bisher stiften die Untersuchungen aber mehr Verwirrung, als dass sie Klarheit bringen, zumal noch völlig im Dunkeln liegt, wer den Mord beauftragte. Wer besorgte die schweren Waffen, wer stellte die Fahrzeuge? Klar ist nur: Es kann nur jemand mit viel Geld und noch mehr Macht gewesen sein. Komplizierter wird es noch dadurch, dass Moïse sehr viele Feinde hatte, dass das Interessen- und Machtgeflecht in Haiti schwer zu durchschauen ist und dass sich die politische Macht und die ökonomische Elite – sofern sie überhaupt noch im Land ist – im Karibikstaat oft zwischen Legalität und Illegalität bewegen.

29 Verdächtige, drei davon tot

Klar ist: Jovenel Moïse ist tot – ermordet in der Nacht auf den 7. Juli von Unbekannten mit zwölf Schüssen in den Kopf und den Oberkörper, hingerichtet im Schlaf. Seine Frau Martine ist verwundet und wird mittlerweile in Miami in den USA behandelt. Die Tochter Jormarlie überlebte traumatisiert.

Es gibt bisher 29 Verdächtige, von denen 21 festgenommen wurden, acht sind noch flüchtig. Drei Verdächtige wurden im Zuge der Festnahme getötet. Laut Angaben der haitianischen Polizei sind 26 der Verdächtigen Kolumbianer, die anderen drei sind US-Amerikaner haitianischer Abstammung oder Haitianer.

Die offenen Fragen sind: Wer waren die Hintermänner? Was war das politische Ziel des Mordes? Und könnten im September ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt werden, wie ursprünglich geplant?

Der Interims-Premier Claude Joseph, einer der drei Politiker, die in Haiti die Macht beanspruchen, hat die USA und die Vereinten Nationen zum Eingreifen aufgefordert. Seine Gegner lehnen das unter Hinweis auf die vielen bisherigen Besatzungen und Interventionen ab.

Zweifel kommen aus Kolumbien an der bisherigen Theorie, ein Killerkommando, gebildet aus Söldnern, sei ins Land geschleust worden, um den Präsidenten zu ermorden. Journalisten kolumbianischer Medien wie der Zeitung »El Tiempo« wollen herausgefunden haben, dass die Gruppe der angeheuerten Ex-Militärs eigentlich zum Schutz von Moïse und nicht zu seiner Ermordung in Haiti waren. Das berichten Angehörige der gefassten oder getöteten Männer.

Wo waren die Leibwächter des Präsidenten?

Dazu passt die Frage, wo eigentlich der 23 Männer umfassende Personenschutz des Staatschefs und die Präsidentengarde in der Mordnacht waren. Waren Moïse und seine Familie unbewacht – oder waren die Sicherheitsleute gar Komplizen der Mörder? Derzeit werden Dimitri Hérard, Sicherheitschef im Nationalpalast und Jean Laguel Civil, Chef der persönlichen Sicherheit von Moïse von Ermittlern vernommen. Die zentrale Frage: Warum haben sie das Leben ihres Chefs nicht geschützt?

Bereits vor dem Mord gab es Vorwürfe gegen Hérard, er sei des Waffenschmuggels verdächtig. Der Oppositionspolitiker und frühere Senator Steven Benoit hält gar die Personenschützer des Präsidenten für die Täter: »Die Geschichte mit den Kolumbianern passt nicht zusammen«, sagte er. »Wieso war nicht ein einziger Wachmann in dem Haus? Und warum haben die Kolumbianer nach der Tat nicht sofort das Weite gesucht, sondern sich so annähernd stümperhaft festnehmen lassen?«

Foto: Getty Images

Zu der Theorie der kolumbianischen Attentäter gehören auch die beiden US-Haitianer James Solages, 35, und Joseph Vincent, 55, beide wohnhaft in Florida und mit guten Verbindungen zu Sicherheitsfirmen. Beide sind angeblich teilgeständig und gaben Details zu dem Verbrechen preis. Der Verdacht: Solages und Vincent sollen als Übersetzer für die kolumbianischen Killer gedient haben. Und einer arbeitete mehrere Jahre als Informant der US-Antidrogenbehörde DEA.

Kompliziertes Puzzle

Noch komplizierter wurde das Puzzle, als die Polizei jüngst einen Mann präsentierte, der angeblich der zentrale Drahtzieher der Tat war. Der Arzt und Pfarrer Christian Emmanuel Sanon, 62, pendelt seit 20 Jahren zwischen Haiti und Florida, und er hatte bereits in der Vergangenheit wiederholt den Wunsch geäußert, Präsident seines Heimatlandes zu werden. In einem YouTube-Video »Leadership for Haiti « geißelte er schon 2011 die Politiker des Landes als korrupt, denen »die Menschen egal sind« und die sich lediglich der Rohstoffe des Inselstaats bemächtigen wollten. Auch jetzt – kurz vor der Tat – soll sich Sanon gegenüber anderen Haitianern als der von »Gott gesandte« künftige Präsident präsentiert haben, der einen »Marshallplan« zum Wiederaufbau Haitis entwerfen wolle.

Die Ermittler stießen auf Sanon, weil die kolumbianischen Täter ihn angeblich als Ersten nach der Ermordung von Moïse anriefen. Bei der Durchsuchung seines Hauses fanden sie eine Mütze mit einem Aufdruck der DEA, Waffen und Munition. Sanon soll im Juni in einem Privatflugzeug gemeinsam mit mehreren Kolumbianern nach Haiti gereist sein. Die Südamerikaner gingen demnach zunächst davon aus, dass sie einen Job als Personenschützer zu erledigen hätten, erst in Haiti selbst wurde ihnen dann angeblich der neue Auftrag übermittelt.

Steckte die haitianische Elite hinter dem Mord?

Unter Haitianern in Miami zweifelt man an der Theorie, dass Sanon der Drahtzieher ist. »Ich kenne ihn nicht, niemand kennt ihn hier«, sagte der einflussreiche US-haitianische Unternehmer Georges Sami Saati amerikanischen Medien. Zudem ist unklar, wie Sanon die Flüge für die Killer und ihr Honorar bezahlt haben soll, die angeblich jeder pro Monat rund 3000 Dollar erhielten. Sanon leistete 2013 einen Offenbarungseid und gilt als hoch verschuldet.

Mitglieder der haitianischen Zivilgesellschaft gehen nach wie vor davon aus, dass die reiche und diskrete Machtelite Haitis hinter dem Mord steckt, da es ihr nicht passte, dass Moïse sich wohl an der Macht festsetzen wollte. Statt Wahlen plante er offenbar ein Referendum, um das Verbot der Präsidenten-Wiederwahl abzuschaffen. Das Verbot gilt seit der Verfassungsreform nach dem Ende der Duvalier-Diktatur im Jahr 1987.

In diesem Klima sei im September nicht an Wahlen zu denken, sagen Beobachter. Man brauche erst einen neuen Wahlrat. Zudem sei die Hälfte der Haitianer nicht in das Wahlregister eingetragen. »Aber vor allem fehlt die Sicherheit, solange die Banden nicht unschädlich gemacht worden sind«, sagt der Filmemacher Arnold Antonin.

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