Nach Mord an Präsident Moïse Ministerpräsident appelliert an Haitianer, von Selbstjustiz abzusehen

Hunderte Menschen hatten sich in Haitis Hauptstadt vor einem Gebäude versammelt, in dem sie die Mörder von Jovenel Moïse vermuteten. Interims-Ministerpräsident Joseph ermahnte die Bürger zu Zurückhaltung.
Eine wütende Menge fordert von der Polizei, mögliche Tatverdächtige im Mordfall Jovenel Moïse herauszugeben

Eine wütende Menge fordert von der Polizei, mögliche Tatverdächtige im Mordfall Jovenel Moïse herauszugeben

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VALERIE BAERISWYL / AFP

Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse hat der Interims-Ministerpräsident Claude Joseph die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Verdächtigen der Polizei zu überlassen. »Ich bitte alle, nach Hause zu gehen«, so Joseph während einer Pressekonferenz. »Die Polizei hat die Situation unter Kontrolle.«

Im Laufe des Tages hatten sich unter anderem Hunderte Bürger vor einer Polizeistation versammelt, in der sich Tatverdächtige befunden haben sollen. Aus der Menge wurden nach übereinstimmenden Medienberichten Rufe laut, man sollte die Täter verbrennen.

Außerdem sollen Bürger aus Port-au-Prince auf Eigeninitiative nach den Tätern gesucht und Fahrzeuge in Brand gesetzt haben, die sie für das Eigentum der Verdächtigen hielten.

Unbekannte waren in der Nacht zu Mittwoch in die Residenz des 53 Jahre alten Moïse in einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince eingedrungen und hatten ihn erschossen. Seine Ehefrau Martine wurde verletzt und zur Behandlung in die rund tausend Kilometer entfernte US-Stadt Miami gebracht, wie Haitis Botschafter in den USA, Bocchit Edmond, sagte.

Menschenrechtsaktivist vermutet Putschversuch

Nach dem Mord droht der von Instabilität und Armut geprägte Karibikstaat noch tiefer ins Chaos abzurutschen. Der designierte Regierungschef Ariel Henry stellte am Donnerstag die Legitimität von Interims-Ministerpräsident Claude Joseph infrage, der wenige Stunden nach Moïses Tod den Ausnahmezustand ausgerufen hatte. Die Regierung bekommt damit für zwei Wochen zusätzliche Befugnisse.

Das Land mit seinen elf Millionen Einwohnern droht weiter in politisches Chaos abzugleiten, denn nach Moïses Tod erheben gleich zwei Männer Anspruch auf das Amt des Regierungschefs.

Eine von Moïses letzten Amtshandlungen war die Ernennung von Ariel Henry zum neuen Ministerpräsidenten des Landes. Er sollte ursprünglich in den nächsten Tagen Joseph offiziell ablösen. »Gibt es mehrere nominierte Ministerpräsidenten im Land?«, fragte Henry. Auch die Opposition warf Joseph vor, die Macht an sich gerissen zu haben.

Der Menschenrechtsaktivist Gédeon Jean bezeichnete Josephs Eile bei der Ausrufung des Ausnahmezustands als »verdächtig«. Er vermute dahinter einen Putschversuch, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

US-Bürger unter den Verdächtigen?

Regierungen weltweit reagierten bestürzt auf den Anschlag, der die Krise in dem von Instabilität und großer Armut geprägten Karibikstaat noch verschärfen dürfte.

Unterdessen sind nach Angaben der Vereinten Nationen weitere Verdächtige von Einsatzkräften eingekreist worden. »Mir ist bekannt, dass eine größere Gruppe möglicher Täter in zwei Häuser in der Stadt geflüchtet ist und nun von der Polizei umstellt wurde«, sagte die Uno-Sonderbeauftragte Helen La Lime bei einer Online-Pressekonferenz. Zudem hat die haitianische Polizei gemeldet, dass sechs Verdächtige festgenommen und fünf Fahrzeuge beschlagnahmt worden seien. Zuvor hatte die Polizei bereits mitgeteilt, dass vier mutmaßliche Täter getötet wurden.

La Lime berichtete auch, dass Haiti den UN-Sicherheitsrat um zusätzliche Sicherheitsunterstützung gebeten habe. Es war zunächst unklar, worum genau es sich dabei handeln soll.

Die »Washington Post« berichtet unter Berufung, auf den haitianischen Minister Mathias Pierre, einer der Festgenommenen sei ein US-Amerikaner haitianischer Herkunft. Das Außenministerium der Vereinigten Staaten konnte dies nicht bestätigen.

svs/dpa/AFP/Reuters
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