Zehn Jahre nach dem Erdbeben Haitis nächste Katastrophe

Vor zehn Jahren verwüstete ein Erdbeben Haiti und tötete Hunderttausende. Der Wiederaufbau sollte eine Chance für das verarmte Land sein - doch nun sind viele Menschen noch größeren Risiken ausgesetzt.
Aus Port-au-Prince berichtet Klaus Ehringfeld

Eigentlich dürfte es Canaan gar nicht geben. Das sagt die Menschenrechtsaktivistin, das findet der Stadtplaner, und das kritisiert auch der Aktivist der Zivilgesellschaft. Aber der Ort, 30 Kilometer außerhalb von Port-au-Prince, ist aus der Hügellandschaft nicht mehr wegzudenken. 300.000 Menschen leben hier. Sie sind Vertriebene der Launen der Natur, Opfer des Erdbebens vom 12. Januar 2010, das in nur 37 Sekunden weite Teile der haitianischen Drei-Millionen-Hauptstadt pulverisierte, 220.000 Menschen tötete und 2,3 Millionen Menschen zu Obdachlosen machte.

Damals dachten Architekten, Aufbauhelfer und Menschen wie Arnold Antonin, dass der Wiederaufbau nach der Jahrhundertkatastrophe eine Jahrhundertchance sein könnte. Dass man diese geschundene, überfüllte und zerklüftete Stadt nicht einfach wieder aufbaut, sondern neu erfindet. "Nachhaltig, gerecht, ökologisch und erdbebensicher", sagt der Filmemacher, der zugleich eine der wichtigsten Stimmen der haitianischen Zivilgesellschaft ist.

"Anarchie und Verslumung"

"Aber wenn es morgen wieder beben würde", sagt der 78-Jährige, dann wären die Konsequenzen noch schlimmer. "Haiti hätte sozialen Wohnungsbau gebraucht. Bekommen hat es stattdessen architektonische Anarchie und Verslumung."

So wie in Canaan.

Auffanglager Canaan: Ansammlung von Hütten, Häusern und Verschlägen

Auffanglager Canaan: Ansammlung von Hütten, Häusern und Verschlägen

Foto: Klaus Ehringfeld

Der Ort hat keinen wirklichen Anfang und kein Ende, kein Zentrum und keine Peripherie. Es gibt einen Gesundheitsposten ohne Ärzte, eine Polizeistation ohne Polizisten und Straßen ohne Asphalt. Canaan ist eine Ansammlung von Hütten, Häusern und Verschlägen, von evangelikalen Kirchen und Lottobuden. Wer in Canaan angekommen ist, dem bleibt nur noch, auf Gott oder das große Glück zu hoffen. Der frühere Präsident Michel Martelly nannte den Ort einmal die "hässlichste Narbe des Erdbebens".

Jedenfalls hat Canaan nichts mit seinem biblischen Namensgeber gemein. Während im sagenhaften Kanaan Milch und Honig flossen, fließt im haitianischen Canaan nicht einmal Wasser.

Wer hier lebt, will eigentlich nur wieder weg. So wie Frantz Charlestin und seine Familie. Weil ihr Haus im Stadtteil Delmas in Trümmern lag, kamen sie in das Auffanglager, das einmal Canaan werden würde.

Familie Charlestin in Canaan: 16 Quadratmeter für fünf Menschen

Familie Charlestin in Canaan: 16 Quadratmeter für fünf Menschen

Foto: Klaus Ehringfeld

Irgendwo im Labyrinth dieses Elends bewohnt die Familie mit ihren drei Töchtern jetzt eine kleine grüne Hütte, die viermal vier Meter misst. In dem einzigen Raum stehen ein Koffer, der als Kleiderschrank dient, ein großes Bett, in dem die ganze Familie schläft, und Motorteile. Frantz Charlestin, 29, arbeitet gelegentlich als Automechaniker. "Der Staat hat uns vergessen", sagt er.

"Die Sicherheit wird als Erstes geopfert, wenn das Geld knapp ist"

Canaan ist vielleicht das hässlichste, aber nicht das einzige Wundmal des Bebens. An vielen Hügeln rund um Port-au-Prince sind die zerstörten Siedlungen einfach wieder aufgebaut worden, nachdem die Trümmer abgeräumt waren. Wellblechhütten und enge kleine Ansiedlungen krallen sich in die entwaldeten Hänge und sehen aus, als könnte sie das nächste Gewitter in den Abgrund spülen.

Aber es sind auch neue Slums an waghalsigen Abhängen entstanden. Die Menschen wüssten zwar, dass man jetzt sicherer bauen muss, aber es fehle eben oft das Geld dafür, sagt Annalisa Lombardo. "Die Sicherheit wird als Erstes geopfert, wenn das Geld knapp ist", sagt die Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Port-au-Prince.

Viele dieser neuen Siedlungen entstanden, als die Regierung nach Jahren die unzähligen Zeltlager in der Stadt räumen ließ und den Menschen gemeinsam mit dem Uno-Entwicklungsprogramm 500 Dollar in die Hand drückte, damit sie sich was Neues suchten.

Krisen- und Katastrophenrepublik

Haiti gehört zu den ärmsten Staaten der Welt.

Seit Jahrzehnten ist Haiti gefangen in einem Kreislauf aus Krisen und Katastrophen. Politische Umstürze, institutionelle Lähmung und Naturkatastrophen lösen sich regelmäßig ab, gelegentlich treten sie auch gemeinsam auf, wie zum Beispiel bei dem verheerenden Beben von 2010. Das Unglück lähmte den ohnehin schwachen Staat völlig.

Das Drama des karibischen Landes geht weit zurück. Vor mehr als 200 Jahren war Haiti noch die blühendste Kolonie der Welt. Das Land, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, versorgte damals praktisch ganz Europa mit Kaffee und Zucker. Der Reichtum basierte auf der Ausbeutung der von Westafrika nach Haiti verschleppten Sklaven, die sich 1791 gegen ihre Unterdrücker erhoben und sie schließlich 1804 vertrieben.

Nach der Unabhängigkeit rangen Schwarze und Mulatten um die Macht und traten das ideelle Erbe der alten Eliten an, die sie gerade vertrieben hatten. Für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen war in Haitis gewaltvoller Geschichte kein Platz. Damals wie heute nicht.

Zwischen 1843 und 1915 regierten 22 Staatschefs das Land, von denen nur einer sein Mandat beendete und die große Mehrzahl gestürzt wurde. 1915 besetzten die USA den Karibikstaat unter dem Vorwand, die anhaltenden Unruhen gefährdeten Leben und Eigentum ihrer Landsleute. Erst nach 19 Jahren zogen die Besatzer wieder ab. Aber die Strukturen blieben unverändert und ermöglichten Erb-Diktaturen wie die von Vater und Sohn Duvalier. Die fast dreißigjährige Gewaltherrschaft von François ("Papa Doc") und Jean-Claude ("Baby Doc") Duvalier zwischen 1957 und 1986 trug wesentlich zu Haitis Rückständigkeit bei.

Auch danach kam das Land nicht zur Ruhe. 1990 wurde in demokratischen Wahlen Jean-Bertrand Aristide gewählt, aber schon weniger als ein Jahr später gestürzt. 1994 setzten ihn die USA mit einer Militärintervention wieder in sein Amt ein. Nach seiner Wiederwahl Ende 2000 blieb Aristide noch gut drei Jahre Präsident, bis er dann aber nach blutigen Protesten am 29. Februar 2004 fliehen musste. Und vergangenes Jahr versuchte die Bevölkerung, Staatschef Jovenel Moïse mit Massenprotesten zu stürzen. Sie wirft ihm Korruption und Veruntreuung auch von Hilfsgeldern zur Linderung der Erdbebenfolgen vor.

Zehn Jahre nach dem Beben ist Haiti noch immer eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem Uno-Entwicklungsindex belegt die Karibikrepublik Platz 169 von 174 Staaten, noch hinter dem Sudan. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 63,8 Jahren.

Und so ist Port-au-Prince heute noch voller als damals, alles ist noch enger, der Verkehr noch dichter, die Elendssiedlungen noch größer. "Die Regierung und die Organisationen haben die Menschen sich selbst überlassen", kritisiert Rosy Auguste von der Menschenrechtsorganisation RNDDH.

Das war vor zehn Jahren noch ganz anders. Nach der apokalyptischen Katastrophe brachten Hunderte Hilfsorganisationen Zelte, Essen, Chirurgen, Architekten, Trost und Missionare ins Land. Der chronisch schwache Staat hingegen war von dem Unglück so getroffen, dass er wochenlang handlungsunfähig war.

Absurde bürokratische Hürden

Als die Regierung wieder arbeitsfähig war, wollte sie den Hilfsorganisationen zeigen, wer das Sagen hat. Helfer beklagten absurde bürokratische Hürden und Importverbote für wichtige Hilfsgüter. Das Chaos dehnte sich auch auf Gremien wie die "Übergangskommission zum Wiederaufbau Haitis" (CIRH) aus, in der haitianische Politiker, Unternehmer, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und internationale Vertreter wie etwa der frühere US-Präsident Bill Clinton saßen.

"Das war ein bürokratisches Monstrum, das Millionen für Übergangsprojekte bewilligte, aber kaum nachhaltige Entwicklung förderte, und das bis heute keine Rechenschaft über die ausgegebenen Millionen abgelegt hat", kritisiert Menschenrechtsaktivistin Auguste. "Es war völlig undurchsichtig."

Ein weiteres Problem: Es floss nie annähernd das Geld nach Haiti, das auf den Geberkonferenzen zugesagt worden war. Lediglich die Hälfte der versprochenen 9,9 Milliarden Dollar kam überhaupt ins Land.

Die Menschen bauten so wie immer - irgendwo und irgendwie

Und davon sei viel Geld in die Geberländer zurückgeflossen, weil sie ihre eigenen Helfer beauftragten, kritisiert der Stadtplaner Francis Alphonse. Er arbeitet bei DATIP, einer regionalen Agentur, die Gemeinden beim nachhaltigen Wiederaufbau beraten soll. Aber seine Arbeit sei frustrierend, sagt er. Keine der Regierungen habe nach dem Beben den Willen gehabt, die Verantwortung für den Wiederaufbau von den Nichtregierungsorganisationen zu übernehmen. "Und die Hilfsorganisationen schauen heute längst nach Syrien oder in den Irak", so Alphonse.

Schlimmer aber noch findet der Stadtplaner, dass selbst die wenigen positiven Veränderungen, die es nach dem Beben gab, mittlerweile verpufft sind. "Es gibt eine neue Bauverordnung, es wurden Regeln für die Ausbildung von Ingenieuren, Maurern und Stahlarbeitern geschaffen." Aber die Menschen bauten so wie immer - irgendwo und irgendwie. Und niemanden interessiere es.

Wenn Alphonse an Canaan denkt, dann sagt er nur einen kurzen, vernichtenden Satz: "Es ist die größte menschengemachte Katastrophe" seit dem Beben.

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