Umstrittene Gruppenimpfung in Bayern Half die Bundesregierung italienischem Luxusresort?

Der Arzt Udo Beckenbauer impfte Angestellte eines sardischen Luxusresorts am Flughafen München – während Millionen Deutsche noch auf ihre erste Dosis warten. Er sagt: »Alles war vom deutschen Gesundheitsministerium organisiert.« Das will davon nichts wissen.

Von Frank Hornig, Rom
Luxusresort Forte Village auf Sardinien: Mehr als 100 Beschäftigte zum Impfen nach München geflogen

Luxusresort Forte Village auf Sardinien: Mehr als 100 Beschäftigte zum Impfen nach München geflogen

Foto: Martin Hangen / Plusphoto / imago images

Als der Münchner Arzt Udo Beckenbauer vor Kurzem im italienischen Fernsehen sprach, ging es um einen merkwürdigen Fall von Impftourismus: Das Luxusresort Forte Village aus Sardinien hatte im Mai seine gesamte Belegschaft morgens nach München geflogen, um Angestellte im Flughafen von Beckenbauer mit Biontech-Pfizer spritzen zu lassen. Noch am selben Nachmittag flogen sie wieder nach Sardinien zurück.

Wer hatte den Impfstoff organisiert? Wie konnten mehr als 100 Hotelangestellte aus Sardinien in Bayern an Biontech-Spritzen kommen, wenn sie keinen deutschen Wohnsitz und keine deutsche Krankenversicherung haben – während zugleich Millionen Deutsche noch auf ihre erste Dosis warten? Ist das legal? Solche Fragen blieben offen.

Jetzt führen in diesem Fall Spuren nach Berlin. Im zweiten Teil seines TV-Interviews, das der italienische Fernsehsender Rai am Sonntagnachmittag ausstrahlte, sagt Udo Beckenbauer, die Initiative sei von der Bundesregierung ausgegangen.

»Die Sache mit dem Forte Village kommt von der Regierung«, sagt Beckenbauer darin, »die deutsche Regierung hat versucht, denen zu helfen. Warum, weiß ich nicht.« Er sei nur gebeten worden zu impfen. Die deutsche Regierung »hat es gewusst«, sagte er weiter, »es war eine Ausnahme, aus irgendeinem Grund wurde es genehmigt.«

»Von der Regierung?«, fragte die italienische Rai-Journalistin Francisca De Candia erstaunt nach. »Ja. Weil sie dort Urlaub machen«, antwortete Beckenbauer.

Die Impfaktion fand am 21. Mai im Hotel Hilton Munich Airport statt, das fußläufig zwischen den Terminals 1 und 2 liegt. »Um 9 Uhr haben wir den Flieger in Cagliari genommen, um 11 Uhr waren wir in München, um 12.30 Uhr war alles schon vorbei«, berichtete ein Forte-Village-Manager: »Pause mit bayerischem Bier. Um 17 Uhr sind wir mit unserem Impfnachweis nach Cagliari zurückgereist.«

Im Rai-Interview offenbarte Beckenbauer nun weitere Details dazu. »Es waren eine ganze Menge Ärzte da. Alles war vom deutschen Gesundheitsministerium organisiert.«

In einer schriftlichen Stellungnahme für den SPIEGEL hatte sich Beckenbauer am 9. Juni dazu allgemeiner geäußert: »Von einem meiner Patienten wurde ich Mitte Mai telefonisch darauf angesprochen, dass das Hotel eine Impfaktion für eine Gruppe seiner Mitarbeiter plane und gefragt, ob ich bei der Impfung hier am Flughafen München behilflich sein könne. Ich habe meine Bereitschaft signalisiert, vorausgesetzt, dass die Impfaktion ordnungsgemäß rechtlich abgesichert wäre, was mir zugesichert wurde.«

»Insbesondere, woher der Impfstoff stammt, ist zu klären.«

Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums

Falls Beckenbauers Aussagen zutreffen: Wer in der Bundesregierung hat sich um das Resort Forte Village gekümmert? Wurde tatsächlich »alles vom Gesundheitsministerium organisiert«, wie Beckenbauer sagte? Vom SPIEGEL am Sonntagnachmittag kontaktiert, machten weder Beckenbauer noch sein Anwalt weitere Angaben.

Das Bundesgesundheitsministerium beantwortete eine Anfrage des SPIEGEL per Mail mit der Betreffzeile »Dementi Beteiligung Bundesgesundheitsministerium Gruppenimpfung Luxushotel«. Ohne auf konkrete Fragen einzugehen, teilte ein Sprecher mit: »Nach der Rechtslage können nur Personen entweder mit Wohnsitz oder mit Arbeitsstätte in Deutschland geimpft werden. Beides trifft auf die Beschäftigten eines italienischen Hotels nicht zu. Damit verstößt diese Aktion gegen geltendes Recht und muss von den zuständigen Behörden vor Ort aufgeklärt werden. Insbesondere, woher der Impfstoff stammt, ist zu klären.«

Nach Veröffentlichung dieses Artikels ergänzte ein Sprecher das Statement: »Wir haben erst durch die mediale Berichterstattung von diesem Vorgang erfahren und können ausschließen, dass dies mit Billigung des Bundesministeriums für Gesundheit erfolgt ist.«

In München erklärte das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege dem italienischen Sender: »Das Gesundheitsministerium hat dafür keine Genehmigung erteilt.«

Das Luxusresort beschreibt die Impfaktion als »Akt mutigen Unternehmergeists«

Das Forte Village feiert sich selbst als »das beste preisgekrönte Resort der Welt«. Für 20.000 Euro pro Woche gibt es De-luxe-Bungalows in einer 50 Hektar großen Parkanlage mit direktem Zugang zum Strand. Die Gruppenimpfung sei ein »Akt mutigen Unternehmergeists«, hatte das Resort im Mai in einer Pressemitteilung erklärt. Man wolle damit den Gästen »einzigartige Ferien im völligen Respekt der eigenen Gesundheit und der aller anderen« ermöglichen.

Hat die Gruppenimpfung von Italienern gegen deutsches Recht verstoßen? Oder gab es einen legalen Weg, Biontech-Dosen zu beschaffen, für die die Corona-Impfverordnung nicht gilt? Laut Beckenbauer waren »eine ganze Menge von Ärzten« beim Flughafentermin dabei. Wie viele und welche bayerischen Mediziner haben sich an der womöglich illegalen Aktion beteiligt?

Und wer hat am Ende recht: Beckenbauer, der auf die Bundesregierung zeigt? Oder das Bundesgesundheitsministerium, das die Aktion in Bayern rechtswidrig nennt und von den lokalen Behörden Aufklärung verlangt?

Im italienischen TV-Interview ist zu verfolgen, wie sich Beckenbauer sichtbar unwohl um Kopf und Kragen redet. Sie solle die Sache lieber »vergessen«, sagt er an einer Stelle der italienischen Journalistin.

Anmerkung: Das Bundesgesundheitsministerium hat sein Statement nach der Veröffentlichung des Artikels am Montagmorgen ergänzt. Der entsprechende Satz wurde in den Text eingefügt.