Humanitäre Katastrophe in Gaza »Zeigt den Kindern nicht, welche Angst ihr habt«

Zerbombte Straßen, kaum noch Medikamente, zu wenig Blut für Transfusionen: Viele Kliniken im Gazastreifen stehen vor dem Zusammenbruch. Ärzte und Psychologen sprechen über die dramatische Lage vor Ort.
Kinder im Gazastreifen

Kinder im Gazastreifen

Foto: ANAS BABA / AFP

Es war der vergangene Sonntag, als das Gesundheitssystem im Gazastreifen noch ein Stück näher an den Abgrund rückte: Zwei der wichtigsten Mediziner der Region wurden bei einem Luftangriff getötet. Der Neurologe Moin Al-Alul und der Spezialist für innere Medizin Ayman Abu al-Ouf. Beide waren spezialisierte Fachärzte, die sich im Gazastreifen selten finden.

Für den Arzt Fahd Haddad war das der bisher schwierigste Tag. Er arbeitet in der Notaufnahme im Shifa-Krankenhaus, das mit etwa 750 Betten das größte in Palästina ist. »Doktor Ayman war mein Lehrer, der Lehrer meiner Generation, und derjenigen vor uns. Er war ein unglaublich talentierter Arzt, ein herausragender Spezialist auf seinem Gebiet, eine öffentliche Figur«, sagt Haddad. Seine Stimme wird brüchig. »Ich will eigentlich nicht darüber sprechen.«

Er müsse sich auf die Rettung der Verletzten konzentrieren. Es ist das dritte große Bombardement für ihn, seit er angefangen hat, im Krankenhaus zu arbeiten.

200 Tote, fast ein Drittel davon Kinder

Bis Mitte dieser Woche listete das Gesundheitsministerium in Gaza über 1600 Verletzte auf und über 220 Tote, von denen etwa 30 Prozent Kinder sind.

Durch Bombardierung zerstörte Straße in Gaza-Stadt

Durch Bombardierung zerstörte Straße in Gaza-Stadt

Foto: MOHAMMED ABED / AFP

Haddads Kollege, der Chirurg Adnan al-Burj, arbeitet ebenfalls Tag und Nacht. Verletzte werden eingeliefert mit komplizierten Wunden von Explosionen. Er sagt: »Es fehlt an allem.« An Arzneimitteln zur Behandlung von offenen Wunden, an Schmerzmitteln und an Medikamenten für chronische Krankheiten. Für Krebskranke und Patienten mit weniger akuten Krankheiten habe er keine Kapazitäten. »Dafür müssen Patienten außerhalb behandelt werden.«

Die Verbindung bricht ab. Bomben schlagen in der Nähe ein. Als er wieder in der Leitung ist, sagt al-Burj müde: »Es gibt überall Luftangriffe. Um diese Zeit, am Abend, beginnt die Party.«

Das einzige Corona-Testlabor wurde getroffen

Seine Klinik stößt an ihre Grenzen – und sie ist nur eine von vielen. Zwar gibt es ein Abkommen mit Privatkliniken im Gazastreifen für Notfallsituationen wie jetzt, sodass Patienten, sobald ihr Zustand stabil ist, transferiert werden können. Manchmal, so sagt al-Burj, benutzten die Ärzte auch Notfallbahren oder Geburtsbetten, wenn die normalen Intensivbetten ausgingen. Doch die Gesundheitsversorgung stehe schon jetzt kurz vor dem Zusammenbruch.

Auch das einzige Corona-Testlabor von Gaza wurde getroffen. Der führende Arzt sei dabei am Kopf verletzt worden, sagt al-Burj. Er liege jetzt ebenfalls im Shifa-Krankenhaus, sein Zustand sei kritisch.

Arbeiten unter extremem Druck, teils unter Dauerbeschuss: »Manche von uns mussten schon tote Verwandte in Empfang nehmen«, erzählt der Arzt. Ein Kollege habe nach einem Angriff seinen toten Sohn in der Klinik gesehen. Einmal behandelte er einen kleinen Jungen, der als Einziger einen Luftangriff überlebte. Der Rest seiner Familie war bei dem Angriff umgekommen.

»Wir erleben eine kollektive Bestrafung«

Bereits bei der letzten Offensive 2014 hat die Menschenrechtsorganisation Al Mezan Center for Human Rights zu Angriffen auf das Gesundheitssystem in Gaza recherchiert. In dem Bericht, der bei der Uno vorgelegt werden sollte, heißt es, dass im damaligen Konflikt 17 Krankenhäuser und 56 Gesundheitszentren zerstört wurden. 45 Krankenwagen seien in Mitleidenschaft gezogen worden; 511 der 2217 damals getöteten Palästinenser hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gehabt, weil Krankenwagen nicht zu ihnen durchgedrungen seien.

Issam Younis, 57, der Direktor von Al Mezan, war an dem Bericht  beteiligt und meldet sich am Mittwochmorgen aus Gaza-Stadt. Die Telefonverbindung reißt immer wieder ab. Aus Angst vor Bomben habe Younis seine Wohnung verlassen, erzählt er. »Etliche Straßen, die zu Krankenhäusern führen, haben riesige Krater durch die Bomben.« Das größte Problem aber sei, dass kein weiterer Diesel mehr nach Gaza gelange. Die Krankenhäuser hätten zwar Generatoren, aber auch sie würde ein Blackout massiv treffen. »Wir erleben eine kollektive Bestrafung.«

»Die Luftschläge haben sehr viele Zivilisten und medizinische Infrastruktur getroffen«, sagt auch Nathalie Thurle, medizinische Koordinatorin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), deren Klinik in der Nähe des Shifa-Hospitals ebenfalls starken Schaden nahm.

Israel hat die Grenzübergänge geschlossen

Thurle meldet sich aus der Westbank, aber sie steht mit ihren Kollegen in Gaza-Stadt in ständigem Kontakt. In der getroffenen MSF-Klinik  hätten Ärzte im vergangenen Jahr über tausend Kinder behandelt, erzählt sie. Das Haus sei zum Glück nicht vollständig zerstört, sodass man hoffe, den Betrieb in naher Zukunft wieder aufzunehmen. Aber die Straße davor, die auch zum Shifa-Hospital führe, sei bombardiert worden. »Patienten können sich kaum fortbewegen«, sagt sie. »Zu gefährlich.«

Auch Thurle selbst sitzt fest. Sie gelange derzeit nicht nach Gaza, um ihre Kollegen zu unterstützen, da die Grenzübergänge geschlossen seien. Das führe zu einer weiteren Notlage: »Wir bekommen kein medizinisches Material nach Gaza. Die wichtigsten Materialien, die dringend für die Versorgung von Verwundeten gebraucht werden, werden knapp.« Darunter auch Blutbeutel für Transfusionen.

Ärzte ohne Grenzen will eigenes Material spenden, das aber derzeit nicht nach Gaza geschafft werden kann. »Die Grenze muss geöffnet werden«, sagt Nathalie Thurle. Die Zeit dränge, jeden Tag verschlimmere sich die Lage.

Viele Kinder haben Albträume

Rund 58.000 Menschen seien derzeit aus ihren Häusern vertrieben worden, sagt die Ärztin. Sie kommen in leer stehenden Schulen unter – das aber erhöhe die Gefahr einer neuen Covid-19-Welle, unter der die Krankenhäuser dann wohl endgültig kollabieren würden. Denn der Gazastreifen mit seinen zwei Millionen Einwohnern hat bisher nur etwa 120.000 Impfdosen erhalten und nur die Hälfte davon bereits vergeben.

Der Notarzt Fahd Haddad vom Shifa-Krankenhaus sagt, Gaza habe gerade die zweite Covid-Welle erlebt. Doch jetzt bleibe keine Zeit, um an eine längerfristige Bekämpfung der Pandemie zu denken: »Im Moment haben wir oft nur wenige Sekunden, um ein Leben zu retten.«

Nicht nur die Versorgung der sichtbaren Wunden ist ein Problem. »Wir alle sind Überlebende von Traumata«, sagt Yasser Abu Jamei, Direktor des Gaza Community Mental Health Programme, der größten Nichtregierungsorganisation in Gaza, die sich mit den seelischen Folgen des Konflikts befasst.

Kinder, die noch keine Worte für das Erlebte haben, klammerten sich etwa an ihre Eltern, nässten ein oder wirkten widerspenstig oder abwesend, sagt Jamei. Er erzählt von Kindern, die von Albträumen geplagt seien und unter Konzentrationsschwierigkeiten litten. Einige seien so schwer traumatisiert, dass sie eine Psychose entwickelten.

»Zeigt den Kindern nicht, welche Angst ihr habt«

Jamei, der im Gazakrieg 2014 selbst einen Großteil seiner Familie verlor, kümmerte sich im vergangenen Jahr mit 80 Kolleginnen und Kollegen um rund 3100 Menschen. Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter und Krankenschwestern bieten für Erwachsene häufig eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikation an. Kindern helfe Kunsttherapie.

»Wenn sie auf dem Weg der Besserung sind, passiert häufig erneut etwas Negatives, was sie wieder zurückwirft«, sagt der Psychologe. Auslöser, die zu einer Retraumatisierung führten, seien allgegenwärtig. »Ohne eine Veränderung der politischen Bedingungen können wir Traumata nicht überwinden.«

Palästinensische Kinder in Gaza City auf der Flucht

Palästinensische Kinder in Gaza City auf der Flucht

Foto: ANAS BABA / AFP

Was rät er Eltern während der aktuellen Offensive? »Ihr müsst bei euren Kindern bleiben und ihnen klarmachen, dass ihr sie trösten könnt. Umarmt sie, erlaubt ihnen, ihre Gefühle auszudrücken.«

In einem zweiten Schritt gehe es darum, einen sicheren Ort zu finden – so gut das bei andauernden Luftangriffen eben möglich sei. »Lasst die Kinder in euren Apartments den sichersten Ort finden. Wenn Bomben fallen, geht mit ihnen zu diesem Ort. Schaut nicht aus den Fenstern, verfolgt nicht dauernd Nachrichten.«

Und: »Zeigt den Kindern nicht, welche Angst ihr habt«, so erkläre er es den Eltern. Das sei zwar schwierig, doch daran müssten Väter und Mütter arbeiten, um ihre Kinder zu schonen.