Türkischer Megastaudamm Hier war eine Stadt

Man versprach ihnen Wohlstand und Erneuerung, sie bekamen eine seelenlose Retortenstadt. Die Flutung der historischen Stadt Hasankeyf ist ein Sinnbild für den Wandel in der Türkei. Ein Fotograf hat den Untergang begleitet.
Von Jan Petter und Bruno Zanzottera (Fotos)
Bootsanleger am Ufer des heutigen Sees: Dort, wo 12.000 Jahre lang Menschen siedelten, dümpeln jetzt Schiffe im Wasser, die aussehen sollen wie Piratenboote

Bootsanleger am Ufer des heutigen Sees: Dort, wo 12.000 Jahre lang Menschen siedelten, dümpeln jetzt Schiffe im Wasser, die aussehen sollen wie Piratenboote

Foto: Bruno Zanzottera / Parallelozero
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

In Hasankeyf, also dem neuen, wurde bis zuletzt gehämmert und geklopft. »Tock, tock, tock«, schallte es von den Baustellen, erinnert sich der Fotograf Bruno Zanzottera. Mit jedem Schlag wuchs die neue Retortenstadt aus Fertighäusern für 70.000 Menschen. So entstand sie, die Zukunft Anatoliens – direkt neben den mutwillig gefluteten Ruinen des historischen Hasankeyf.

Für die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist es ein Jahrhundertprojekt. Seit dem Sommer 2020 ist vom alten Hasankeyf nur noch wenig zu sehen. Der historische Ort, 12.000 Jahre von Menschen geprägt, einst eine Station der Seidenstraße, ist in den Fluten eines neuen Stausees versunken, dessen Fläche etwa zwei Drittel des Bodensees entspricht.

Der Bau des Ilısu-Staudamms soll die Entwicklung des abgelegenen Ostens von Anatolien vorantreiben, als Teil eines großen Programms mit weiteren Stauseen und Kraftwerken – aus Sicht vieler Kritiker auch eine Machtdemonstration der türkischen Regierung in einer Region, die vorrangig von Kurden besiedelt wird. Jedenfalls ist die Regierung in Ankara bereit, für diesen Plan Täler mit Hunderten Dörfern verschwinden zu lassen. Doch keine Veränderung in der Region sorgt seit fast zwei Jahrzehnten für so viele Schlagzeilen wie der Untergang von Hasankeyf.

Jahrelang bangte die Welt um die Zukunft des Ortes. Historiker und Archäologen warnten vor der Zerstörung eines riesigen Ausgrabungsgebietes. Deutschland, die Schweiz und Österreich stoppten deshalb bereits 2009 ihre Bürgschaften für den Bau des Projekts. Kurdische Aktivisten kämpften jahrelang gegen die damit verbundenen Umsiedlungspläne. Und auch in der türkischen Mehrheitsgesellschaft gab es Kritik. 2009 forderte der populäre Popsänger Tarkan im SPIEGEL-Interview vor dem Bau des Damms: »Hört auf mit dem Wahnsinn!«

Geholfen hat all das wenig.

Eine der Familien, die ins neue Hasankeyf umgesiedelt wurden, vor ihrem Haus

Eine der Familien, die ins neue Hasankeyf umgesiedelt wurden, vor ihrem Haus

Foto: Bruno Zanzottera / Parallelozero

Der italienische Fotograf Bruno Zanzottera begleitet seit Jahren den Wandel in der Türkei. Als er 2015 erstmals nach Hasankeyf kam, erzählt er, habe er noch nicht gewusst, was genau er hier erlebe: ein Beispiel für das Erwachen der Zivilgesellschaft? Oder doch eher eine Machtdemonstration des Staates? Zanzottera beschloss, die Veränderung des Gebietes zu dokumentieren. Heute zeigen seine Fotos sechs von 12.000 Jahren in der Geschichte von Hasankeyf. Ein winziger Ausschnitt – und vermutlich dennoch ein entscheidender.

Als der Fotograf im vergangenen August die Stadt vorerst ein letztes Mal besuchte, war der historische Ortskern bereits versunken. Als Ersatz hatte die Regierung den Bewohnern neue Häuser versprochen, doch nicht alle wurden entschädigt. Und: Das neue Hasankeyf soll ein Touristenmagnet werden. Auf dem neu entstandenen See schwimmen deshalb nun Boote, die wie Piratenschiffe aussehen.

Ruinen einer Moschee: Nur wenig ist vom alten Hasankeyf übrig geblieben. Auf der anderen Seite des Sees liegt die neugebaute Siedlung

Ruinen einer Moschee: Nur wenig ist vom alten Hasankeyf übrig geblieben. Auf der anderen Seite des Sees liegt die neugebaute Siedlung

Foto: Bruno Zanzottera / Parallelozero

Einige Überreste des alten Ortes – Säulen, Statuen, ja ganze Mausoleen – wurden in ein Freilichtmuseum überführt. Dieser »Hasankeyf New Cultural Park« hat auf Google Maps bislang 3,4 von fünf möglichen Sternen. Die wenigen Besucher, die ihn bewertet haben, scheinen wenig überzeugt. Als »Kulturfriedhof« bezeichnete einer das Museum. Ein anderer schrieb: »Sie haben den Ort in einen Betonhaufen verwandelt. Es lohnt sich nicht, hinzugehen.«

Auch im neuen Hasankeyf wirkt vieles noch steril, und auf den Bildern scheint es, als fremdelten die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer eigenen Zukunft. Nicht alle sind mitgekommen. Die neu geschaffene Stadt hat über Generationen gewachsene Dörfer in ein Raster aus Tausenden anonymen Häusern gepresst.

Viele Entwicklungen in der Türkei, sagt Bruno Zanzottera, ließen sich an Gebäuden nachvollziehen. An denen, die verschwinden, und natürlich an denen, die entstehen. Oft gehe es mehr darum, Denkmäler zu errichten, als den Menschen im Alltag zu helfen. Und: So selbstherrlich, wie die türkische Regierung in Hasankeyf über alle Bedenken hinweg gebaut habe, versuche sie auch, Gesellschaft und Wirtschaft zu dirigieren.

Einige Zeit schien das gutzugehen. Inzwischen steht die Türkei jedoch wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Die Inflation ist aktuell so hoch wie seit 20 Jahren nicht, die Energiepreise mussten erst kürzlich drastisch angehoben werden. Im ganzen Land kommen Bauprojekte nun zum Erliegen. Selbst langjährige Unterstützer wenden sich vom System Erdoğan ab.

Im neuen Hasankeyf herrscht derweil gespenstische Ruhe. Wasser plätschert leise gegen die Betonmauern, Besucher sind bislang nur wenige zu sehen. Ob es nach der Pandemie besser wird, scheint offen bis fraglich. Der Wasserstaudamm, der hier einst helfen sollte, die Entwicklung des Landes voranzutreiben, er wirkt heute wie eine Mahnung gegen die Bulldozer-Politik der vergangenen Jahre.

Sehen Sie hier, wie die Einheimischen den Untergang von Hasankeyf erlebten – und wie es in der Region heute aussieht:

Fotostrecke

Hasankeyf verschwindet

Foto: Bruno Zanzottera / Parallelozero

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.