Khashoggi-Verlobte prangert Saudi-Arabien an »Manchmal träume ich, Jamal sei noch am Leben«

Hatice Cengiz war mit Jamal Khashoggi verlobt, bis der saudi-arabische Regimekritiker ermordet wurde. Seitdem kämpft sie gegen Kronprinz Mohammed bin Salman. Und sagt, warum ihr ein Foto mit der deutschen Kanzlerin Hoffnung macht.
Hatice Cengiz vor einem Bild ihres ermordeten Lebensgefährten Jamal Khashoggi

Hatice Cengiz vor einem Bild ihres ermordeten Lebensgefährten Jamal Khashoggi

Foto: JIM WATSON/ AFP

Dieses Wochenende lädt Saudi-Arabien die wichtigsten Regierungschefs zum G20-Gipfel nach Riad ein, wenigstens virtuell. Für Kronprinz Mohammed bin Salman, 35, schien das Ereignis eine historische Gelegenheit zu bieten, der Welt sein neues, weltoffenes Königreich zu präsentieren – mit Auto fahrenden Frauen und ohne Religionspolizei, mit Musikfestivals, glamourösen Restaurants und Sportevents. Doch die Pandemie hat dem jungen Herrscher einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und nun machen auch noch Menschenrechtsgruppen Druck. Aktivisten sprechen dem künftigen Monarchen die Legitimität der Gastgeberschaft für den Gipfel ab, zuvorderst die Organisation DAWN.

Der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi hatte die Plattform kurz vor seiner Ermordung durch Agenten der saudischen Herrscherdynastie im Oktober 2018 gegründet. Inzwischen organisieren sich dort saudi-arabische Regimekritiker, die ganz unterschiedlichen Denkrichtungen nahestehen. Als DAWN-Repräsentantin führt Hatice Cengiz das politische Erbe ihres Verlobten fort.  

SPIEGEL: Frau Cengiz, Sie drängen die Regierungschefs, nicht am diesjährigen G20-Gipfel teilzunehmen – warum?

Cengiz: Der saudi-arabische Kronprinz soll wissen, dass er nicht einfach straflos davonkommt. Wenn aber die Staatschefs schon teilnehmen an diesem Gipfel, sollen sie doch wenigstens nicht so tun, als hätte dieser barbarische Mord im türkischen Konsulat vor zwei Jahren nicht stattgefunden. Sie müssen diese Tat ansprechen!

SPIEGEL: Für die Saudis ist der Fall abgeschlossen. Es gab ein Gerichtsverfahren und ein Urteil. Der älteste Sohn des Opfers, Salah, hat den Tätern angeblich verziehen.

Cengiz: Das Verfahren war eine juristische Farce. Man weiß nicht einmal, wer überhaupt verurteilt wurde. Natürlich möchte ich die Situation von Jamals Familie in Riad nicht schwieriger machen, als sie ohnehin ist. Ich bin mir jedoch sicher, dass seine Söhne gezwungen wurden, den Verurteilten zu verzeihen.

»Die Täter sollen ihren Preis bezahlen«

Hatice Cengiz

SPIEGEL: Sie selbst haben im Oktober in Washington, D.C. Klage gegen den saudischen Kronprinzen eingereicht und gegen dessen Vertrauten Saud al-Qahtani. Dieser soll den Mord am Telefon von Riad aus überwacht haben. Welche Beweise haben Sie gegen die beiden?

Cengiz: Die CIA hat kurz nach Jamals Tod ausreichend Beweise gesammelt, um zu dem Schluss zu kommen, dass der Kronprinz verantwortlich ist. Diesen Beweis werden wir in beiden Verfahren nutzen, im Strafgerichtsverfahren in Istanbul, das am kommenden Dienstag fortgeführt wird, und mit der Zivilklage in Washington. Welcher Beweis in welcher Verhandlung genau zum Tragen kommt, kann ich nicht sagen. Aber was ich sagen kann, ist, dass der Prinz nicht damit davonkommen wird, den Fall nach seinem Belieben zu schließen.

Abschlussfoto des G20-Gipfels in Osaka (Juni, 2019): »Die Kriminellen in der Mitte«

Abschlussfoto des G20-Gipfels in Osaka (Juni, 2019): »Die Kriminellen in der Mitte«

Foto: KIM KYUNG-HOON/ AFP

SPIEGEL: Was wollen Sie am Ende erreichen?

Cengiz: Dass die Täter ihren Preis bezahlen. Es muss geklärt werden, wer den Auftrag gab, Jamal zu töten. Der Täter sollte nicht straffrei ausgehen dürfen, egal wie hoch seine gesellschaftliche Stellung ist.

SPIEGEL: Beim G20-Treffen in Osaka im Juni 2019 plauderten US-Präsident Donald Trump und Kronprinz Mohammed bin Salman auf dem Abschlussfoto freundlich miteinander, alles schien in bester Ordnung. Wen interessiert der Fall Khashoggi noch?

Cengiz: Damals standen diese Kriminellen tatsächlich in der Mitte dieses Abschlussbildes zusammen, umringt von den anderen Regierungschefs. Das raubte mir vollkommen den Glauben an die Gerechtigkeit. Aber sehen Sie sich dieses Bild noch einmal an. Bundeskanzlerin Angela Merkel stand auf diesem Bild ganz außen, als distanziere sie sich gezielt von diesem Geschehnis. Das hat mir wieder Hoffnung gegeben.

»Ich spüre, Deutschland steht an meiner Seite.«

Hatice Cengiz

SPIEGEL: Sie sind gerade in Berlin, Sie sprechen mit Außenpolitikern und der Menschenrechtskommission des Bundestages, geben dieses Interview. Was erwarten Sie sich konkret?

Cengiz: Ich suche keinen Trost, sondern ein realistisches Gegenüber. Die Deutschen machen was.

SPIEGEL: Was machen sie denn?

Cengiz: Berlin hat die Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien ausgesetzt...

SPIEGEL: ... gemeinsam mit der Europäischen Union.

Cengiz: In Berlin ist man bereit, die Ungerechtigkeit, die Jamal geschehen ist, beim Namen zu nennen. Sie vertuschen das nicht. Ich spüre, Deutschland steht an meiner Seite. Ich glaube, das hat mit den Brüchen der deutschen Geschichte zu tun. In Berlin will man nicht, dass das, was sie hier an Rechtssicherheit haben, erneut gefährdet wird. Ich respektiere Angela Merkel sehr, als Frau und als Staatsführerin. Ich fühle ihre Menschlichkeit. 

SPIEGEL: Der Mord an Ihrem Verlobten hat sie auch der Hoffnung auf ein Familienleben beraubt. Wie geht es jetzt für Sie weiter?  

Cengiz: Ich war eine normale türkische Frau mit Plänen. Wir dachten, wir würden glücklich sein. Manchmal träume ich, Jamal ist noch am Leben, und dann wache ich auf und bin untröstlich. Auch nach zwei Jahren ist das, was Jamal angetan wurde, so unfassbar schrecklich. Mein Frieden, meine Sicherheit sind dahin, mir ist, als stürbe ich jeden Tag. Wenn mein Handeln jetzt zu Jamals Unsterblichkeit beiträgt, spendet mir das Trost.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.