Deutsch-namibisches Versöhnungsabkommen Herero-Chief kündigt Massenproteste bei Steinmeier-Besuch an

Frank-Walter Steinmeier will in Namibia um Vergebung für die Gräueltaten der deutschen Besatzer bitten. Opfervertreter kritisieren, dass dennoch keine direkten Entschädigungen gezahlt werden.
Vikuii Reinhard Rukoro bei einer offiziellen Veranstaltung im März 2019: »Ich werde Deutschland bloßstellen«

Vikuii Reinhard Rukoro bei einer offiziellen Veranstaltung im März 2019: »Ich werde Deutschland bloßstellen«

Foto: Christian Ender / Getty Images

Der traditionelle Herero-Chief Vikuii Reinhard Rukoro hat Massenproteste gegen den geplanten Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Windhoek angekündigt. Bei diesem will das deutsche Staatsoberhaupt offiziell um Vergebung für die deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia bitten. Sollte Steinmeier die Bitte um Entschuldigung im namibischen Parlament aussprechen, würden Oppositionspolitiker den Saal verlassen, sagte Rukoro der »Bild«-Zeitung vom Samstag. Zudem werde es vor dem Gebäude Massendemonstrationen der Herero und Nama geben.

»Ich werde Deutschland bloßstellen«, betonte Rukoro, der zu den führenden Kritikern des Versöhnungsabkommens zwischen Deutschland und Namibia zur Aufarbeitung der blutigen deutschen Kolonialgeschichte gehört. Er wolle Deutschland »der Peinlichkeit aussetzen, dass sie ein Abkommen geschlossen haben über den Genozid an Hereros und Namas, das ratifiziert wurde von einem Parlament, das aus Swapo-Leuten und Ovambos besteht, die nichts über den Genozid wissen«, führte Rukoro aus.

Opfervertreter kritisieren mangelnde Beteiligung

Das in der vergangenen Woche bekannt gewordene Versöhnungsabkommen, in dem Deutschland erstmals die Gräueltaten sogenannter deutscher Schutztruppen an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 als Völkermord anerkennt, hatte unter Opfergruppenvertretern in Namibia eine Welle der Kritik ausgelöst. Geplant ist, dass Steinmeier im Zuge des Versöhnungsprozesses nach Namibia reist und dort im Namen Deutschlands offiziell um Vergebung bittet. Ein Termin für den Besuch steht noch nicht fest. Das Abkommen muss vom namibischen Parlament noch ratifiziert werden.

Vertreter der Herero und Nama beklagen unter anderem eine mangelnde Beteiligung von Opfergruppenvertretern an den Verhandlungen zwischen Berlin und Windhoek. Auch kritisierten sie, dass Deutschland den Nachfahren der Opfer keine direkte Entschädigung zahlt.

Wiederaufbauhilfen statt Reparationszahlungen

In dem Versöhnungsabkommen sind deutsche Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro vorgesehen, die über einen Zeitraum von 30 Jahren ausgezahlt werden und vorrangig in soziale Projekte in den Siedlungsgebieten der Herero und Nama fließen sollen. Reparationen lehnt die Bundesregierung jedoch ausdrücklich ab. Sie vertritt den Standpunkt, dass sie rechtlich keine Verantwortung für den Völkermord übernehmen könne, weil die betreffende Uno-Völkermordkonvention erst 1948 beschlossen worden sei.

Namibias Vizepräsident Nangolo Mbumba hatte die deutschen Zahlungen am Freitag als zu gering kritisiert. Der Betrag von 1,1 Milliarden Euro, auf den sich die beiden Regierungen geeinigt haben, reiche nicht aus, sagte er anlässlich der offiziellen Vorstellung des Abkommens. Die ursprüngliche Summe der geforderten Entschädigungen werde damit nicht adäquat abgedeckt. »Ich glaube nicht, dass irgendein Namibier denkt, dass das Geld genug ist, um all das zu kompensieren, was passiert ist.« Es seien aber historische Entscheidungen, die hätten getroffen werden müssen. Wenn man mehr Geld von Deutschland hätte bekommen können, hätte man es getan.

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Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

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Namibia – damals Deutsch-Südwestafrika – war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie. Aufstände der Herero und Nama wurden von den deutschen Kolonialtruppen brutal niedergeschlagen. Später ordnete der damalige deutsche Gouverneur Lothar von Trotha die planmäßige Vernichtung der beiden Volksgruppen an. Historiker sprechen vom ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

hpp/AFP/Reuters
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