Hunderte Millionen Menschen betroffen Hilfsorganisation prangert weltweites Systemversagen bei humanitären Krisen an

Hunger, Krieg, Verfolgung: Im kommenden Jahr wird die Zahl der Menschen, die von humanitären Krisen bedroht sind, auf ein Rekordniveau steigen. Davon geht das International Rescue Committee aus.
Menschen in Afghanistan mit Lebensmitteln aus dem Ausland: Angewiesen auf Hilfe

Menschen in Afghanistan mit Lebensmitteln aus dem Ausland: Angewiesen auf Hilfe

Foto: STRINGER / EPA

274 Millionen Menschen werden 2022 auf humanitäre Hilfe angewiesen sein – 39 Millionen mehr als in diesem Jahr. Davon geht die Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) aus. Sie veröffentlicht jährlich ihre »Emergency Watchlist«, einen Überblick zu den 20 schlimmsten humanitären Krisen weltweit.

Besonders düster sieht es demnach für Menschen in Afghanistan aus. Das Land steht auf Platz eins der Liste, vor Äthiopien, dem Jemen, Nigeria und Südsudan. Auch in der Demokratischen Republik Kongo, Myanmar, Somalia, Syrien und dem Sudan habe es in den vergangenen zehn Jahren nahezu ununterbrochen Konflikte gegeben, schreibt das IRC.

In Afghanistan beispielsweise seien fast 60 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen, nahezu alle Menschen dort (97 Prozent) seien armutsgefährdet. Kaum jemand habe genug Geld, um die stark gestiegenen Preise für Dinge des täglichen Bedarfs – etwa Lebensmittel oder Medikamente – zu bezahlen. Laut den Vereinten Nationen sind allein in Afghanistan mehr als drei Millionen Kinder von Hunger und Unterernährung bedroht.

Top 10

Ohne Rangfolge

Afghanistan

Burkina Faso

Äthiopien

Kamerun

Jemen

Zentralafrikanische Republik

Nigeria

Haiti

Südsudan

Honduras

Demokratische Republik Kongo

Libanon

Myanmar

Mali

Somalia

Mosambik

Syrien

Niger

Sudan

Venezuela

Quelle: International Rescue Committee

Insgesamt finden sich 20 Länder in der Übersicht. In ihnen leben laut IRC 89 Prozent der Menschen, die sich weltweit in humanitärer Not befinden. Allein rund 100 Millionen Menschen seien von »schwerer Ernährungsunsicherheit« betroffen.

»Die Krisen in diesen Ländern sind mehr als unglückliche Ereignisse«, sagt David Miliband, IRC-Präsident und früherer britischer Außenminister. Es handle sich um »das Versagen eines internationalen Systems, das eigentlich Frieden, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit gewährleisten soll«. Die Zahl der Menschen in humanitärer Notlage sei auf Rekordniveau.

Um die Ursachen humanitärer Krisen zu bekämpfen, fordert das IRC unter anderem, das Vetorecht im Uno-Sicherheitsrat auszusetzen, um Blockaden zu verhindern. Zudem solle eine universelle Gerichtsbarkeit eingesetzt werden, um Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht strafrechtlich ahnden zu können.

Die »Emergency Watchlist« soll für die Weltgemeinschaft eine Art Frühwarnsystem sein. Die Organisation lässt Dutzende Faktoren in ihre Länderbewertungen einfließen, darunter die Rechte von Frauen sowie Berichte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort. Das erlaube einen belastbaren Ausblick auf die größten Krisenherde für das kommende Jahr.

ulz