Extreme Hitze in Indien »Als würde die Straße in Flammen stehen«

Tagsüber schuftet sie bei mehr als 40 Grad auf einer Baustelle, nachts können sie und ihre Familie wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kaum schlafen: Hier berichtet eine Inderin von ihrem Alltag in der extremen Hitzewelle.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr und Murali Krishnan, Neu-Delhi
Eine Frau schützt sich vor der Hitze in Allahabad, Indien

Eine Frau schützt sich vor der Hitze in Allahabad, Indien

Foto: Sanjay Kanojia / AFP
Globale Gesellschaft

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Sarla Devi ist 38 Jahre alt, sie hat drei Töchter, zwölf, acht und sechs. Mit ihrem Mann und den Kindern lebt sie in einer Hütte mit zwei Zimmern in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Die Familie verdient ihr Geld auf und an den Straßen der Multimillionenstadt: Devis Mann ist Gemüseverkäufer, sie selbst Bauarbeiterin. Was bedeutet, dass die Eheleute dies ganz besonders abbekommen: die Hitze, die das Land derzeit im Griff hält.

43 Grad und mehr sind es bereits seit Wochen, nachts häufig über 30. Hohe Temperaturen sind zwar nichts Außergewöhnliches in Indien, aber die Hitze kam viel zu früh in diesem Jahr, dazu hat es viel zu wenig geregnet. Ernten sind akut bedroht und damit die Nahrungsmittelversorgung der Menschen. Die Gesundheit der Bevölkerung leidet. Gerade in den Städten – wo sich die Beton- und gepflasterten Flächen auch nachts kaum abkühlen.

Ein Mädchen verkauft Wasser in Neu-Delhi

Ein Mädchen verkauft Wasser in Neu-Delhi

Foto: Anushree Fadnavis / REUTERS

Die Hitze könnte Tausende in Indien das Leben kosten und noch mehr Menschen den Lebensunterhalt. Meteorologinnen gehen davon aus, dass die extremen Temperaturen mit dem Klimawandel zu tun haben – und sich in den kommenden Jahren wiederholen könnten.

Hier berichtet Straßenarbeiterin Sarla Devi, wie die Hitze ihr Leben beeinflusst:

Sarla Devi bei der Arbeit

Sarla Devi bei der Arbeit

Foto: privat

»Manchmal fühlt es sich bei der Arbeit auf der Baustelle an, als würde die Straße in Flammen stehen. Ich muss ständig zusehen, dass ich etwas trinke. Einige meiner Kolleginnen haben bereits Hitzekrämpfe erlitten, sind zusammengebrochen, dehydriert, sie verlieren zu viele Elektrolyte durchs Schwitzen. Ich nehme deshalb jeden Tag ein paar Zitronen mit auf die Baustelle, die presse ich aus uns mische den Saft mit Wasser, das erfrischt ein wenig.

Meine Tage sehen derzeit so aus: Ich stehe sehr früh auf, räume das Haus auf, mache die Kinder fertig, damit sie zur Schule können. Dann gehe ich zur Baustelle. In der Hitze, die uns gerade umgibt, komme ich dort schon müde und schlapp an. Jede Bewegung auf dem heißen Teer ist im Moment eine Überwindung. Schon am Morgen ist es bereits heiß, später kommt noch die unerbittliche Mittagshitze dazu. Aber ich habe keine andere Wahl, muss mich durch den Alltag quälen.

Meine Arbeit auf der Baustelle besteht vor allem daraus, Metallboxen hin- und herzutragen. Die Arme tun nach ein paar Stunden weh. Jeden Tag. Da gewöhnt man sich nicht dran. Das einzige, was ich mit der Zeit gelernt habe, ist die Schmerzen zu verdrängen. Das hilft mir jetzt auch in der Hitze. Das Leben in dieser Stadt ist eben eine einzige große Anstrengung.

Ich arbeite, solange mein Körper durchhält. Ich bin immer davon ausgegangen, dass mein Körper gesund ist und belastbar. Aber wie lange das unter den jetzigen Bedingungen so bleibt – ich bin mir nicht sicher. Früher, vielleicht vor zehn Jahren, ging mir die körperliche Arbeit noch leichter von der Hand. Wenn ich jetzt, mit Ende dreißig, abends nach Hause komme, bin ich müde wie ein Hund.

Mein Mann und ich haben niemanden, der uns unterstützt. Meine Eltern können nicht auf die Kinder aufpassen, deshalb lastet alles auf meinen Schultern. Job, Kinder, Haushalt.

Straßenarbeiter in Mumbai, Indien: Körperliche Schwerstarbeit in der Hitze

Straßenarbeiter in Mumbai, Indien: Körperliche Schwerstarbeit in der Hitze

Foto: Satish Bate / Hindustan Times / Getty Images

Und in unserer Hütte ist es so heiß. Selbst nachts kühlt es überhaupt nicht mehr ab.

Bei Hitze schläft man schlecht, besonders meine jüngste Tochter Meena leidet darunter, sie ist erst sechs Jahre alt. Meistens weint sie deshalb vor dem Einschlafen. Es gibt ja nirgends Schutz für uns vor diesen unaushaltbaren Temperaturen. Und nachts fühlt man zusätzlich die Luftfeuchtigkeit, die sich auf alles legt wie ein Schleier.

Auch ich bekomme kaum Schlaf im Moment, höchstens vier bis fünf Stunden, und auch nur, weil ich irgendwann einfach vor Erschöpfung wegdämmere. Wir stehen jeden Morgen erschöpft auf. Manchmal tragen mein Mann Sunil und ich unser hölzernes Bettgestell nach draußen. Dort weht ab und an ein wenig Wind.

Klimaanlagen sind eine Sache der Reichen. Wir könnten uns das niemals leisten. Elektrizität beschränkt sich bei uns auf ein paar Lampen, unter denen meine Kinder lesen und ich kochen kann. Immer wieder fällt der Strom aus. Und der Tischventilator, den wir besitzen, ist so gut wie nutzlos.

Du fragst mich nach dem Klimawandel. Nun ja, ich weiß nicht so viel darüber. Was ich aber sicher weiß ist, dass es von Jahr zu Jahr heißer wird.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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