Hitzewelle auf Sizilien »Das ist kein positiver Rekord, sondern ein Problem«

Auf 48,8 Grad stieg das Thermometer diese Woche in Floridia auf Sizilien. Für den erst 24 Jahre alten Bürgermeister der Stadt ist die rekordverdächtige Temperatur vor allem eins: eine Warnung.
Ein Interview von Francesco Collini
Hitzewelle auf Sizilien: Wie hier in Catania zeigen die Thermometer derzeit Höchsttemperaturen

Hitzewelle auf Sizilien: Wie hier in Catania zeigen die Thermometer derzeit Höchsttemperaturen

Foto: Salvatore Cavalli / AP

Gegen 19 Uhr an diesem Donnerstagabend sitzt Marco Carianni noch in seinem Büro im Rathaus von Floridia. »Gestern war ich bis 22 Uhr abends hier«, erzählt der 24-jährige Bürgermeister der Kleinstadt mit etwa 22.000 Einwohnern in der Provinz Syrakus auf Sizilien. Es wundert nicht, dass Siziliens jüngster Bürgermeister zurzeit Überstunden macht, denn in Floridia soll sich vergangenen Mittwoch Historisches ereignet haben. Die Thermometer des sizilianischen Wetterdienstes »Servizio Informativo Agrometeorologico Siciliano« (SIAS) sollen im Stadtgebiet 48,8 Grad angezeigt haben. Bestätigt der nationale Wetterdienst die Zahl, wäre das die höchste jemals gemessene Temperatur in ganz Europa. »Kein positiver Rekord«, sagt der junge Bürgermeister im Telefoninterview. Den Wert sieht er eher als Warnung und als Anlass für dringende Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels.

SPIEGEL: Herr Carianni, wie haben Sie den Tag erlebt, an dem in Ihrer Gemeinde 48,8 Grad gemessen wurden?

Carianni: Ich war die ganze Zeit im Rathaus. Schon ab dem Vormittag war ich ständig mit der Stadtpolizei in Kontakt. Sie waren an den Orten, wo sich vor allem ältere Menschen und Kinder treffen, das sind bei uns vor allem die Plätze, aber die Stadt war komplett leer. Wegen der Hitze sind die meisten freiwillig zu Hause geblieben. Selbst die wenigen, die am Nachmittag ans Meer gefahren sind, mussten sofort wieder zurück, weil es sogar am Strand zu heiß war.

Zur Person
Foto: privat

Marco Carianni, 24, ist parteiloser Bürgermeister der Kleinstadt Floridia, im Südosten Siziliens. Bei der Stichwahl im Oktober 2020 gewann er mit etwa 5000 Stimmen die Kommunalwahl. Er ist der jüngste Bürgermeister Siziliens und gehört zu den jüngsten Italiens.

SPIEGEL: Was sagen die Seniorinnen und Senioren der Stadt über die Hitzewelle?

Carianni: So eine Hitze haben sie noch nie erlebt. Von allen Bevölkerungsgruppen bekommen sie die hohen Temperaturen am meisten zu spüren. Gefühlt hatte es ja bis 50, 51 Grad.

SPIEGEL: Die Hitzewelle trifft auch die anderen Gemeinden der Provinz. In Syrakus verteilte der Zivilschutz Wasserflaschen. In Lentini hat der Bürgermeister per Gemeindeverordnung verboten, zwischen 10 und 19 Uhr Hunde auf die Straße zu führen. Waren auch in Floridia Sondermaßnahmen notwendig?

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Carianni: Bisher glücklicherweise nicht. Die Menschen hier waren sehr vernünftig. Natürlich bleiben der Zivilschutz und der medizinische Wachdienst auf unserem Gemeindegebiet weiterhin im Dienst. Wir hatten auch viel Glück mit den Bränden. Wie Sie wissen, hat das Feuer weite Teile unserer Region zerstört, aber in Floridia wurden bisher keine Großbrände gemeldet, obwohl wir uns mitten in der Brandsaison befinden.

»Der italienische Staat hat noch nicht verstanden, wie wichtig lokale Akteure und Institutionen im Kampf gegen den Klimawandel sind.«

SPIEGEL: Durch den Hitzerekord wurde Floridia wie andere Orte der Welt zu einem Epizentrum der Klimakrise. Was soll aus diesem Rekord werden?

Carianni: Es ist kein positiver Rekord, und ich will nicht, dass man darüber scherzt. Es ist wirklich nicht zum Schmunzeln. Wir sind nicht tugendhaft gewesen und die Rekordtemperaturen belegen, dass wir ein Problem haben. Das müssen die Menschen und die Politik verstehen. Heutzutage muss der Umweltschutz die oberste Priorität auf jeglicher politischen Agenda haben, auf jeder politischen Ebene.

SPIEGEL: Sie spielen auf die verschiedenen Ebenen der Politik an: Beim Thema Umwelt richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vor allem auf groß angelegte nationale und internationale Maßnahmen. Welche Rolle spielt das Thema im Alltag eines Lokalpolitikers, wie Sie es sind?

Carianni: Es ist ein absolut wichtiges Thema. Der italienische Staat hat noch nicht verstanden, wie wichtig lokale Akteure und Institutionen im Kampf gegen den Klimawandel sind. Sie müssten sich viel häufiger mit uns beraten, weil wir die Probleme im Alltag viel besser kennen. Wenn man keine Verbindung zu den elementaren Bedürfnissen der Gemeinschaft hat, geht die Wahrnehmung der Realität verloren.

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SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Carianni: Wasser ist ein Riesenthema bei uns, wegen der Dürre und weil hier in der Region viel Landwirtschaft betrieben wird. Das Problem ist, dass die Hauptwasserleitungen hier in den Fünfzigerjahren gebaut wurden, für eine Bevölkerung von nur zehntausend Einwohnern. Sie wurden auch nie renoviert und inzwischen sieht das Wassernetz wie ein Nudelsieb aus. Es geht sehr viel Wasser verloren, aber man fängt erst jetzt an, konkret über Renovierungen zu reden, weil es um die Gelder des Recovery Fund geht.

SPIEGEL: Welche Prioritäten sehen Sie für Ihre Stadt im Hinblick auf den europäischen Corona-Hilfsfonds?

Carianni: Wir müssen bei der energetischen Effizienzsteigerung aller Gebäude ansetzen. Auch im öffentlichen Bereich und bei den Einrichtungen der Wasserversorgung. Das hätte nicht nur gute Auswirkungen für die Umwelt, sondern auch für alle Mitbürger, die niedrigere Stromkosten hätten. Wir müssen an der Basis anfangen. Ein Beispiel: Unser Rathaus hat teilweise Fensterrahmen aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Da hätte natürlich viel früher etwas getan werden müssen, aber wir müssen eben bei solchen Problemen beginnen.

SPIEGEL: Was muss die nationale Politik leisten, damit die Veränderungen auch auf lokaler Ebene ankommen?

Carianni: Ein wichtiger Schub kommt gerade durch den »Ecobonus«, das sind Steuerabzüge für umweltfreundliche Projekte. Steuerliche Entlastungen sind die wichtigsten Instrumente, um lokale Gemeinschaften in Umweltfragen anzuspornen. Wir müssen aber auch die bürokratische Seite vereinfachen. Hier im Süden haben wir keine effiziente öffentliche Verwaltung, und wer in Umweltprojekte investieren will, tut das lieber woanders. Das gilt auch für öffentliche Projekte: In meiner Stadt gibt es keinen einzigen Fahrradweg. Wir haben vor Monaten ein Projekt vorgestellt, aber noch keine Antwort aus dem Ministerium erhalten. Die Menschen wollen schnelle Ergebnisse sehen, nicht erst nach vier, fünf Jahren am Ende der Amtszeit.

SPIEGEL: Herr Carianni, Sie wurden im Oktober 2020 zum Bürgermeister gewählt, da waren Sie noch 23. Das war etwa zu Beginn der zweiten Welle der Coronapandemie, jetzt müssen Sie mit einer klimatischen Notlage kämpfen …

Carianni: Ja, da kommt einiges zusammen … Am Anfang war ich tatsächlich etwas besorgt, weil wir wegen des Mangels an Stadtpolizisten nicht genug kontrollieren konnten, ob die Menschen sich an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie hielten. Dann haben wir aber mit Sensibilisierungskampagnen angefangen und die Menschen haben verstanden, dass es nicht um das Wohl des Einzelnen, sondern der ganzen Stadt ging. Bei der Hitzekrise muss ich sagen: Meine Mitbürger haben es einfach gut gemacht, weil sie daheimgeblieben sind.

SPIEGEL: Was nehmen Sie aus diesen ersten Monaten im Amt mit?

Carianni: Ich habe Geduld gelernt, gelernt still zu sein, obwohl ich manchmal schreien wollte. Aber aufgeben werde ich nie.

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