Hochwasserschutz Deutschland kann von Bangladesch lernen

Monsun, Wirbelstürme, Überschwemmungen: Bangladesch erlebt regelmäßig extremes Wetter und hat seinen Katastrophenschutz darauf eingestellt. Was Deutschland davon übernehmen könnte, erklärt der Klimatologe Saleemul Huq.
Ein Interview von Maria Stöhr
Zerstörte Häuser nach dem Hochwasser in Dernau an der Ahr

Zerstörte Häuser nach dem Hochwasser in Dernau an der Ahr

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Thomas Lohnes / Getty Images

Globale Gesellschaft

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DER SPIEGEL: Herr Huq, als vor zwei Wochen  eine Flut halbe Dörfer in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit sich riss, hieß es oft: Solche Bilder der Zerstörung kenne man sonst nur aus Ländern wie Bangladesch. Sie forschen mit Ihrem Institut seit Langem darüber, wie Menschen genau dort besser vor Extremwetter geschützt werden können. Und Sie sagen: Gerade von Bangladesch könne Deutschland viel über Katastrophenschutz lernen. Was denn?

Saleemul Huq: Was mich an der Katastrophe in Deutschland betroffen macht, ist die hohe Zahl an Toten. Menschen, die im Schlaf überrascht wurden, die keine Chance hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Natürlich, diese Schneisen der Zerstörung, die heftigen Regenfälle kennen wir in Bangladesch nur zu gut. Auch wir verlieren Häuser, Möbel, Ernten – aber unsere Mitmenschen verlieren wir nicht mehr. Bei uns sterben kaum mehr Menschen in den Fluten. Wir haben in den vergangenen ein bis zwei Jahrzehnten Schritt für Schritt Warnsysteme entwickelt, die uns schützen.

Saleemul Huq
Foto: ICCCAD

Saleemul Huq, Jahrgang 1952, ist Klimatologe und leitet das International Center for Climate Change and Development ICCCAD  in Dhaka, Bangladesch. Das Institut forscht, wie Menschen besser über den Klimawandel aufgeklärt werden, wie sie sich an die neuen Lebensbedingungen anpassen und sich vor Katastrophen schützen können. Huq war beruflich mehrfach auch in Deutschland, unter anderem in Bonn.

SPIEGEL: Wobei erst im vergangenen Jahr ein Drittel von Bangladesch unter Wasser stand und Hunderte Menschen starben.

Huq: Ja, es gibt leider immer noch Opfer. Aber vor ein paar Jahren noch hätte es bei diesem Ereignis Tausende Tote gegeben, nicht Hunderte. Auch vor ein paar Tagen sind wieder ein paar Menschen nach heftigen Regenfällen bei einem Erdrutsch zu Tode gekommen. Rohingya-Flüchtlinge, die dort in Zelten lebten. Sie hat die Warnung nicht erreicht. In den meisten Fällen ist es aber so: Die Menschen wissen rechtzeitig Bescheid – und zwar auch die Armen. Denn sie sind es bei uns meistens, die in gefährdeten Gebieten leben. Die wichtigste Lektion für Deutschland ist: Die Menschen müssen verstehen, dass sie in Gefahr sind.

SPIEGEL: Wie vermitteln Sie in Bangladesch das nötige Wissen?

Huq: Ein zentraler Punkt sind die Schulen. Mädchen und Jungen lernen dort zu schwimmen. Und sie lernen, was bei einer drohenden Flut zu tun ist: Wem kann ich helfen? Welche Dinge muss ich tun? Für mich ist eine aufmerksame Bevölkerung das wichtigste Mittel in der Katastrophe. Mit der Zeit hat die Gesellschaft so gelernt, dass jeder Bewohner und jede Bewohnerin in Gefahrengebieten ein wasserdichtes Notfallpaket am Eingang liegen haben muss, mit den wichtigsten Dokumenten. Schülerinnen und Schüler werden, wenn etwa ein Zyklon droht, von den Lehrern nach Hause geschickt zu ihren Familien, um diese zu warnen und zur Evakuierung zu drängen.

SPIEGEL: Ist das nicht absolut verantwortungslos – die Kinder direkt in die Gefahrenzonen zu schicken?

Huq: Die Schulen schicken die Kinder früh genug los, ein, zwei Tage bevor der Sturm kommt. Zyklone kann man auf Satellitenbildern gut sehen und berechnen, wann sie wo auftreffen werden. So ist genügend Zeit, dass sich alle – Kinder und gewarnte Familien – in Sicherheit bringen können. Es gibt feste, allen bekannte Schutzhallen. Der Vorteil ist, dass die Kinder und Helfer die Menschen noch warnen können, selbst wenn der Strom schon weg ist oder es keinen Handyempfang gibt. Es ist eine sehr sichere Warnkette. Alle wissen: Wenn Kinder von den Schulen losgeschickt werden, ist die Lage ernst zu nehmen. Bei Fluten und Hochwasser gehen eher NGOs und Helfer des Roten Kreuzes von Tür zu Tür, um Bewohner zu warnen.

SPIEGEL: Wie wird noch gewarnt?

Huq: Erst einmal gibt es die meteorologischen Daten der Satelliten. Diese bekommen Menschen über die Medien, über Handy und Warn-Apps mitgeteilt. Die Sprache, die verwendet wird, muss deutlich und klar sein: »Sie haben drei Tage, um Ihr Haus zu verlassen. Sie haben zwei Tage, einen Tag« und so weiter. Irgendwann hören die Leute diese ganz klare Anweisung: »Sie müssen jetzt gehen.« »Retten Sie Ihr Leben.« Die Regierung schickt diese Warnungen per SMS allen Menschen aufs Handy, die in einem bestimmten Mobilfunknetz eingeloggt sind; sie erreicht also auch jene, die keine entsprechende Warn-App oder Internetzugang haben. Ein Teil der Warnungen ist grundlegend und ein Teil spezifisch auf den Ort zugeschnitten: »In Ihrem Gebiet wird die Flut gegen soundso viel Uhr ankommen. Der Pegel wird soundso viel Meter hoch sein. Gehen Sie an einen erhöhten Ort.« Viele Menschen haben aber auch entsprechende Apps, mit denen sie Wirbelstürme über Satellitenbilder verfolgen und erfahren, wann sie raus sein müssen aus ihren Wohnungen.

Die Menschen in Bangladesch, wie hier in Dhaka, sind Wasser und heftige Regenfälle gewöhnt: Durch die Klimakrise häufen sich aber die Extremwetterlagen

Die Menschen in Bangladesch, wie hier in Dhaka, sind Wasser und heftige Regenfälle gewöhnt: Durch die Klimakrise häufen sich aber die Extremwetterlagen

Foto: MUNIR UZ ZAMAN / AFP

SPIEGEL: Es kostet Überwindung, sein Hab und Gut zurückzulassen. In Deutschland gab es zum Teil auch deutliche Warnungen, dennoch sind die wenigsten diesen gefolgt.

Huq: Entscheidend für den Erfolg eines Warnsystems ist es, dass es eine ganz deutliche Sprache benutzt. Und jedes Mal dieselbe. Damit Menschen verstehen: Es geht um mein Leben. Ich glaube, das ist in Deutschland nicht geschehen. Wir haben viel Aufklärung betrieben, wir haben uns auch die Einzelfälle angesehen: Warum hat diesen oder jenen Menschen die Warnung nicht rechtzeitig erreicht? So wurde unser Warnsystem immer engmaschiger und präziser in seiner Ansprache.

»Jedes Land ist durch die Klimakrise verletzlich geworden. Zerstörung, Verluste – es wird in Zukunft alle betreffen, und zwar überall.«

SPIEGEL: Die Menschen in Bangladesch sind – im Gegensatz zu den Menschen in Deutschland – eher an einen Katastrophenfall gewöhnt. Zyklone, Wirbelstürme, heftige Regenfälle gehören zum Alltag. Sie verfolgen vielleicht auch das Wetterradar aufmerksamer. Wie gut kann man die beiden Länder vergleichen?

Huq: Das stimmt so nicht. Die Menschen am Rhein wissen auch, dass sie in einem Überschwemmungsgebiet leben. Natürlich waren diese Sturzfluten diesmal anders als ein gewöhnliches Hochwasser, und es hat Orte etwa an der Ahr getroffen, die es vorher nicht so sehr getroffen hatte. Aber diese Menschen leben alle nah am Wasser. Deshalb ist meine Nachricht an die Menschen in Deutschland: Seid nicht mehr unvorbereitet. Rechnet wieder damit. Das Wasser wird wiederkommen. Jeder muss in Zukunft an jedem Ort vorbereitet sein. Nicht nur Bangladesch ist ein verletzliches Land. Jedes Land ist durch die Klimakrise verletzlich geworden. Zerstörung, Verluste, es wird in Zukunft alle betreffen, und zwar überall. Egal ob reich oder arm.

SPIEGEL: Wie macht sich die Klimakrise in Ihrem Land bemerkbar?

Huq: In unserem Center bemerken wir, dass Regenzeiten schwerer vorhersehbar sind und es häufiger Starkregen gibt. Die Menschen in Bangladesch können mit Überschwemmungen leben, sie kennen den Monsun. Sie leben seit Generationen ganz pragmatisch mit dem Wasser. Aber die Häufung der Regenfälle und Stürme nimmt vielen die Lebensgrundlage und auf Dauer die Wohnungen. Katastrophenschutz schafft man nur, wenn die ganze Gesellschaft an einem Strang zieht. Die Regierung, die Organisationen und Wissenschaftler, die normalen Menschen.

Ende Juli wurde dieses Flüchtlingscamp von Rohingya vom Monsunregen geflutet: Die Menschen retteten sich in höher gelegene Bereiche

Ende Juli wurde dieses Flüchtlingscamp von Rohingya vom Monsunregen geflutet: Die Menschen retteten sich in höher gelegene Bereiche

Foto: TANBIR MIRAJ / AFP

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Huq: Ich lebe im wohlhabenden Teil meiner Stadt. Die Slums liegen näher am Fluss. Während der starken Regenfälle stehen die Slums unter Wasser. Also retten sich die Menschen weiter nach oben, zu unseren Häusern. Wir geben ihnen eine warme Mahlzeit, lassen sie ihre Zelte vor unseren Häusern und Gärten aufstellen. Sie nutzen unsere Bäder mit, solange ihre Häuser unter Wasser stehen. Die Menschen helfen sich gegenseitig, sie kümmern sich umeinander in Zeiten der Not.

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SPIEGEL: Das klingt fast zu romantisch.

Huq: Ich gebe zu, nicht alle Wohlhabenden machen es so; nicht allen Bedürftigen wird die Hand gereicht. Aber – glauben Sie mir – doch vielen. Alle wissen, dieses Aufeinander-Achtgeben ist ein sehr wichtiger Aspekt für die Widerstandsfähigkeit einer Gemeinschaft und eines Landes. Es ist auch ungemein wichtig, damit Menschen die Traumata und Verluste verarbeiten können – damit sie die Kraft haben, nach der Flut neu anzufangen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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