Geringe Fallzahlen und leere Krankenhäuser trotz niedriger Impfquote Das afrikanische Corona-Wunder

Neue Studien zeigen, dass sich in Teilen Afrikas die Mehrheit der Bevölkerung bereits mit dem Coronavirus infiziert hat. Trotz weniger Impfungen blieb die große Katastrophe aus – zumindest bislang.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Neueste Studien zeigen: Im Slum Kibera haben sich mehr als zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner mit Corona infiziert

Neueste Studien zeigen: Im Slum Kibera haben sich mehr als zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner mit Corona infiziert

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL
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Es ist alles bereit. Die Einmalhandschuhe liegen auf einem kleinen Metallwagen, die Sauerstoffmasken hängen samt Schläuchen von der Decke. Auf dem Boden zieht sich eine doppelte Linie den Flur entlang. Grüne Seite: sicher. Rote Seite: Infektionsbereich, nur mit kompletter Schutzausrüstung zu betreten. Doch niemand muss hier in einen Ganzkörperanzug schlüpfen. Denn es gibt keine Patientinnen und Patienten. Hier im M.P.-Shah-Krankenhaus in Kenias Hauptstadt Nairobi konnten sie vor Kurzem die gesamte Covidstation dichtmachen.

»Seit drei Wochen mussten wir nicht einen einzigen Patienten aufnehmen. So ruhig war es noch nie seit Beginn der Pandemie«, erzählt die Leiterin der Infektionsabteilung Shamsa Ahmed. Noch vor vier Monaten sah es ganz anders aus: Die Deltavariante wütete in Kenia, im M.P. Shah waren drei Etagen mit Covidpatienten gefüllt. »Wir waren die ganze Zeit am Telefon und haben versucht, in anderen Krankenhäusern Plätze zu organisieren. Es warteten zehn Patientinnen und Patienten auf ein freies Intensivbett«, erinnert sich Ahmed. Der Engpass kam mit Ansage: In ganz Nairobi gibt es gerade einmal 200 Intensivplätze – für mehr als vier Millionen Einwohner.

Seit drei Wochen nicht eine einzige Patientin, nicht ein einziger Patient: Die Covid-Station des M.P.-Shah-Krankenhauses in Nairobi

Seit drei Wochen nicht eine einzige Patientin, nicht ein einziger Patient: Die Covid-Station des M.P.-Shah-Krankenhauses in Nairobi

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Doch das Chaos in den Krankenhäusern scheint inzwischen kaum mehr als eine vage Erinnerung. Am Montag lag die Positivrate in Kenia bei 0,8 Prozent. Heißt: Weniger als jeder hundertste Coronatest erkannte eine Infektion. Zu Hochzeiten der Pandemie war noch etwa jeder vierte Test positiv. Vor Kurzem wurde die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben, die Bars und Klubs sind voll, die Menschen tanzen wieder ausgiebig. Dabei liegt die Impfquote in Kenia landesweit bei gerade einmal sechs Prozent. Ein Corona-Wunder?

Zu Beginn der Pandemie kursierten allerlei Schreckensszenarien für Afrika: Die Städte dicht besiedelt, die Gesundheitssysteme marode, Hygiene in den Slums eine Herausforderung. Expertinnen und Experten rechneten mit einer rasanten Ausbreitung des Virus und katastrophalen Todeszahlen, sprachen von einer tickenden Zeitbombe. Zumindest mit der rasanten Durchseuchung behielten sie wohl recht, auch wenn das bis vor Kurzem kaum jemandem auffiel. Denn die offiziellen Fallzahlen des kenianischen Gesundheitsministeriums lagen so niedrig, dass sie nicht einmal als Richtwert taugten. Vor allem in den Armenvierteln wurde kaum getestet.

Vor allem in den dicht besiedelten Vierteln liegt die Durchseuchung mit Corona laut neuer Studien sehr hoch

Vor allem in den dicht besiedelten Vierteln liegt die Durchseuchung mit Corona laut neuer Studien sehr hoch

Foto: Donwilson Odhiambo / SOPA / LightRocket / Getty Images

Neue Studien haben nun die sogenannte Durchseuchung in afrikanischen Ländern untersucht. Forscher haben anhand von Antikörpertests gemessen, wie viele Menschen seit Ausbruch der Pandemie an Corona erkrankt sind. Einer der Forscher, die dieser Frage nachgegangen sind, heißt Isaac Ngere. Er hat in Kenia in mehreren Phasen Tausende Einwohnerinnen und Einwohner getestet, unter anderem in Nairobis größtem Slum Kibera.

»Im Mai und Juni lag die Durchseuchung dort bei 66 Prozent. Das war vor der heftigen Delta-Welle. Ich bin mir sicher, dass die Werte in Nairobi inzwischen bei mehr als 70 Prozent liegen. Das ist schon fast Herdenimmunität«, sagt der kenianische Epidemiologe, der für die Washington State University arbeitet. Keine Einzelmeinung: Andere aktuelle Erhebungen gehen ebenso von einer Durchseuchung von mehr als 50 Prozent der Erwachsenen in Nairobi aus.

Doch Ngeres Studie sagt noch etwas anderes aus: »Die Fallsterblichkeit lag 20-mal niedriger als in anderen Ländern, zum Beispiel in Europa oder den USA. Das ist schon erstaunlich«, findet der kenianische Wissenschaftler.

Auch Raphael Juma hatte es erwischt, gleich zu Beginn der Pandemie. Der 32-Jährige lebt mit seinen zwei Kindern in einer kleinen Hütte in Kibera. Sein bester Kumpel klagte im vergangenen Jahr plötzlich über Kopfschmerzen, Fieber und Husten. Gemeinsam ließen sich die beiden zur Sicherheit testen, einen Tag später kam der Anruf: positiv. »Sie haben uns abgeholt und in ein Quarantänezentrum geschleppt, das war die Hölle«, erinnert er sich.

Raphael Juma hatte Covid und musste in eine Isolierstation: »Es war die Hölle«, sagt er

Raphael Juma hatte Covid und musste in eine Isolierstation: »Es war die Hölle«, sagt er

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Juma machte das Beste aus der Situation, er ging auf dem Gelände der Isolierstation zweimal täglich joggen, machte Kraftsport. Manchmal tanzte er mit den Pflegerinnen und Pflegern, auf Abstand. Die Videos dieser Szenen gingen viral, sie machten einem ganzen Land Hoffnung. Doch sie hatten noch einen anderen Effekt: »Viele Leute haben das gesehen und sich dann gedacht: Wir gehen auch ein bisschen joggen und tanzen, und dann kann uns Corona nichts anhaben. In Kibera nimmt das Virus keiner mehr ernst«, sagt Juma.

Tatsächlich ging in Kibera das Leben stets weiter, auch während der Rest des Landes im harten Lockdown war. Masken trägt so gut wie niemand, Social Distancing ist in einem der größten Slums Afrikas ohnehin nicht realistisch. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner leben als Tagelöhner, sie können nicht einfach zu Hause bleiben. Und sie sind jung, sehr jung. Die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner Kiberas ist unter 15. »Einige ältere sind während der Pandemie auf mysteriöse Weise gestorben. Aber die meisten hier haben nicht einmal gemerkt, dass sie Covid hatten«, glaubt Raphael Juma.

Registrieren für die Impfung: Eine Community-Klinik am Rande Kiberas

Registrieren für die Impfung: Eine Community-Klinik am Rande Kiberas

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Am Rande des Slums ist ein weißer Pavillon aufgebaut, darunter wartet eine Handvoll Menschen darauf, registriert zu werden, um direkt im Anschluss eine Coronaimpfung verabreicht zu bekommen. Joseph Achieng steht daneben, er schaut zufrieden. Immer mehr Menschen seien endlich bereit, sich impfen zu lassen, erzählt er. »Aber viele denken sich weiterhin: Wir sind jung und gesund, was soll uns Corona schon anhaben?«, sagt der ehrenamtliche Gesundheitshelfer.

Momentan gehen ihm langsam die Argumente dafür aus, dass sich die Menschen impfen lassen sollen. Denn im gesamten Monat Oktober hat die kleine Slum-Klinik, für die er arbeitet, nicht einen einzigen Coronafall verzeichnet. Im Juli waren es noch fünf bis acht – pro Tag. Schwere Fälle gab es selten, zum Glück. Die Zeitbombe explodierte nicht, zumindest nicht mit einem lauten Knall. »Dabei haben die Leute einfach ihr Leben weitergelebt. Es ist ein Wunder Gottes«, glaubt der Gesundheitshelfer.

»Es ist ein Wunder Gottes«, glaubt der Gesundheitshelfer Joseph Achieng

»Es ist ein Wunder Gottes«, glaubt der Gesundheitshelfer Joseph Achieng

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Der Wissenschaftler Isaac Ngere hat eher irdische Erklärungen parat. »Die hohe Durchseuchung ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum wir momentan so wenig Fälle sehen. Das Virus hat sich längst ausgebreitet«, sagt er. Doch wenn sich die Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner bereits infiziert hat, warum blieben Horrorszenen wie in Indien aus? Seit Monaten geht Ngere dieser Frage nach. Eine häufig genannte Erklärung ist das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung. Auch Wohlstandskrankheiten wie Diabetes und Übergewicht sind vergleichsweise selten, wenn auch auf dem Vormarsch.

Doch der Epidemiologe hat noch eine weitere These: »Vor allem in Zentral- und Ostafrika kursieren viele vergleichbare Viren, auch ähnliche Coronaviren. Die Einwohnerinnen und Einwohner sind ihnen viel häufiger ausgesetzt als beispielsweise in Europa. Daher gehen wir davon aus, dass viele eine Art Kreuz-Immunität entwickelt haben, die nun auch gegen Sars-Cov-2 schützt.« Sein Team untersucht derzeit, ob auch Malaria einen solchen Schutz gegen schwere Covid-Verläufe auslösen könnte, denn die gebildeten Antikörper seien sich sehr ähnlich.

Es bleibt ein großes Fragezeichen, das räumt auch Ngere in seinen Studien ein: Wie viele Menschen sind an Covid gestorben, ohne dass ihr Tod je in einer Statistik auftauchte? »Aus Angst vor den Folgen lässt sich hier niemand testen oder geht zum Arzt«, sagt auch Raphael Juma aus Kibera. Auf dem Land werden Angehörige teils schnell begraben, ohne dass die Todesursache ermittelt wird. Eine Übersterblichkeit wird in Kenia statistisch nicht erfasst. Das Corona-Wunder ist also mit Vorsicht zu genießen. Einige Studien gehen davon aus, dass die echten Todeszahlen in Afrika mindestens dreimal höher liegen als offiziell gemeldet. Doch selbst dann läge die Sterblichkeit noch unter der Westeuropas .

In zwei Dingen sind sich die Expertinnen und Experten weitgehend einig: Die hohe Durchseuchung ist eine gute Nachricht, verspricht sie doch einen gewissen Schutz. Und dennoch muss die Impfkampagne ungebremst weitergehen. »Wir wissen nicht, wie lange die natürlichen Antikörper anhalten. Also ist die Impfung der wirksamste Schutz, den wir haben«, meint Isaac Ngere. Auch an zwei Impfdosen führe kein Weg vorbei.

Denn während in Europa genesene Personen nur eine Dosis bekommen, ist das in vielen Ländern Afrikas kaum praktikabel, meint auch Richard Mihigo. Er leitet das afrikanische Impfprogramm der WHO. »Es ist für uns sehr schwierig, für jeden Einzelnen eine vorherige Infektion zu bestimmen, der Aufwand ist viel zu hoch«, sagt der Experte im Interview mit dem SPIEGEL. Flächendeckende Antikörpertests seien kaum sinnvoll, da zu teuer und nicht überall verfügbar.

Bis Mitte 2022 sollen 70 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sein. Wie das funktionieren soll, bleibt offen.

Bis Mitte 2022 sollen 70 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sein. Wie das funktionieren soll, bleibt offen.

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Also muss Afrika weiter auf Vakzinen hoffen. Bislang hat der Kontinent nicht einmal drei Prozent der weltweiten Impfdosen abbekommen. Trotzdem haben die G20-Staatschefs am Wochenende voller Zuversicht verkündet: Es bleibt dabei, bis Mitte 2022 sollen 70 Prozent der Menschen weltweit geimpft sein. Das dürfte nicht mehr als ein Lippenbekenntnis sein. Denn wie dieses Ziel angesichts des aktuellen Mangels an Impfdosen erreicht werden soll, darüber schwiegen sich die Regierungsoberhäupter aus.

»Wir haben schon in der Vergangenheit viele Versprechungen gehört«, sagt WHO-Impfexperte Richard Mihigo. »Wir brauchen jetzt konkrete Details, wie es weitergehen soll.« Immerhin habe es in den vergangenen Wochen Fortschritte gegeben, es kommen immer mehr Dosen in Afrika an. Aber um die gesteckten Ziele zu erreichen, müsste sich die Menge der Lieferungen verdreifachen.

Der Hersteller Biontech hat vor Kurzem öffentlich wirksam verkündet, eine Impfstofffabrik in Afrika eröffnen zu wollen – allerdings erst Mitte 2022. »Das ist ein riesiger Fortschritt für den Kontinent«, sagt Richard Mihigo. »Um das 70-Prozent-Impfziel zu erreichen, wird uns das allerdings nicht mehr helfen, wenn wir nicht weitere Maßnahmen ergreifen.«

Bereit für die nächste Welle: Stationsleiterin Shamsa Ahmed

Bereit für die nächste Welle: Stationsleiterin Shamsa Ahmed

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

So bleibt Afrika eine Art zynisches Live-Experiment: Hier können Wissenschaftler beobachten, wie sich das Virus weitgehend ungehemmt ausbreitet. Auch die WHO trägt gerade Daten zur Durchseuchung in Afrika zusammen. Nach SPIEGEL-Informationen geht die Organisation davon aus, dass mindestens 40 bis 50 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Subsahara-Afrikas bereits mit Corona infiziert waren. »Es gab offenbar viele asymptomatische Verläufe, das hat wohl zur niedrigen Sterblichkeit beigetragen«, sagt Richard Mihigo.

Im M.P.-Shah-Krankenhaus in Nairobi halten sie sich trotzdem lieber für eine neue Welle bereit. »Dieses Virus wird wiederkehren, soviel steht fest«, meint Stationsleiterin Shamsa Ahmed. Aber sie hofft darauf, die rote Linie auf dem Boden so schnell nicht wieder überqueren zu müssen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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