Festnahme von Jimmy Lai in Hongkong  Der Furchtlose

Jimmy Lai ist selbstbewusst, laut - und seit Jahren eine Hassfigur für Pekings Propaganda. Nun hat die Polizei den chinakritischen Verleger festgenommen. Ihm droht Haft, womöglich lebenslang.
Von Bernhard Zand, Peking
Seine Zukunft ist ungewiss: Jimmy Lai

Seine Zukunft ist ungewiss: Jimmy Lai

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AP/ DPA

Die chinesische Zensur machte sich gar nicht mehr die Mühe, die ersten internationalen Kommentare zu unterdrücken. Während sonst fast immer der Bildschirm schwarz wird, wenn westliche Nachrichtensender aus Hongkong berichten, ging diese Nachricht am Montagmorgen in China zunächst unzensiert über den Sender: Jimmy Lai festgenommen - Hongkongs prodemokratischer Medientycoon, ein "erbitterter Regierungskritiker", wie ihn die BBC zutreffend nannte. "Eisig" sei die Atmosphäre, die sich jetzt, fünf Wochen nach Verkündung des neuen Staatssicherheitsgesetzes, in der Stadt verbreite.

Um sieben Uhr früh hatte ihn die Polizei aus seinem Haus geholt, auch zwei seiner Söhne nahm sie fest. Zugleich wurden die Büros von "Next Media" durchsucht, Lais Verlagshaus, wo unter anderem "Apple Daily" produziert wird, die letzte Bastion der einst vielen offen chinakritischen Zeitungen in Hongkong.

Es ist der bisher massivste Angriff der Behörden auf Hongkongs Medien - und Jimmy Lai der prominenteste Vertreter des demokratischen Lagers, der wegen Verstoßes gegen das neue sogenannte Sicherheitsgesetz festgenommen wurde. Er wird der "geheimen Absprache mit ausländischen Mächten" verdächtigt. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm drei bis zehn Jahre, sollte sein Fall als "schwerwiegend" eingestuft werden, sogar lebenslange Freiheitsstrafe.

Jimmy Lai ist mehrfach festgenommen worden, für geringere Vergehen wie die Teilnahme an unerlaubten Demonstrationen. Bislang kam er stets auf Kaution wieder frei. Das ist unter dem neuen Staatssicherheitsgesetz nicht zu erwarten. Es ist sogar möglich, dass ihm nicht in Hongkong, sondern auf dem chinesischen Festland der Prozess gemacht wird. "Lai sieht höchstwahrscheinlich einer schweren Strafe entgegen", kündigte die Pekinger "Global Times" an.

Lai wusste seit Langem, dass er im Fadenkreuz der chinesischen Staatssicherheit stand. Keinen Hongkonger Aktivisten, keinen Oppositionspolitiker hat Pekings Propaganda so dämonisiert wie ihn. Einen "modernen Verräter" nannte ihn die Pekinger "Global Times" am Montag, und das ist noch eine der geringeren Schmähungen, die ihm seit Jahren nachgeworfen werden. Chinesischen Nationalisten gilt Lai als führender Kopf der "Viererbande", einer Gruppe von betagten Aktivisten , denen Peking vorwirft, Hongkongs Jugend gegen das Vaterland aufgewiegelt zu haben.

In Wahrheit verkörpert Lai, ein großgewachsener, auch im Alter athletischer Mann mit einer mächtigen Stimme, viele Eigenschaften, die gerade jungen Chinesen imponieren: Als 13-Jähriger vom Festland nach Hongkong geflohen, hat er es dort vom Kinderarbeiter zum Milliardär gebracht. Anfang der Achtzigerjahre gründete er den Textilkonzern "Giordano", den er in den Neunzigerjahren verkaufte - und das Geld fortan in den Aufbau einer großen Medienholding steckte.

Lai ist selbstbewusst, laut und poltrig wie die Schlagzeilen mancher seiner Zeitungen - das genaue Gegenteil der traditionell diskreten Hongkonger Tycoons. Politisch hat ihn vor allem die Niederschlagung des Tiananmen-Aufstandes von 1989 geprägt. An seiner Opposition gegen die Kommunistische Partei hat er seit damals nie einen Zweifel gelassen. China sei "das Böse", sagte er dem SPIEGEL  bei einem Treffen während des Hongkonger Protestsommers 2019, "ein Feind, wie ihn der Westen seit dem Untergang der Sowjetunion nicht mehr gesehen" habe.

Ihn beeindruckte der "Geist des Märtyrertums", mit dem sich radikale Protestierende damals der Polizei in den Weg stellten. Auch er rechne damit, eines Tages ins Gefängnis zu gehen und sei bereit, "Verantwortung zu übernehmen. Das ist unsere moralische Pflicht. Wir gehen bis zum Letzten, ob es nun Himmel oder Hölle ist".

Selbst unter Lais Freunden teilen nicht alle die Härte seiner Urteile. Doch so kompromisslos er politisch ist, so verbindlich ist Jimmy Lai im persönlichen Umgang. Gäste pflegte er bis vor Kurzem zu Hause zu empfangen, am liebsten zum Frühstück. Die Einrichtung seiner Bauhausvilla im Stadtteil Kowloon - traditionelles chinesisches Mobiliar und feine Tuschgemälde - ließ eher auf einen Gelehrten oder Kunsthändler schließen als auf einen furchtlosen Oppositionellen.

Doch furchtlos blieb Lai bis zuletzt. Als Peking Ende Mai beschloss, Hongkong das neue Staatssicherheitsgesetz aufzudrücken und mancher in der Stadt darüber nachdachte, seine Chatverläufe zu löschen, eröffnete Lai demonstrativ einen Twitteraccount. Seine letzten zehn Posts setzte er vor zwei Tagen ab. "Wer bedroht die Einheit einer Nation?", fragte er im Retweet einer "Apple Daily"-Story über einen chinesischen Aktivisten. "Ein mörderisches Regime unterdrückt anständige Menschen (und) sollte ausgewechselt werden, sonst wird es uns auswechseln."

Jimmy Lai hat seit Jahren gefährlich und unter feindseliger Beobachtung gelebt. Fast täglich standen zuletzt Gruppen pekingtreuer Demonstranten vor seinem Haus und beschimpften ihn. Manche verfolgten ihn im Auto, wenn er losfuhr; im vergangenen September warfen Unbekannte sogar einen Brandsatz über die Gartenmauer. Lai stellte sich am nächsten Morgen einen Feuerlöscher ins Wohnzimmer und zuckte die Achseln: "Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein."

Außer Verstößen gegen das neue Sicherheitsgesetz bereiten die Behörden offenbar auch eine Betrugsanklage gegen Lai vor - Peking scheint sichergehen zu wollen, dass Hongkongs Justiz ihn nicht noch einmal auf Kaution freilässt.

"Hongkongs Polizei hat nicht viel gegen dich tun können", kommentierte im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo ein User. "Das Sicherheitsgesetz kann."

Ein anderer schrieb: "Der Herbst hat begonnen."

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