Hongkongs Demokratie Zerrissen zwischen West und Ost

Pekings Griff nach Hongkong ruft den Westen auf den Plan. Sollen die USA und Europa Sanktionen verhängen? Darüber streiten sich auch die prodemokratischen Demonstranten.
Von Holmes Chan, Hongkong
Anhaltende Proteste in Hongkong

Anhaltende Proteste in Hongkong

Foto: TYRONE SIU/ REUTERS

Seit die Hongkonger Legislative am 28. Mai dem chinesischen Vorschlag zustimmte, ein nationales Sicherheitsgesetz zu erlassen, scheint Pekings Griff nach der ehemaligen Kronkolonie unabwendbar. Die USA und Großbritannien reagierten rasch und scharf, und auch viele Hongkonger sahen sich noch in der Nacht zum Handeln gezwungen: In den Geschäftsvierteln der Stadt stürmten sie zunächst einmal die Wechselstuben.

Der Betreiber eines solchen, mittelgroßen Unternehmens im Wan Chai-Distrikt sagte, ihm sei der Vorrat an US-Banknoten ausgegangen. "Insgesamt waren die von uns verkauften Scheine mehr als eine Million US-Dollar wert", so der Geschäftsmann. "Und das an nur einem Tag." Als US-Präsident Donald Trump am Folgetag ankündigte, Hongkong Handelsprivilegien entziehen zu wollen, befürchteten einige Hongkonger wohl das Schlimmste.

Alte Verbindungen zu Großbritannien auffrischen

Gut haben es die, die vor der Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China im Jahr 1997 geboren wurden. Sie haben noch Pässe, die unter der britischen Kolonialverwaltung ausgestellt worden waren. Als Reaktion auf den Schritt Pekings sagte der britische Außenminister Dominic Raab, für die Inhaber des sogenannten BN(O)-Passes könnte möglicherweise der "Weg zur künftigen Staatsbürgerschaft" geebnet werden.

Schon vor Raabs Ankündigung schienen viele Hongkonger mit den nötigen finanziellen Mitteln über Auswanderung nachzudenken. Frau Yung, eine Hausfrau mit zwei jugendlichen Kindern, sagte, sie wolle ihren BN(O)-Pass verlängern, um "eine Ausweichmöglichkeit zu haben". Sie stand mit Dutzenden anderen an einer Zweigstelle des Kurierdienstes DHL Schlange, um die entsprechenden Dokumente an die britische Einwanderungsbehörde zu schicken.

"Ich kann mit meiner Familie momentan gar nicht aus Hongkong wegziehen, und es ist auch nicht so, dass ich besonders gern im Vereinigten Königreich leben möchte", sagte sie. "Es hängt alles davon ab, wie schlimm die Dinge nach der Umsetzung des nationalen Sicherheitsgesetzes werden."

Die Proteste in Hongkong ziehen seit 2019 internationale Aufmerksamkeit auf sich. Für einige der Demonstranten scheint klar zu sein, dass sie nur mithilfe von Verbündeten im Westen gegen das chinesische Regime ankommen können. Fotos zeigen schwarz gekleidete Protestierende, die verschiedene Landesflaggen schwenken. Prominente Aktivisten wie Joshua Wong betrieben regelmäßig Lobbyarbeit im Ausland.

"Das Spielfeld aufmischen"

Nun schienen die USA und Großbritannien diesem Wunsch nach Unterstützung - zumindest teilweise - zu entsprechen. Doch was, wenn Hongkong jetzt noch härter zurückschlägt? Einige desillusionierte Demonstranten scheinen bereit, diesen Preis zu zahlen.

"Ich bin froh, dass die USA und Großbritannien endlich etwas unternehmen, obwohl ich denke, dass es bei Weitem nicht genug ist", sagte ein 21-jähriger Student, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Die Menschen in Hongkong haben vielleicht nicht genug wirtschaftlichen Einfluss, um China zum Nachdenken zu bewegen, aber die USA haben ihn. Damit Hongkong eine Zukunft hat, brauchen wir eine Kraft, die das Spielfeld aufmischt".

Andere zeigen sich zögerlicher, ausländische Sanktionen einzufordern. Jimmy Lai, Inhaber der prodemokratischen Zeitung "Apple Daily", forderte kürzlich in einem Beitrag für die "New York Times", die USA sollten den privilegierten wirtschaftlichen Status Hongkongs gerade nicht aussetzen, sondern weiter mit der Metropole Handel treiben.

Demokraten uneinig über Umgang mit Peking

Das Thema treibt einen Keil in die prodemokratische Bewegung. Vor allem jüngere Anhänger fordern jetzt oft schärfere Aktionen aus dem Westen, um der Kommunistischen Partei Chinas etwas entgegensetzen zu können. Andere fürchten, dass gerade das den Niedergang der Stadt beschleunigen würde.

Die Hongkonger Regierung unter der Führung von Carrie Lam gab nach Trumps Rede eine kämpferische Erklärung ab. Pekings Rolle werde "verleumdet und verteufelt".

"Wir glauben nicht, dass Sanktionen oder Handelsbeschränkungen gegen Hongkong gerechtfertigt sind. Sie werden zu einem Zusammenbruch der über Jahre hinweg aufgebauten, für beide Seiten vorteilhaften Beziehungen zwischen Hongkong und den USA führen und die lokalen und US-amerikanischen Unternehmen in Hongkong schädigen, ebenso wie die Menschen, die für sie arbeiten", sagte ein Regierungssprecher.

Lam und ihre Minister sind bemüht, die internationale Geschäftswelt der Stadt zu beruhigen. Tenor: Hongkong werde weiterhin seine Autonomie und Rechtsstaatlichkeit behalten - allerdings räumte sie ein, dass das Gesetz zur nationalen Sicherheit noch in Ausarbeitung sei und viele Details unklar seien. Trotzdem gaben die Leiter von fünf Hongkonger Universitäten am Montag Erklärungen ab, in denen sie sich für Peking aussprachen.

Loyalität und Rebellion - dazwischen schwanken die Hongkonger. Pekings Griff nach der ehemaligen Kronkolonie hat die Metropole zur Frontstadt zwischen den Blöcken, zwischen China und der westlichen Welt gemacht. Joshua Wong, einer der bekanntesten Führer der Demokraten, spricht von einem "neuen Berlin".

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