Pekings Geiseldiplomatie Der Fall der zwei Michaels

Seit zwei Jahren sitzen in China zwei Kanadier in Haft. Sie sollen Spione sein. In Wahrheit will die Volksrepublik aber wohl eine sehr prominente Chinesin freipressen, die in Vancouver unter Hausarrest steht.
Von Bernhard Zand, Hongkong
Demonstranten in Vancouver: Protest gegen die Inhaftierung von Michael Spavor und Michael Kovrig in China

Demonstranten in Vancouver: Protest gegen die Inhaftierung von Michael Spavor und Michael Kovrig in China

Foto: LINDSEY WASSON / REUTERS

In Peking sitzt seit zwei Jahren ein Kanadier namens Michael Kovrig in Haft, er ist fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Als ihn Diplomaten im Oktober per Video kontaktieren durften, war er überrascht zu hören, dass eine Pandemie die Welt ergriffen habe. Das haben die Diplomaten seiner Frau erzählt.

In der Stadt Dandong an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze ist ein zweiter Kanadier inhaftiert, Michael Spavor. Über sein Befinden weiß die Welt noch weniger als über das von Kovrig. Seine Angehörigen haben sich dagegen entschieden, mit der Presse zu sprechen.

Im kanadischen Vancouver steht unterdessen eine Chinesin namens Meng Wanzhou unter Hausarrest. Sie muss eine Fußfessel tragen, doch sie kann einkaufen gehen und Konzerte besuchen, auch an einem Malkurs hat sie teilgenommen. Landsleute demonstrieren für sie, wenn sie alle paar Wochen vor Gericht erscheint.

Huawei-Finanzchefin Meng Wanzhou: In Vancouver unter Hausarrest

Huawei-Finanzchefin Meng Wanzhou: In Vancouver unter Hausarrest

Foto: STRINGER/ REUTERS

Die Schicksale des früheren Diplomaten Kovrig, des Unternehmers Spavor und der Geschäftsfrau Meng hängen zusammen: Am 1. Dezember 2018 war Meng am Flughafen Vancouver festgenommen worden, von wo sie nach Mexiko weiterreisen wollte. Grund war ein Haftbefehl der US-Justiz: Ein Bundesgericht in New York wirft ihr vor, das Handelsembargo gegen Iran unterlaufen zu haben. Frau Meng ist die Finanzchefin des Netzwerkausrüsters Huawei und die Tochter von dessen Gründer Ren Zhengfei.

Zehn Tage nach Frau Meng, an diesem Donnerstag vor genau zwei Jahren, wurden in China die beiden Kanadier festgenommen. Kovrig war damals für die Denkfabrik International Crisis Group in Peking, Spavor betrieb eine Agentur, die Unternehmer-Reisen von China nach Nordkorea organisierte.

So offensichtlich dieser Zusammenhang für internationale und, hinter vorgehaltener Hand, auch für manche chinesische Beobachter ist – Peking bestreitet, die beiden Kanadier in Geiselhaft genommen zu haben, um Meng freizupressen.

Im Juni, 18 Monate nach der Festnahme, wurde Kovrig wegen Spionage und Spavor wegen Spionage und der Weitergabe von Staatsgeheimnissen angeklagt. Weitere Details oder Beweise gab Peking nicht bekannt. Spionage wird in China mit bis zu lebenslanger Haft bestraft. Sollte Meng an die USA ausgeliefert werden, drohen ihr bis zu 30 Jahre Haft.

Trudeau hat mit Biden über den komplizierten Fall gesprochen

Tatsächlich wird über den Fall der »beiden Michaels«, wie sie in Kanada genannt werden, wohl nicht die Justiz, sondern die Politik entscheiden. Eine Woche nach seinem Wahlsieg erhielt der designierte US-Präsident Joe Biden einen Anruf von Kanadas Premier Justin Trudeau. Er gratulierte Biden und sprach ihn auf das Schicksal der beiden Kanadier an. »Ich bin extrem zuversichtlich, dass die neue Regierung ein guter Partner für Kanada sein wird«, sagte er später. »Wir wollen China davon überzeugen, dass der Ansatz, den sie verfolgen, einfach nicht funktioniert.«

Ob es bereits auf Bidens Fürsprache zurückzuführen ist, ist unklar, doch einem Bericht des »Wall Street Journal« zufolge gibt es in dem Fall nun Bewegung. Anwälte von Meng Wanzhou haben offenbar Kontakt mit der US-Justiz aufgenommen. Im Gespräch sei eine »aufgeschobene Strafverfolgungsvereinbarung«, die Meng die Rückkehr nach China erlauben könnte – wenn sie »kooperativ« sei und eine Teilschuld eingestehe. Bislang verweigert Meng ein solches Teilgeständnis; sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Michael Kovrig und Michael Spavor stehen deshalb vermutlich noch viele Monate der Haft bevor. Im November wurde Kanadas Botschafter in Peking zum ersten Mal seit Januar erlaubt, die beiden Gefangenen in ihren Haftanstalten zu sprechen – nicht persönlich, sondern erneut nur über eine Videoverbindung. »Sie sind widerstandsfähig«, berichtete der Botschafter am Dienstag vor einem Parlamentsausschuss. »Sie wären sehr beeindruckt, wenn Sie die beiden sehen könnten.«

Mandela als Gefängnislektüre

Wie kanadische Medien berichten, dürfen die beiden Inhaftierten Briefe ihrer Angehörigen zwar lesen, aber nicht aufbewahren. Zu Beginn ihrer Haftzeit seien sie oft stundenlang verhört worden; das Licht in ihrer Zelle habe rund um die Uhr gebrannt. Inzwischen, so seine Frau, halte sich Kovrig mit Training fit und lese Bücher wie Nelson Mandelas »Der lange Weg zur Freiheit«.

Westliche Diplomaten verfolgen den Fall mit wachsender Sorge. Wäre Frau Meng nicht über Kanada, sondern ein anderes Land gereist, das ein Auslieferungsabkommen mit den USA unterhält, könnten heute dessen Bürger in chinesischer Haft sitzen. Und wer garantiert nach nunmehr zwei Jahren Haft für die beiden Michaels, dass Peking künftig nicht eine andere diplomatische Krise nutzt, um Ausländer festzunehmen, die sich China aufhalten?