Khalil Mohammed, 15 Jahre, wurde die linke Niere entfernt. Sie wurde verkauft. Mit dem Geld konnte die Familie ihre Schulden zurückzahlen.

Khalil Mohammed, 15 Jahre, wurde die linke Niere entfernt. Sie wurde verkauft. Mit dem Geld konnte die Familie ihre Schulden zurückzahlen.

Foto: Mads Nissen / Politiken / laif

Bilder aus Afghanistan »Ich habe die Niere meines Sohnes verkauft, um uns alle zu retten«

Afghanistan befindet sich nach der Taliban-Machtübernahme in einem katastrophalen Zustand. Es fehlt Essen, es fehlt Medizin. Und, sagt der Fotograf Mads Nissen, der vor Ort war: Es fehlt jegliche Hoffnung.
Von Mads Nissen (Fotos) und Maria Stöhr
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Solange wir die Umstände nicht kennen, fällt es leicht zu sagen, es sei ein Verbrechen, den Bauch eines Kindes aufzuschneiden und eine Niere herauszuholen, um sie für ein paar Tausend Euro auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

Was aber, wenn wir die Umstände kennen?

Der dänische Fotograf Mads Nissen ist im Januar für drei Wochen nach Afghanistan gereist. Er wollte wissen: Wie ist die Lage der Menschen, seit die Taliban zurück sind?

Er sagt, um zu beschreiben, was er sah, passe nur ein Wort: »schrecklich«.

Die Umstände sind diese: Die Menschen haben kein Essen, kein Geld, keine Medikamente, keine Arbeit. »Nichts deutet auf irgendeine realistische Verbesserung hin. Nirgends ist ein Strohhalm, sich festzuklammern. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels«, sagt Nissen.

Afghanistan befindet sich in einem humanitären Ausnahmezustand, seit die Taliban die Macht übernommen haben

Afghanistan befindet sich in einem humanitären Ausnahmezustand, seit die Taliban die Macht übernommen haben

Foto: Mads Nissen / Politiken / laif

In Afghanistan ist seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 die Wirtschaft eingebrochen, die neuen Herrschenden scheinen kein Mittel zu finden, um selbst gegenzusteuern. Internationale Geldgeber und Organisationen haben sich aus dem Land zurückgezogen. Auch weil es dieses Dilemma gibt: Man will den Taliban nicht helfen, ihr Regime nicht stützen, das Frauen unterdrückt, Menschenrechte missachtet. Andererseits trifft es zuallererst die Bevölkerung, wenn Hilfsgelder versiegen.

Kinder betteln im Januar 2022 um Nahrungsmittel oder Geld in Kabul

Kinder betteln im Januar 2022 um Nahrungsmittel oder Geld in Kabul

Foto: Mads Nissen / Politiken / laif

Die Welthungerhilfe warnt  vor einer »dramatischen Hungerkrise«, 95 Prozent der Bevölkerung Afghanistans könnten sich nicht mehr ausreichend ernähren. Ausgelöst durch Dürren und Konflikte im Land selbst, aber auch angefacht vom Krieg in der Ukraine, durch den Lebensmittel- und Saatpreise in vielen Ländern steigen werden. Bei einer internationalen Geberkonferenz am vergangenen Donnerstag bat die Uno für Afghanistan um eine Rekordsumme von knapp vier Milliarden Euro.

Mads Nissen, der zweimal mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet worden ist, einem der angesehensten Preise im Fotojournalismus, bereiste Herat, eine Stadt im Westen des Landes. Menschen kampierten dort im Zentrum, erzählt er, in Zelten bei Minusgraden. Sie haben ihre Dörfer und ihre Besitztümer zurückgelassen, weil sie hoffen, dass sie in der Stadt doch noch irgendwo Arbeit finden. Einer sagte dem Fotografen: »Wenigstens kann ich hier betteln gehen.«

Auf die Frage, wie die Menschen bei all dem Mangel überleben, sagt Nissen: »Tun sie oft nicht.« Und wenn doch, verursache die Mangelernährung weitreichende gesundheitliche Schäden bei den Afghaninnen und Afghanen.

Nissen traf die Familie von Gul Mohammed. Gul Mohammed hat seine Arbeit verloren, früher war er ein Bauarbeiter in Iran. Seit die Taliban zurück sind, kommt er nicht mehr über die Grenze, kann nichts verdienen. Er lebt mit seiner Frau und elf Kindern, sechs Mädchen, fünf Jungen, in Herat.

Er hatte von Nachbarn gehört: dass man eine Niere verkaufen könne, und ein paar Tausend Dollar dafür bekomme. Gul Mohammed ging zum Krankenhaus, bot seine Niere an. Doch man lehnte sein Organ ab, ebenso das seiner Frau. Aber vielleicht, hieß es von den Ärzten, habe er ein Kind, das eine Niere spenden könne?

Die Eltern erzählten dem Fotografen Nissen, dass sie weinten, dass sie sich schämten, aber letztlich entschieden, ihren ältesten Sohn Khalil zum Krankenhaus zu schicken. Sie sagten ihm nicht viel. Nur, dass er eine Untersuchung habe. Erst kurz vor der Operation sagte der Vater dem Jungen, was passieren würde: Die Ärzte würden seinen Bauch aufschneiden und Khalils linke Niere entnehmen.

»Ich habe die Niere meines Sohnes verkauft, um uns alle zu retten«, sagte Gul Mohammed dem Fotografen.

Die Niere sei, so habe das Krankenhaus jedenfalls dem Vater erzählt, an eine Familie in Kabul gegangen. Gul Mohammed erhielt 320.000 Afghani, ungefähr 3000 US-Dollar, mit denen er einen großen Berg Schulden zurückzahlen konnte. Vom Geld sei fast nichts mehr übrig.

Seit Khalil eine Narbe am Bauch trägt, habe er sich von einem aufgeweckten Fußball spielenden Jungen in ein stilles, teilnahmsloses Kind verwandelt, sagen seine Geschwister. Seit er die Narbe am Bauch trägt, seien viele andere Familien zu Gul Mohammed, dem Vater, gekommen, sie hätten sich erkundigt, wie das gegangen sei, mit der Niere und dem Geld.

Wie urteilen, wenn man die Umstände kennt?

Mads Nissen traf eine weitere Familie, in ähnlicher Situation. In ihrem Fall sollte nicht ein Organ, sondern eine Tochter verkauft werden. Nissen war in einem Krankenhaus von Unicef, in dem mangelernährte Kinder behandelt werden.

Die Bilder und die Geschichten, die er von seiner Recherche mitbrachte, sehen und lesen Sie in der Bilderstrecke.

Fotostrecke

Hunger in Afghanistan: »Meine Tochter zu verkaufen, ist mein Weg, beide Kinder zu retten«

Foto: Mads Nissen / Politiken / laif

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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