Krise in Afghanistan »Viele Mädchen und Jungen haben so viel Hunger, dass Lachen für sie zu anstrengend ist«

Afghanistan ist seit einem Jahr wieder Taliban-Diktatur, die Menschen dort haben kein Geld, keine Medizin und vor allem kein Essen. Hier berichtet die Lehrerin Fatima von ihren täglichen Besuchen bei den Straßenkindern von Kabul.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
In den Slums von Kabul leben Millionen im Elend, auch viele Kinder

In den Slums von Kabul leben Millionen im Elend, auch viele Kinder

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Christian Werner / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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»Seit einem Monat gehe ich nachmittags durch die Straßen von Kabul, um Essen an Kinder zu verteilen. Ich arbeite als Lehrerin an der Montessori-Schule ›Garden of Flowers‹. Früher war unsere Schule ein Internat für Waisenkinder, im Moment haben wir nur tagsüber geöffnet, sind so etwas wie Vorschule und Kindergarten in einem. Die Kinder werden bei uns mit Mittagessen versorgt; eines Tages beschloss ich, was davon übrigbleibt einzupacken. Und ging los.

Ich musste nicht lange suchen, um mangelernährte Kinder zu finden. Eigentlich bekommen sie alle nicht viel und vor allem nicht die richtige Ernährung. Den Hunger sehe ich ihnen an, und die Bedürftigkeit: Viele haben keine Schuhe oder kaputte Kleidung, sind dreckig.

Eine Mutter mit ihrem Kind bettelt im Januar 2022 im Schnee an einer Straße bei Kabul um Geld

Eine Mutter mit ihrem Kind bettelt im Januar 2022 im Schnee an einer Straße bei Kabul um Geld

Foto: Scott Peterson / Getty Images
In Afghanistan werden immer mehr hungernde, schwache Kinder in Krankenhäuser eingeliefert, so wie hier im Indira Gandhi Kinderkrankenhaus in Kabul

In Afghanistan werden immer mehr hungernde, schwache Kinder in Krankenhäuser eingeliefert, so wie hier im Indira Gandhi Kinderkrankenhaus in Kabul

Foto: Christian Werner / DER SPIEGEL

Vor einem Jahr  sind die Taliban zurückgekehrt. Viele Eltern haben seitdem ihre Jobs verloren. Das heißt, dass sie nicht mehr auf den Markt gehen und gute Lebensmittel einkaufen können. Nun kommt dazu, dass der Krieg in der Ukraine sich auf unsere Lebensmittelversorgung auswirkt. Ich kann nicht sagen, ob Essen dadurch bei uns im Land teurer geworden ist. Was ich weiß: Es ist weniger davon da. Zum Beispiel Weizen und Brot.

Außerdem sind viele krank und finden keine Hilfe bei Ärzten. Die medizinische Versorgung ist schlechter geworden in den vergangenen zwölf Monaten, aber sie war auch vorher nicht sehr gut.

Wenn ich also nun durch die Straßen gehe, sehe ich viele Kinder, die etwa sechs bis 13 Jahre alt sind. Viele sammeln Plastikflaschen und verdienen sich damit ein bisschen Geld. Mütter betteln mit ihren Babys am Straßenrand.

Ich gebe den Mädchen und Jungen kleine Pakete mit Essen, getrocknete und frische Früchte, Pflaumen, Mandeln. Je nachdem, was wir in unserem Depot zur Verfügung haben, verteile ich manchmal auch neue Schuhe oder Seife und motiviere die Kinder, sich zu waschen. Damit sie nicht krank werden. Oder ich gebe etwas Geld, 100 Afghani, das ist etwa ein Euro.

Inzwischen nehmen meine Kollegen und ich die Kinder auch manchmal mit in ein Restaurant, wo sie ein Mittagessen erhalten. Vor allem gegrilltes Fleisch, das ist wichtig. Denn ansonsten ernähren sich die Kinder fast nur von weißem Brot. Das Ganze finanziert mein Arbeitgeber, eine Organisation, die seit Jahren in Kabul hilft.

Diesen Kindern hat die Lehrerin Fatima Essen gebracht

Diesen Kindern hat die Lehrerin Fatima Essen gebracht

Foto: Medical Education and Peace Organization

Viele Nachbarn und Leute in den Straßen fragen mich: ›Warum gibst du das Geld und die ganzen Sachen den Kindern – und nicht ihren Eltern?‹

Ich sage dann, dass die Gaben nie oder nur zu einem kleinen Teil bei den Kindern ankämen, würde ich sie den Großfamilien überreichen. Das ist nicht böse gemeint gegen die Familien. Diese würden die Pakete an möglichst viele Münder verteilen. Ich aber bin überzeugt, dass wir im Moment den Kindern direkt und am meisten helfen müssen. Sie sind unsere Zukunft, ihre Körper müssen wachsen, ihr Gehirn sich entwickeln. Ich glaube fest daran, dass es einen Unterschied macht, wenn sie erfahren, dass man sie nicht vergessen hat.

Viele Mädchen und Jungen haben so viel Hunger, dass ihnen das Lachen zu anstrengend geworden ist. Ein Junge kommt jeden Tag zu mir, er sagt: ›Tante, gibst du mir zu essen?‹ Er heißt Jangal, aber er kann das ›J‹ noch nicht aussprechen, deshalb nennt er sich immer ›Fangal‹. Ihn mag ich besonders.

Inzwischen helfen auch Kolleginnen mit. Eine hatte anfangs Angst vor den Taliban, wenn sie als Frau arbeitend durch die Straßen zieht. Aber die Taliban schreiten nicht ein. Sie lassen uns unsere Arbeit tun. Wir haben keine Angst vor ihnen.

Du fragst, wie es weitergeht in Afghanistan. Ich weiß es nicht. Die Taliban senden widersprüchliche Nachrichten. Mal höre ich, dass sie Bildung auch für Mädchen wollen. Dann wiederum sehe ich, dass Mädchen und Frauen ausgeschlossen, zurückgedrängt werden. Was meine Heimat rettet, ist, wenn es wieder Arbeit gibt für alle. Mädchen und Jungen müssen zur Schule gehen. Durch Wissen wird gewaltvolles Denken und Handeln am besten ferngehalten.

Und dann: Das Beste für alle in einer Familie ist, wenn auch Frauen eigenständig Geld verdienen; und es verhindert Abhängigkeit und Ausgeliefertsein.

Den Straßenkindern in Kabul Nahrung zu bringen, ist meine kleine Tat, um mein Land zu retten. Am Anfang war ich überwältigt. Ich war allein, mit ein paar Packungen Essen, und um mich hundert Mädchen und Jungen. Alle schrien mich an: ›Gib mir auch was!‹

Meine Tage sind lang. Ich lebe mit meiner Mutter zusammen, sie ist alt und krank und wacht um vier Uhr morgens auf. Ich mache ihr einen Tee. Dann dusche ich, reinige die Wohnung. Um acht mache ich mich auf den Weg zur Schule. Wenn unsere Schülerinnen und Schüler ihr Mittagessen bekommen haben, warte ich noch die große Hitze ab, ehe ich gegen 16 Uhr losziehe durch Kabul, jedes Mal in ein etwas anderes Eck der Stadt. Inzwischen warten die Kleinen schon auf meine Kolleginnen und mich.

Wir laufen jeden Tag weite Strecken ab, viele Kilometer zu Fuß, am Anfang haben meine Füße ganz schön geschmerzt. Abends bin ich so müde. Ich dusche, gehe in mein Zimmer, und schon schlafe ich ein«.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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