Hungerkrise in Syrien "Brot? Kann sich kaum jemand mehr leisten"

Mehr als neun Millionen Syrer hungern. Der zuständige Programmkoordinator der Welthungerhilfe erklärt, warum Lebensmittel so teuer sind wie noch nie seit Beginn des internationalen Bürgerkrieges.
Ein Interview von Katrin Kuntz
Syrisches Mädchen bei einer Covid-19-Infoveranstaltung in einem Camp der Provinz Idlib

Syrisches Mädchen bei einer Covid-19-Infoveranstaltung in einem Camp der Provinz Idlib

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Aaref Watad/ AFP

SPIEGEL: Rund neun Jahre Krieg haben mehr als 13 Millionen Syrer gezwungen, ihr Land oder ihren Heimatort zu verlassen. Syrien leidet unter der Coronapandemie und unter einer Wirtschaftskrise. Jetzt hungern so viele Menschen wie nie zuvor. Was erwarten Sie von der internationalen Geberkonferenz für Syrien, die diesen Montag beginnt?

Foto: welthungerhilfe/ Welthungerhilfe

Halil Kurt, 42, ist Programmkoordinator für Syrien bei der Welthungerhilfe. Er arbeitet seit Mai 2017 für die Organisation von der Türkei aus. Kurt kennt die Situation der Geflüchteten auf der türkischen und syrischen Seite. Anlässlich der internationalen Geberkonferenz für Syrien warnt er vor einer Hungerkatastrophe im Land.

Kurt: Mehr als neun Millionen Syrerinnen und Syrer haben nicht genügend zu essen - allein in den letzten sechs Monaten kamen 1,4 Millionen Menschen hinzu. Das unmittelbare Überleben der Menschen muss jetzt gesichert werden. Es muss darüber entschieden werden, mit welchen nachhaltigen Strategien Vertriebene innerhalb des Landes geschützt werden können.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass immer mehr Menschen in Syrien hungern?

Kinder in einem Camp in der Provinz Idlib: Lieferketten sind abgebrochen

Kinder in einem Camp in der Provinz Idlib: Lieferketten sind abgebrochen

Foto: Osman Orsal/ REUTERS

Kurt: Die Hälfte der Bevölkerung wurde im Krieg vertrieben. Natürlich schafft Covid-19 große Probleme. Unzählige Jobs sind nun durch die Pandemie weggefallen, gerade für Menschen, die etwa tageweise als Erntehelfer gearbeitet haben. Durch die Pandemie sind Lieferketten abgebrochen. Das syrische Pfund verlor zuletzt derart an Wert, dass viele Bürger sich nicht einmal mehr Brot leisten konnten. Hinzu kommt die politische Instabilität.

SPIEGEL: Können Sie die aktuelle politische Lage erläutern?

Kurt: Syrien wird von unterschiedlichen Akteuren kontrolliert. In dieser Teilung liegt eine große Fragilität. Noch hält die Waffenruhe, die Russland und die Türkei im März 2020 für die Oppositionsgebiete in Idlib ausgehandelt haben. Wir wissen aber nicht, wie lange. Auch der neue "Caesar-Act" der USA verursacht für die Zivilbevölkerung eine Menge Probleme.

Helfer in einem Lager in Nordsyrien: Der Akt würgt die syrische Wirtschaft ab

Helfer in einem Lager in Nordsyrien: Der Akt würgt die syrische Wirtschaft ab

Foto: Khalil Ashawi/ REUTERS

SPIEGEL: Der "Caesar Syria Civilian Protection Act" ist an das Pseudonym eines syrischen Armeedeserteurs angelegt, der mehr als 50.000 Fotos aus den Folterkellern Assads ins Ausland geschmuggelt hat. Die USA wollen das syrische Regime und seine Klienten durch Strafmaßnahmen treffen. Sie sagen, dass stattdessen die Bevölkerung leidet?

Kurt: Personen und Institutionen des syrischen Regimes stehen längst unter Sanktionen. Unter dem "Caesar Act" sollen jene Menschen, die mit Syrien Geschäfte machen, unmittelbar mit Sanktionen belegt werden. Das betrifft Händler oder Firmeninhaber. Der Akt würgt die syrische Wirtschaft ab.

"Familien lassen Mahlzeiten ausfallen. Für Millionen Syrer sieht so das tägliche Leben aus."

Halil Kurt, Programmkoordinator für Syrien bei der Welthungerhilfe

SPIEGEL: Wie drückt sich die Not im Alltag der Menschen aus?

Kurt: Im syrischen Azaz nahe der türkischen Grenze habe ich etliche Menschen betteln sehen. Viele durchwühlen den Müll auf der Suche nach Essbarem. Familien lassen Mahlzeiten ausfallen. Für Millionen Syrer sieht so das tägliche Leben aus. Grundnahrungsmittel sind so teuer wie nie zuvor.

SPIEGEL: Was gilt, wenn man ein Brot kaufen möchte?

Kurt: Wer Geld hat, kommt zwar immer noch an Reis, Zucker, Öl und Brot, Dinge also, die wir hier zu Grundnahrungsmitteln zählen. Aber: Anfang Mai stieg der Brotpreis auf 203 syrische Pfund. Anfang Juni waren wir schon bei 294 syrischen Pfund. Das ist ein Anstieg von 31 Prozent innerhalb eines Monats. Reis wurde um 39 Prozent teurer. Der Zuckerpreis stieg sogar um rund 122 Prozent. Insgesamt sind die Preise für Nahrungsmittel innerhalb eines Jahres etwa um 200 Prozent gestiegen. Kaum jemand kann sich das mehr leisten.

SPIEGEL: In den Gebieten des Regimes kam es zu seltenen Demonstrationen gegen Baschar al-Assad. Wie deuten Sie das?

Kurt: Ja, es gab erstmals Proteste in der drusischen Stadt Suweida auf Regierungsseite, auch in Homs und Dara'a, weil die Menschen kein Geld mehr zum Überleben haben. In Oppositionsgebieten fanden wegen der extremen Inflation ebenfalls Demonstrationen statt, allerdings gegen die lokale Verwaltung. Wirtschaftlich ist das ganze Land betroffen.

Drohnenaufnahme von einem Flüchtlingslager in der Provinz Idlib: Das Gefühl, sie seien der Welt egal

Drohnenaufnahme von einem Flüchtlingslager in der Provinz Idlib: Das Gefühl, sie seien der Welt egal

Foto: Omar Haj Kadour/ AFP

SPIEGEL: Hat Damaskus auf die Proteste reagiert?

Kurt: Das Regime hat seinen Premierminister, Imad Khamis, entlassen. Das wird die Krise allerdings nicht lösen. Der "Caesar Act" wird die Wirtschaft vollständig zerstören. Dann kommt das Thema Auslandsüberweisungen hinzu. Syrer, die im Exil leben, hatten seit Jahren Geld an ihre Verwandten im Land geschickt ­- jährlich kamen mehrere Milliarden Dollar zusammen. Mit Covid-19 bricht auch dieser Wirtschaftszweig zusammen.

SPIEGEL: Wie trifft die Krise der Nachbarländer die syrische Wirtschaft?

Kurt: Die Wirtschaftskrise im Libanon führt dazu, dass das Regime das Land nicht mehr so effektiv wie zuvor als Vehikel nutzen kann, um die Sanktionen im eigenen Land zu umgehen. Auch der Handel an den Grenzen funktioniert seit Covid-19 nicht mehr. Russland und Iran, die Verbündeten des Regimes, kämpfen mit dem Fall der Ölpreise. Das Bruttoinlandsprodukt Syriens beträgt ein Drittel von jenem vor Ausbruch des Konflikts.

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SPIEGEL: Was bedeutet das für kommende Generationen?

Kurt: Kinderarbeit, frühe Heiraten, sexuelle Übergriffe - um nur einige Probleme zu nennen. Jungen sind in den Camps dem Risiko ausgesetzt, von diversen Gruppierungen rekrutiert zu werden. Wenn wir nicht handeln, werden diese Menschen das Gefühl haben, sie seien der Welt egal. Es wird dann sehr leicht werden, sie zu manipulieren.

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