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Karriere eines Despoten

Foto: Mohammed al-Law/ AP

Ägyptens Ex-Präsident Mubarak ist tot Der letzte Pharao

Hosni Mubarak regierte Ägypten drei Jahrzehnte lang mit harter Hand. Nach seinem Sturz musste er sich vor Gericht verantworten - und zeigte keine Reue. Nun ist er gestorben.
Ein Nachruf von Christoph Sydow

Das Bild, das von Hosni Mubarak in Erinnerung bleiben wird, ist das eines alten, gebrochenen, kranken Mannes. Ungläubig schauten die Ägypter ab 2011 jedes Mal aufs Neue auf die Bildschirme, wenn der gestürzte Diktator während des Prozesses gegen ihn und seine Söhne auf einem Krankenbett in den Gerichtssaal geschoben wurde.

Sollte dieser starrsinnige Greis, der sich in seinen kurzen Einlassungen vor Gericht ohne Einsicht zeigte, wirklich derselbe Despot sein, der das Land am Nil drei Jahrzehnte lang mit harter Hand regiert und sich selbst dabei hemmungslos bereichert hatte? Das Bild des alten Mannes auf der Trage war kaum in Einklang zu bringen mit dem Porträt des agilen Mittfünfzigers, das bis zu Mubaraks Sturz am 11. Februar 2011 in Ägypten allgegenwärtig war.

Dieses Foto stammte aus der Anfangsphase seiner Präsidentschaft. Später wurde es zu einem Sinnbild für den Stillstand in Ägypten, denn dieses offiziell verbreitete Bild Mubaraks hatte mit dem immer älter werdenden Autokraten, der in der Realität die Geschicke des Landes lenkte, nur noch wenig zu tun.

Hosni Mubarak legte Zeit seines politischen Lebens großen Wert darauf, so gewürdigt zu werden, wie er es seiner Meinung nach verdiente. Und die staatlich kontrollierten Medien seines Landes waren ihm dabei stets willfährig zu Diensten. So veränderte die offiziöse Tageszeitung "Al-Ahram" noch wenige Monate vor Mubaraks Sturz ein Foto von den damaligen Nahost-Friedensgesprächen in Washington so, dass der ägyptische Präsident in den Mittelpunkt gerückt und seine Kollegen aus den USA und dem Nahen Osten zu bloßen Statisten degradiert wurden.

Hosni Mubarak hinten links - die halbstaatliche Tageszeitung "Al-Ahram" montierte ihn vor Obama und Co.

Hosni Mubarak hinten links - die halbstaatliche Tageszeitung "Al-Ahram" montierte ihn vor Obama und Co.

Foto: Alex Wong/ Getty Images

Mubaraks sprichwörtliche Eitelkeit speiste sich aus seiner Biografie. Er war ein Emporkömmling, der es aus einer Mittelschichtfamilie im Nildelta bis an die Spitze des ägyptischen Staates schaffte. Sein gesellschaftlicher Aufstieg begann mit dem Eintritt in die Armee. Rasch kletterte der Kampfjetpilot in der Luftwaffe die Karriereleiter nach oben, nach einer militärischen Ausbildung, die ihn unter anderen in die Sowjetunion geführt hatte, wurde Mubarak 1972 schließlich Chef der Luftstreitkräfte und stellvertretender Verteidigungsminister. Drei Jahre später ernannte ihn der damalige Präsident Anwar Al-Sadat zu seinem Stellvertreter.

"Ich oder die Islamisten"

Damit stieg der begeisterte Squashspieler zum Kronprinzen auf. Zusammen mit Sadat handelte er das Friedensabkommen mit Israel aus, das Ägypten zwar internationale Anerkennung und üppige Militärhilfen aus den USA einbrachte, innenpolitisch aber höchst umstritten war. Am 6. Oktober 1981 töteten Islamisten den verhassten Sadat während einer Militärparade. Mubarak, der mit dem Präsidenten auf der Tribüne saß, überlebte das Attentat wie durch ein Wunder mit leichten Verletzungen.

Als Sadats Nachfolger im Präsidentenamt stützte sich Mubarak auf die Armee und die Geheimdienste. Er verhängte erneut den Ausnahmezustand, den sein Vorgänger erst Monate zuvor ausgesetzt hatte. Rücksichtslos ging er gegen die islamistische Opposition am Nil vor. Nicht nur jene gerieten ins Visier, die Sadat vor seinen Augen erschossen hatten, sondern auch gemäßigte Islamisten, die Gewalt ablehnten, verfolgten die Geheim- und Sicherheitsdienste rigoros.

"Ich oder die Islamisten" - Mit diesem Schreckensbild rechtfertigte Mubarak seine Politik im Ausland. Die westlichen Verbündeten schauten deshalb bei Menschenrechtsverletzungen in Ägypten gern weg. Auch, weil der Raïs den von Sadat geschlossenen kalten Frieden mit Israel einhielt, obwohl die arabischen Bruderstaaten sein Land deshalb weiterhin schnitten.

Dafür ließ sich Mubarak von den USA fürstlich entlohnen. Ägypten wurde zum wichtigsten arabischen Verbündeten Washingtons. Rund 60 Milliarden Dollar überwiesen die Vereinigten Staaten in den 30 Jahren bis zur Revolution als Militär- und Wirtschaftshilfe nach Kairo - vieles davon landete direkt in den Taschen der Präsidentenfamilie und der Armeeführung. Als Mubarak sich 1990 nach der irakischen Invasion Kuwaits in die Allianz gegen Saddam Hussein einreihte, erließen die großen Wirtschaftsnationen den Ägyptern den Großteil ihrer Auslandsschulden.

Damals stand der Diktator auf dem Gipfel der Macht. Seine islamistischen Herausforderer saßen im Gefängnis oder im Exil, in der arabischen Welt war er wichtigster Verbündeter der letzten verbliebenen Weltmacht. Doch Mubarak machte wenig daraus. Von den Finanzhilfen aus dem Westen profitierte nur eine Minderheit, während große Teile der Bevölkerung ohne Perspektive aufwuchsen und verarmten. Außenpolitisch bemühte sich der Staatschef, Akzente zu setzen, doch sämtliche Vermittlungsversuche zwischen Israelis und Palästinensern blieben erfolglos.

Ausgerechnet die Armee besiegelte sein Ende

Immer wieder stellte der Präsident vage Reformen in Aussicht - allein, es blieb bei leeren Versprechungen. Im Gegenteil: Nach einem gescheiterten Anschlagsversuch militanter Islamisten gegen ihn 1995 in Addis Abeba und dem Terrorangriff 1997 gegen westliche Touristen in Luxor zog er innenpolitisch die Daumenschrauben wieder an. Gesellschaftspolitisch überließ er den Islamisten hingegen zusehends das Feld. Sie durften in den Moscheen unbehelligt einen streng konservativen Islam predigen, solange sie die Macht des Staates nicht allzu offen infrage stellten.

Für Mubaraks politisches Ende sorgten schließlich ohnehin nicht die Islamisten, sondern zwei Gruppen, die der Diktator nicht auf der Rechnung hatte: Die gut ausgebildete städtische Jugend und ausgerechnet die Armee. 18 Tage lang sah die Militärführung Anfang 2011 zu, wie sich junge Ägypter in Kairo, Alexandria, Suez und vielen anderen Städten gegen das Regime erhoben. Dann setzte die Armee dem Treiben ein Ende, weil sie um ihre eigenen Privilegien fürchtete. Die Militärspitze zwang den damals 82-jährigen Mubarak zum Rücktritt und übernahm selbst die Macht.

Nach fast 30 Jahren endete damit die Herrschaft des Mannes, den viele Ägypter halb respektvoll, halb ängstlich als Pharao bezeichneten. Die meisten hatten in ihrem Leben nie einen anderen Staatschef kennengelernt.

Mubarak und seine Familie flüchteten zunächst in ihre Ferienresidenz nach Scharm al-Scheich ans Rote Meer. Doch der Aufenthalt in der Sommerfrische war nur von kurzer Dauer. Im April 2011 verhafteten ihn die Behörden, im August 2011 begann in Kairo der erste von mehreren Prozessen gegen Mubarak.

Er wurde teilweise zu Haftstrafen verurteilt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zum größten Teil in einem Militärkrankenhaus in Kairo, reuelos. Im März 2017 sprach das oberste Gericht Ägyptens den Ex-Staatschef schließlich von dem Vorwurf frei, Mitschuld am Tod von mehr als 800 Demonstranten während der Aufstände gehabt zu haben.

Und doch: Das öffentliche Verfahren gegen Mubarak war eine Genugtuung für jene, die unter seiner Herrschaft gelitten hatten. Die wenigsten Ägypter hätten sich je träumen lassen, den Diktator jemals vor Gericht zu sehen. Dieses Bild wird bleiben. Über seinen Tod hinaus, der nun bekannt wurde - in einem Ägypten, das unter der Führung des neuen Machthabers Abdel Fattah el-Sisi repressiver ist, als es zu Mubaraks Zeiten vorstellbar schien.