Kampf um Idlib Der syrische Gazastreifen

Die Waffenruhe in Idlib hält vorerst - doch der Konflikt zwischen der Türkei und Russland ist nicht gelöst. Ein bedrückendes Szenario zeichnet sich ab.
Türkische Soldaten bei Idlib: Seit mehr als einer Woche keine Luftangriffe auf zivile Ziele

Türkische Soldaten bei Idlib: Seit mehr als einer Woche keine Luftangriffe auf zivile Ziele

Foto: Khalil Ashawi/ REUTERS

Der Kriegseinsatz währte nicht lang. Eine knappe Woche kämpfte das türkische Militär im Zuge der Operation "Frühlingsschild" gegen die Truppen von Syriens Diktator Baschar al-Assad in Idlib, ehe sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 5. März mit Assads wichtigstem Unterstützer, Russlands Präsident Wladimir Putin, auf einen Waffenstillstand verständigte. 

Erdogan hatte mit dem Feldzug zumindest ein Ziel vorübergehend erreicht: Er stoppte den Vormarsch Assads in Idlib, der letzten Rebellenhochburg im Nordwesten Syriens. Das türkische Militär fügte Assads Armee beträchtlichen Schaden zu: Es zerstörte Jets, Panzer, Waffenlager und tötete zum Teil hochrangige regimetreue Offiziere.

Der Westen will Erdogan nicht helfen

Der Erfolg der Türkei auf dem Schlachtfeld dürfte aber nicht von Dauer sein. Erdogan ist sich darüber bewusst, dass er die Offensive Assads gegen den Willen Putins und ohne Unterstützung aus dem Westen nur verlangsamen, aber nicht dauerhaft aufhalten kann. Bei seinen Treffen mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen Anfang der Woche in Brüssel wurde deutlich, dass er von Europa keine substanzielle Hilfe erwarten kann.

Der Waffenstillstand zwischen der Türkei auf der einen sowie Russland und dem Assad-Regime auf der anderen Seite hat den Menschen in Idlib zumindest eine kurze Verschnaufpause verschafft. Seit mehr als einer Woche hat es keine Luftangriffe auf zivile Ziele mehr gegeben. Dutzende Lastwagen mit Hilfsgütern brachten seit Beginn der Feuerpause dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente zu den eingeschlossenen Flüchtlingen. Aber: Hunderttausende Menschen sind weiterhin in dem syrisch-türkischen Grenzgebiet gefangen, vor sich die türkische Grenzmauer, hinter sich die Schergen des Assad-Regimes. Die Uno spricht von der "fürchterlichsten Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts" - für die sich aber angesichts der Corona-Pandemie immer weniger Menschen interessieren.

Erdogan will den Fall Idlibs an das Assad-Regime um jeden Preis verhindern. Zum einen, weil er fürchtet, dass dann weitere Flüchtlinge über die Grenze drängen würden. Die Türkei beherbergt nach eigenen Angaben schon jetzt rund dreieinhalb Millionen Syrer, mehr als jedes andere Land. Zum anderen wäre der vollständige Verlust Idlibs der Beleg dafür, dass Erdogans Syrien-Politik gescheitert ist und sich der türkische Staatschef von seinem russischen Amtskollegen hat ausmanövrieren lassen.

Putin demütigt Erdogan

Erdogan hatte darauf vertraut, dass seine Männerfreundschaft zu Putin ausreichen würde, um in Idlib türkische Interessen durchsetzen zu können. Nun muss er feststellen, dass die Beziehung zu Putin weit weniger belastbar ist, als er das angenommen hat. Erdogan musste sich von Putin öffentlich demütigen lassen. Wenige Tage nach ihrem Gipfeltreffen in Moskau veröffentlichte der Kreml Aufnahmen, die zeigen, wie Putin seinen türkischen Gast wie einen Bittsteller fast zwei Minuten vor verschlossener Tür warten ließ. Das russische Staatsfernsehen blendete eigens eine Stoppuhr ein, die die Wartezeit sekundengenau mitzählte.

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Zwar hält der Waffenstillstand im Moment, trotz einzelner Scharmützel zwischen Rebellen und Assad-Truppen kam es seit dem 5. März zu keinen größeren Gefechten, doch es ist nach wie vor unwahrscheinlich, dass das langfristig so bleiben wird. Während der Feuerpause hat die Türkei ihre Truppen in Idlib verstärkt. Laut Augenzeugen haben seit dem vergangenen Wochenende mindestens vier türkische Militärkonvois die syrische Grenze überquert. Russland zeigt derzeit keine Eile. Mit der Erfahrung, dass sich Moskaus Position gegenüber der Türkei in Syrien seit Beginn der russischen Intervention 2015 kontinuierlich verbessert hat, kalkuliert Putin, dass ihm die Zeit in die Hände spielt.

Dass es aber früher oder später eine neue Kampfrunde geben wird, scheint unausweichlich. Denn der grundlegende Konflikt zwischen beiden Seiten besteht nach wie vor: Die Türkei will nicht zulassen, dass die Flüchtlingslager auf syrischer Seite vom Assad-Regime überrannt werden. Der Diktator in Damaskus hat mehrfach angekündigt, dass er ganz Syrien von den Rebellen zurückerobern will.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hat in einer Fernsehansprache diese Woche Bereitschaft signalisiert, Territorium südlich der Schnellstraße M4, das im Moment noch von Rebellen kontrolliert wird, an Russland zu übergeben. Das Rebellengebiet würde damit weiter schrumpfen. Übrig bliebe ein winziges, dicht bevölkertes Gebiet auf der syrischen Seite der Grenze. Militärisch kontrolliert von Milizen, die mit der Türkei verbündet sind, eigenständig nicht überlebensfähig und nahezu vollständig abhängig von internationalen Hilfen. In der Türkei vergleicht man dieses Gebilde mit dem Gazastreifen. Aus türkischer Sicht ist das im Moment offenbar gerade das bestmögliche Szenario.

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