Bekannte somalische Friedensaktivistin "Wir bringen den Jungs bei, was es heißt, ein echter Mann zu sein"

Sie gilt als eine der einflussreichsten Stimmen Afrikas: Ilwad Elman ist in ihre Heimat Somalia zurückgekehrt, um Kindern und Frauen zu helfen. Selbst ein schwerer Schicksalsschlag brachte sie nicht von ihrem Weg ab.
Ein Interview von Sophia Bogner und Paul Hertzberg
Ilwad Elman: "Wer einmal einen ersten Eindruck von Frieden und Stabilität bekommt, will nie mehr zurück in den Krieg"

Ilwad Elman: "Wer einmal einen ersten Eindruck von Frieden und Stabilität bekommt, will nie mehr zurück in den Krieg"

Foto: privat
Globale Gesellschaft

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Piraten an der Küste, islamistische Milizen im Landesinneren: Somalia gilt vielen als eines der schlimmsten Länder der Welt. Spätestens seit dem US-Kriegsfilm Black Hawk Down aus dem Jahr 2001 steht das Land fast nur noch für eins: Lebensgefahr.

Darauf angesprochen reagiert Ilwad Elman leicht genervt. "Medien auf der ganzen Welt", sagt sie, "schauen nur nach Somalia, wenn wieder etwas Schreckliches passiert." Dabei sei das Land so viel mehr. Für Elman, 30, bedeutet Somalia: Zuhause. Sie liebt die Menschen dort und die weißen Strände. Sie sagt: "So vieles hier ist besser geworden." Trotzdem will sie kein übertrieben positives Bild ihrer Heimat zeichnen. Dafür sei das Land immer noch zu kaputt.

Ilwad Elman mit Außenminister Heiko Maas bei der Verleihung des Deutschen Afrikapreises am 27. Oktober 2020 in Berlin

Ilwad Elman mit Außenminister Heiko Maas bei der Verleihung des Deutschen Afrikapreises am 27. Oktober 2020 in Berlin

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstock

Elman war noch ein Kind, zwei Jahre alt, als sie 1992 mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern vor dem Bürgerkrieg aus Somalia floh. Ihr Vater blieb – um seine Arbeit mit ehemaligen Kindersoldaten fortzusetzen. Vier Jahre später wurde er ermordet. Ilwad Elman wuchs in Kanada auf, aber beschloss mit 19, nach Somalia zurückzukehren.

Dort baute sie in Mogadischu, gemeinsam mit ihrer Mutter die alte Hilfsorganisation ihres Vaters wieder auf: Das Elman Peace Center, eine NGO, die für die Rechte von Frauen und Kindern in Somalia kämpft und Opfern sexueller Gewalt hilft. Gewalt gegen Frauen ist in Somalia alltäglich, es fehlt ihnen an politischer Teilhabe und an Bildungschancen. Ganz langsam ändert sich das – auch wegen Elmans Arbeit.

Die Somalierin gilt mit gerade einmal 30 Jahren bereits als eine der 100 einflussreichsten Stimmen Afrikas. Ihre Programme helfen mittlerweile nicht nur Menschen in Somalia, sondern auch in Mali, Kamerun und Nigeria. 2019 stand Elman auf der Shortlist für den Friedensnobelpreis. Kürzlich wurde ihr in Berlin von Außenminister Heiko Maas der Deutsche Afrikapreis überreicht.

Foto: Farah Abdi Warsameh / AP

Ilwad Elman, Jahrgang 1989, gilt als eine der wichtigsten Stimmen im somalischen Friedensprozess. Gemeinsam mit ihrer Mutter, Fartuun Adan, gründete sie 2010 das erste Zentrum für Opfer sexueller Gewalt in Somalia; die NGO wird durch Spenden finanziert. Bereits mit 25 Jahren sprach Elman vor dem Uno-Sicherheitsrat über die Situation von Zivilisten in Kriegsgebieten. Kofi Annan war einer ihrer Mentoren. Elman hat zwei Schwestern: Die Jüngere, Oberstleutnant Iman Elman, ist eine der höchstrangigsten Frauen im somalischen Militär und die einzige weibliche Abteilungsleiterin. Die ältere Schwester, Almaas Elman, eine Friedensaktivistin, starb im November 2019 bei einem Schusswechsel in Mogadischu. Ilwad Elman lebt in Somalia.

SPIEGEL: Frau Elman, Sie sind 30 Jahre alt. Somalia ist Ihr ganzes Leben lang ein Ort des Bürgerkriegs, des Terrorismus und der Gewalt gegen Frauen gewesen. Wie kommen Sie darauf, dass sich das in Zukunft ändern wird?

Ilwad Elman: Ich denke, Frieden ist heute zum Greifen nahe. Wann immer es zu einem Anschlag kommt, spekulieren die internationalen Medien zwar, dass Somalia in einen Kriegszustand wie bei "Black Hawk Down" zurückfallen könnte. Aber ich glaube nicht, dass das jemals passieren wird.

SPIEGEL: Sie wirken überzeugt, warum?

Elman: 78 Prozent der Somalier sind unter 30. Diese Menschen kannten bisher keinen Frieden. Sie haben Somalia noch nie so stabil und ruhig erlebt wie jetzt. Und wer einmal einen ersten Eindruck von Frieden und Stabilität bekommt, will nie mehr zurück in den Krieg.

Straßenszene aus Mogadischu, August 2020

Straßenszene aus Mogadischu, August 2020

Foto: Anadolu Agency / Getty Images

SPIEGEL: Sie sind 2010 aus Kanada nach Somalia zurückgekehrt. Wie hat sich das Land seitdem verändert?

Elman: Als ich nach Mogadischu zurückkam, kontrollierte die al-Shabaab-Miliz weite Teile des Landes. Die Frontlinie des Krieges, von der man in Filmen hört, ging buchstäblich durch meinen Hinterhof. Heute gibt es ein soziales Leben in Mogadischu, mit Restaurants und Cafés – man kann sich frei durch die Stadt bewegen. Es gibt eine wachsende Kreativszene. Und viele Menschen aus der Diaspora, die zurückkommen.

SPIEGEL: Ihre Stiftung war die erste in Somalia, die sich um Opfer sexueller Gewalt kümmerte. Wie hat sich die Situation der Frauen in Somalia entwickelt?

Elman: Als wir 2010 das erste Vergewaltigungskrisenzentrum eröffneten, hatte das Land gerade eine verheerende humanitäre Krise durchlebt.

SPIEGEL: Eine Folge des Bürgerkriegs.

Elman: Genau, mehr als 250.000 Menschen waren gestorben. Frauen und Mädchen wurden öffentlich vergewaltigt und es gab keine Anlaufstellen für sie. In einer Pressekonferenz sagte der damalige Präsident, in Somalia gäbe es keine Vergewaltigung. Jeder, der das behaupte, diffamiere unsere Kultur, unsere Religion, unsere Gesellschaft. In dieser Situation haben wir unser Zentrum eröffnet. Gleichzeitig begann eine nie dagewesene Diskussion über sexuelle Gewalt. Frauen gingen an die Öffentlichkeit. Als dann 2012 die neue Regierung an die Macht kam, gab es zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine Vizepremierministerin.

SPIEGEL: Sie haben immer wieder betont, wie wichtig es sei, soziale Normen zu ändern, die zu der Unterdrückung von Frauen beitragen. Wie gelingt Ihnen das in Ihrer täglichen Arbeit?

Elman: In dem wir auf Bildung setzen. Und auf die Menschen. Wir haben zum Beispiel ein Programm namens "Coaching boys to men". Die Jungs machen mit, weil sie lernen wollen, wie man Fußball spielt. Aber wir bringen ihnen auch bei, wie sie sich mit Frauen solidarisieren können und was es heißt, ein echter Mann zu sein. Ein echter Mann vergewaltigt keine Frau. Ein echter Mann schlägt seine Freundin nicht. Wir versuchen, mit ihnen eine Haltung zu entwickeln, einen starken Charakter.

SPIEGEL: Es geht also darum, die Männer zu verändern?

Elman: Nicht nur die Männer. Auch Frauen sind die Hüterinnen schrecklicher Traditionen. Wir sehen das bei unserer Arbeit mit Opfern von Genitalverstümmelung. Oft sind es die Mütter, die darauf drängen, dass sich ihre Töchter dieser Praxis unterziehen. Genitalverstümmelung ist heute in unserer provisorischen Verfassung verboten, trotzdem hört die Praxis nicht auf. Ein Großteil unserer Arbeit zielt also darauf, Frauen und Mädchen beizubringen, selbstbestimmt zu handeln und kritisch zu denken. Das braucht viel Zeit, und wir müssen immer wieder Rückschläge hinnehmen.

Ilwad Elman baute das Elman Peace Center in Mogadischu wieder auf

Ilwad Elman baute das Elman Peace Center in Mogadischu wieder auf

Foto: privat

SPIEGEL: Im Zuge der Coronakrise steigt die Gewalt gegen Frauen fast überall auf der Welt. Die nigerianische Frauenministerin sprach sogar von einer "Epidemie der Vergewaltigungen" und die Uno von einer "Schattenpandemie". Wie ist die Lage in Somalia?

Elman: Man sagt, Konflikte werden zuerst auf den Körpern von Frauen ausgetragen. So war es hier zum Beispiel, als wegen des Lockdowns die Flüge gestrichen wurden und deswegen kein Kat mehr ins Land kam.

SPIEGEL: Das ist eine Droge.

Elman: Genau. Viele hier sind davon abhängig und normalerweise erreichen täglich mehrere Kat-Lieferungen das Land. Aber während des Lockdowns mussten viele Menschen in den kalten Entzug. Das führte zu Ersatz-Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch. Als direkte Folge sahen wir eine krasse Steigerung der Gewalt gegen Frauen.

SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat die deutsche und europäische Außenpolitik auf die Lage in Somalia?

Elman: Jedes Jahr versuchen Hunderttausende, aus Somalia und anderen afrikanischen Ländern zu flüchten und über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Deutschland hat einen guten Ruf in Somalia, es gilt als nicht zu politisch, als unparteiisch, aber auch als verlässlicher Partner im Bereich Entwicklung und Frauenrechte. Aber ich denke, es gehört auch zu meiner Verantwortung, auf Versäumnisse und Grenzen hinzuweisen.

SPIEGEL: Was kritisieren Sie?

Elman: Die EU hat in der Flüchtlingspolitik lange Zeit einen guten Job gemacht und viele Menschen haben davon profitiert. Aber in letzter Zeit müssen wir uns fragen: Wird die Lage noch gut gehandhabt? Was wir in Griechenland sehen, ist ein verabscheuungswürdiges Versagen. Und was wir in Somalia sehen, ist, dass Europa viel investiert, um Menschen zur Rückkehr nach Afrika zu bewegen, aber nichts getan wird, um die Lage in den jeweiligen Ländern zu verbessern – und damit die Fluchtursachen zu bekämpfen. Das ist grundfalsch, denn: Niemand will ein Flüchtling sein.

John Kerry, damaliger US-Außenminister mit Ilwad Elman (3. v. r.) und ihrer Mutter Fartuun Adan (4. v. r.) im Mai 2015

John Kerry, damaliger US-Außenminister mit Ilwad Elman (3. v. r.) und ihrer Mutter Fartuun Adan (4. v. r.) im Mai 2015

Foto: ZUMA Press / imago images

SPIEGEL: Ihre eigene Familie floh aus Somalia, als Sie noch sehr jung waren. Nur Ihr Vater blieb, um seine humanitäre Arbeit fortzusetzen. 1996 wurde er dort ermordet. Warum sind Sie trotzdem zurückgekehrt?

Elman: Ich wollte verstehen, warum meine Mutter nach Somalia zurückgekehrt war. Sie hatte meine Schwestern und mich in Kanada gelassen, als ich 16 war. Das war 2006, die Lage in Somalia war hart, und wir verloren immer wieder den Kontakt zu ihr. Am Anfang wollte ich mich davon überzeugen, dass es ihr gut ging. Ich hatte nie vor, für immer zu bleiben. Aber aus einem Monat wurden drei, wurden zwei Jahre und dann zehn. Ich blieb, weil ich sah, dass die Menschen dort meine Mutter brauchten. Und weil ich sah, dass diejenigen, denen sie half, aussahen wie ich und so alt waren wie ich. Das berührte mich. Ich habe einen Sinn dort gefunden, ein Ziel. Ich habe festgestellt, dass meine Ideen, dass Lösungen, die ich mir ausgedacht hatte, einen echten Einfluss auf das Leben von Menschen haben können.

Ilwad Elman bei der Trauerfeier für ihre Schwester Almaas Elman im November 2019

Ilwad Elman bei der Trauerfeier für ihre Schwester Almaas Elman im November 2019

Foto: Farah Abdi Warsameh / AP

SPIEGEL: Vergangenes Jahr im November wurde Ihre Schwester bei einem Schusswechsel in Mogadischu getötet. Gibt es manchmal Momente, in denen Sie denken, ich kann nicht mehr, jetzt haben wir genug geopfert?

Elman: Ja, es gab diesen Moment, in dem wir dachten, vielleicht sei Somalia noch nicht bereit für unsere Ideen. Dass wir genug verloren hätten und es nicht feige wäre, einen Schritt zurückzutreten. Dass es vielleicht andere Wege gäbe, wie wir dem Land helfen könnten. Aber wir verließen Somalia dann doch nur für einen Monat und kamen schon im Dezember zurück. Es gab keine Alternative. Der beste Weg, die zu ehren, die man verloren hat, ist, sein Leben in ihrem Sinn weiterzuleben. Für meine Familie und mich war es sehr heilsam, von Menschen umgeben zu sein, die wissen, wie sich diese Art von Verlust anfühlt. Und in Somalia weiß das fast jeder. Das hat uns etwas verstehen lassen: Manchmal ist der einzige Weg heraus aus einer Situation der, der noch tiefer hineinführt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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